Landwirtschaft RHEINPFALZ Plus Artikel Tierwohl: Was ist das eigentlich?

In Dänemark, Finnland oder den Niederlanden werden Halter bestraft, die durch hohe Verluste in den Ställen und eine schlechte Ti
In Dänemark, Finnland oder den Niederlanden werden Halter bestraft, die durch hohe Verluste in den Ställen und eine schlechte Tiergesundheit auffallen. Experten halten dieses System für sinnvoller als ein abstraktes Tierwohl-Etikett auf der Verpackung. Zudem wäre es kein Problem, das auch in Deutschland einzuführen – die notwendigen Daten werden erhoben. Doch die Lobbyisten sind mal wieder stärker.

Alles redet von guter Tierhaltung. Doch manchmal kann es der gut geführte konventionelle Betrieb besser als der lieblose Biohof.

Verflixt, sind die süß! Ein gutes Dutzend Ferkel, wenige Tage alt, drängt mit wackelnden Schwänzchen zu den Zitzen. Die Sau liegt auf dem Boden aus Kunststoff und wartet geduldig, bis eins nach dem anderen seinen Platz gefunden hat. Dazu der warme, kitschige Schein der Rotlichtlampe. Selbst der scharfe Stallgeruch stört nicht mehr, er gehört irgendwie dazu.

Was für ein Widerspruch: Sich von jungen Tieren anrühren zu lassen – um sie dann, wenn sie älter sind, zu verspeisen. So geht es vielen. Neun von zehn Deutschen essen Fleisch oft mit schlechtem Gewissen. Wegen der Massentierhaltung.

Tierwohl wird deshalb zunehmend zum Kaufargument. Doch wann genau geht es Schwein, Rind und Co. gut? Dazu wird unter anderem am staatlichen Forschungsinstitut für Nutztierbiologie in Dummerstorf bei Rostock gearbeitet. Die rund 300 Mitarbeiter untersuchen etwa, wie Rinder gegen Hitze geschützt werden können oder welche Gefühle Schweine durch ihre Grunzlaute ausdrücken.

Die Ferkel, die gerade trinken, scheinen sich sauwohl zu fühlen, trotz konventioneller Haltung mit dem typischen Spaltenboden und einem Gitter um die Mutter. Eine Abteilung mit Bio-Haltung, also 7,5 statt 6,5 Quadratmetern Liegefläche plus Auslauf ins Freie, ist gleich nebenan. Geht es den Tieren dort besser?

Bio-Schweine haben häufiger Parasiten

„Schwer zu sagen“, meint Marianne Zenk, die Chefin im Stall. Auslauf für die Tiere sei gut, weil sie gern in der Erde wühlen, doch dort gibt es Parasiten wie zum Beispiel Leberegel. „Bio-Schweine sind häufiger davon befallen“, sagt sie. In der konventionellen Zucht werden die Ferkel zudem vier Wochen gesäugt, bei bio gebe es zwei mehr. „Für die Ferkel ist das vielleicht gut“, sagt Zenk. „Aber die Sauen strengt das wirklich an, sie brauchen sehr lange, um sich zu erholen.“

Und: Das Metallgitter um die Mutter mag unnatürlich erscheinen, doch es rettet Leben. Zenk: „In der Bio-Haltung ohne Gitter gibt es mehr Erdrückungsverluste bei den Ferkeln.“

Beim Tierwohl gelten drei Faktoren: die Gesundheit, das Ausleben natürlicher Verhaltensweisen und der emotionale Zustand. Teilweise stehen sie im Widerspruch, wie der Parasitenbefall zeigt. Und so haben sich auf der Suche nach dem Kompromiss in Deutschland die vier Haltungsstufen durchgesetzt. Sie reichen von konventioneller Stallhaltung über Außenkontakt bis zur Premiumzucht mit Auslauf im Freien, die jedem Schwein doppelt so viel Platz gibt wie gesetzlich vorgeschrieben. Dazu gehören alle Bio-Standards.

Die Haltungsform auf der Verpackung war bisher freiwillig. Für die Schweinezucht wurde nun ab 2024 eine Kennzeichnungspflicht in fünf Stufen beschlossen. Das Berliner Landwirtschaftsministerium will das Prinzip auch auf Rinder oder Hühner, die Gastronomie und verarbeitete Produkte ausweiten.

