Meinung Rollenklischees der 50er: Muttertag brauch ich nicht!
[Anmerkung der Redaktion: Dieser Artikel ist zum ersten Mal am 12. Mai 2023 erschienen.]
Es muttertagt wieder. Die Regale im Supermarkt sind voll süßer Pralinen, roter Herzen, rosa Blumen. Weil alle Mütter auf süße Herzen und Rosen stehen. Weil alle Mütter ihre Identität an der Türschwelle zum Kreißsaal an einen Haken gehängt haben. Als neuer Mensch mit neuen und klaren Rollen – Kategorie „Mutter“ – haben sie das Krankenhaus wieder verlassen.
Mütter geben Geborgenheit!
Fortan kümmert „sie“ sich voller Hingabe ums Kind. Sie darf keine eigenen Wünsche, Bedürfnisse, Ziele haben. Warum auch? Sie ist Mutter. Barbara Vinken schreibt im Buch „Die deutsche Mutter“: „Das Auseinanderklaffen von Vorstellung und Wirklichkeit zeigt sich selten so klar, wie in der Figur der deutschen Mutter.“
Werd’n als Kind schon auf Mutter geeicht!
Denn: Die wahre Berufung der Frau sei es, Mutter zu werden und so das Überleben der Menschheit zu sichern. Selbstlos soll sie sein, aufopfernd, mit einem Lächeln auf den Lippen. Während sie den x-ten Kuchen in den Ofen schiebt, für den Kita-Flohmarkt, für den Sportverein, für den Kindergeburtstag, fürs Schulfest. Eine Mutter, die ihre Mutterschaft bereut? Wo gibt es denn so was? Kind und Karriere? Na, da muss sie sich ganz schön anstrengen. Der Vater? Der kann alles. Am Vatertag zieht er los, mit Bollerwagen, Bier und Boys. Während die Mutter die Kinder hütet. Hat Mutter frei am Muttertag?
Mütter sind einsame Streiter!
Seinen Ursprung hat der Tag in den USA, eigentlich ging es um Mütterrechte und den Feminismus. Diese Idee ging beim deutschen Muttertag indes gänzlich verloren, als der „Verband Deutscher Blumengeschäftsinhaber“ 1923 das Lob der Mutter institutionalisierte. In den 1930er-Jahren wurde die „deutsche Mutter“ dann ein „Idealbild“ völkischer Propaganda. Bis heute ist das aus dem Köpfen der Menschen nur schwer wegzubekommen. Abweichungen werden vorwurfsvoll beäugt: Mutter heute macht offenbar mehr falsch als richtig. Kam das Kind spontan oder per Kaiserschnitt? Wurde es gestillt oder bekam es die Flasche? Ab wann wird das Kind „fremdbetreut“? Allein das Wort! Als würde das Kind einer fremden Person acht- und lieblos übereignet, während die Mutter einfach nur ihr