Auf Etiketten muss man erst mal vertrauen

Wie bei allen Etiketten gilt: Verbraucher müssen darauf vertrauen, dass sauber gearbeitet und regelmäßig kontrolliert wird. Manche Bauern gehen inzwischen den direkten Weg, öffnen ihre Tore, stehen mit ihrem Namen für die Erzeugnisse, suchen individuelle Vertriebswege, etwa über das Internet – sind jedoch oft auch teurer.

Aber entscheidend für das Tierwohl sei weniger die formale Haltung, sondern wie gut die Tiere betreut werden, gibt Zenk zu bedenken. Man müsse hinschauen: Ist ein Schwein blass oder struppig, hat es Schnupfen oder Durchfall, Probleme beim Laufen – wer frühzeitig Probleme erkennt, kann schneller helfen. Auch hinhören sei wichtig. „Wenn Gefahr droht, quieken sie anders“, sagt die Agraringenieurin. „Dann springe ich aus meinem Büro.“

In einem kleinen Forschungsstall geht das, in einer großen Mastanlage mit Hunderten Schweinen wird das schwieriger. Wie überhaupt fraglich ist, inwiefern Tierwohlstudien auf echte Großställe übertragbar sind. „Der Preisdruck am Markt ist massiv, es wird am Personal gespart, das teilweise weniger als eine Minute pro Tag hat, um ein einzelnes Tier anzuschauen“, erzählt Sandra Düpjan, Verhaltensbiologin in Dummerstorf.

Auch ihr fällt es schwer, die Frage konventionell oder bio klar zu beantworten: „Es gibt kaum wissenschaftliche Untersuchungen, die beide Haltungsbedingungen vergleichen.“ Bio sei eher aus einem Umweltschutzgedanken hervorgegangen und weniger vom Tierwohl her gedacht worden.

Bio bedeutet wahrscheinlich mehr Tierwohl

Im direkten Vergleich mit der konventionellen Haltung sieht Düpjan bei Bio-Haltung „sehr wahrscheinlich mehr Tierwohl“. Weil die Schweine mehr Auslauf haben, im Boden wühlen und ihren Wohlfühlplatz suchen können. Doch viel hänge vom Management im Stall ab. Ein gut geführter konventioneller Betrieb mit Mitarbeitern, die genau hinschauen, an heißen Sommertagen vielleicht eine Dusche herrichten oder extra Spielzeug anbieten, kann besser sein als ein lieblos wirtschaftender Biohof.

„Beschäftigung ist immer gut, damit sich die Tiere nicht langweilen und beispielsweise anfangen, sich gegenseitig an den Schwänzen zu knabbern“, sagt die Biologin. Doch sie sollte zum Verhalten der Tiere passen. So faszinierend Bälle für Menschen sein mögen, „ich habe hier bisher ein einziges Schwein erlebt, das gern mit einem Ball gespielt hat“.

Besser sei Langstroh, das aus Netzen oder Gefäßen geholt werden muss. Das fordere die Tiere, wenn sie es fressen, haben sie seltener Magengeschwüre. Konventionelle Schweinehalter allerdings mögen Stroh weniger. „Gelangt es in den Spaltenboden, können die Güllepumpen verstopfen, frisst das Schwein zu viel davon, nimmt es weniger Kraftfutter und damit weniger an Gewicht zu.“

Egal ob Schwein, Rind oder Geflügel – was jeder einzelne Betrieb an solchen Kleinigkeiten fürs Tierwohl tut und was er unterlässt, bleibt dem Verbraucher verborgen. Und bei der Haltungsform werde ein maßgeblicher Faktor ausgespart, kritisiert Albert Sundrum: die Tiergesundheit.

Die Tiergesundheit wird übersehen

Einem Tier, das unter Schmerzen leidet, nützt der größere Auslauf nichts, kritisiert der langjährige Leiter des Fachgebiets Tierernährung und Tiergesundheit der Universität Kassel. Biohöfe seien da nicht besser: „Dort sind die Erkrankungsraten auf gleichem Niveau wie in konventionellen Betrieben“, betont Sundrum.

Verglichen mit anderen Staaten liege Deutschland im unteren Mittelfeld, weit hinter Dänemark, Finnland oder den Niederlanden. Dort wird ein Prinzip angewendet, das der Wissenschaftler gern übernehmen würde: Für jeden Betrieb werden Kennzahlen ermittelt, in die die Todesfallraten eingehen und Befunde der Fleischbeschau im Schlachthof.

Wer wiederholt auffallend viele kranke Tiere oder Verluste hat, wird sanktioniert. Das können Abzüge bei der Bezahlung der geschlachteten Tiere sein oder dass sich weiterverarbeitende Unternehmen wie Molkereien und Schlachthöfe weigern, die Rohwaren abzunehmen, erzählt der Forscher. Schlimmstenfalls werde die Berechtigung entzogen, Lebensmittel zu erzeugen.

Sundrum: „Die relevanten Daten werden auch hierzulande erhoben, für die Lebensmittelsicherheit und für Qualitätssicherungssysteme. Aber es gibt keinen zentralen Zugriff, um den Tierschutz zu verbessern.“ Das zu ändern sei schwer, weil es starke Lobby auf mehreren Seiten gebe.

Die Bauernverbände verhindern Reformen

Da seien zum einen die landwirtschaftlichen Verbände. Sie fürchteten Mitglieder zu verlieren, wenn die Gefahr besteht, dass einzelne Betriebe im Ranking auffallen und bestraft werden. Da sei zum anderen der Tierschutzbund, der sich auf Flächengrößen und Haltungsbedingungen konzentriere, aber nicht auf die veterinärmedizinischen Aspekte.

Womöglich könnte ein nationales Tierwohlmonitoring etwas bewegen. Seit 2019 haben zehn wissenschaftliche Einrichtungen ein Konzept erarbeitet, wie der Stand in der Haltung ermittelt werden kann, um dann gezielt die Haltungsbedingungen zu verbessern. Im Juni wurde der Bericht dem Bundeslandwirtschaftsministerium übergeben. Berlin prüft.

Sundrum ist unzufrieden. „Es wird nur ein nationaler Durchschnitt anhand von Stichproben ermittelt, aber nicht der Einzelbetrieb mit Verstößen adressiert.“ Damit sei eine große Chance vertan worden. „Wenn man für jeden Betrieb die Tiergesundheit und die Haltungsbedingungen erfasst, ist das ein guter Gradmesser für das Tierwohl.“

Zugleich wäre es eine Chance für die Halter, die nach Sundrums Ansicht in einer Sackgasse stecken: Sie sind abhängig von den Weltmarktpreisen und versuchen, die Kosten weiter zu drücken. „Den Unterbietungswettbewerb kann man nicht gewinnen, man kann nur mit Qualität gewinnen.“ Wenn das Wohlergehen der Tiere nachweislich besser ist, sei das gut für das Image und es ließen sich höhere Preise erzielen, meint er.

Der Umbau ist teuer

„Die heute verbreitete Form der Tierhaltung in Deutschland ist nicht mehr zeitgemäß, immer mehr Menschen wollen das nicht mehr – das haben auch die Landwirte verstanden“, ist der Agrarökonom Achim Spiller von der Universität Göttingen überzeugt. Er registriert große Unsicherheit bei den Betrieben, die sich fragten, wie Politik und Markt reagieren.

Klar ist, dass der Umbau zu tierwohlfreundlichen Systemen teuer ist: bis 2040 jährlich rund drei Milliarden Euro – für alle Tierarten, schätzt die vom Bund dafür eingesetzte Borchert-Kommission. Legt man das auf die Verbraucher um, sind das rund 40 Cent mehr pro Kilogramm Fleisch. Deutlich weniger als Bio-Produkte, die schnell doppelt so viel kosten. Umfragen zufolge wäre die Hälfte der Menschen bereit, diese 40 Cent mehr für konventionelle Fleischwaren zu bezahlen.

Doch es gibt ein Problem: „Konsumenten mit hohen Ansprüchen an eine bessere Tierhaltung essen kein oder nur wenig Fleisch, wer viel verzehrt, hat meist geringere Ansprüche“, betont Spiller. Der Markt würde das also nicht regeln, der Tierwohl-Cent müsste anders organisiert sein.

Die Politik haben die Vorschläge nicht interessiert

Die Borchert-Kommission, der Spiller ebenfalls angehört, hat verschiedene Vorschläge gemacht. Dazu zählt eine Fleischsteuer oder den ermäßigten Mehrwertsteuersatz für Fleisch abzuschaffen. Doch die Politik mauert. Die Borchert-Kommission jedenfalls, deren Konzept seit 2020 vorliegt, wollte sich nicht länger mit vagen Versprechen begnügen. Sie drängte auf entschlossenes Handeln und eine solide Finanzierung.

Nachdem auch der Entwurf des Bundeshaushalts 2024 „den notwendigen Durchbruch nicht erkennen“ ließ, hat die Kommission im August ihre Arbeit kurzerhand beendet.

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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.

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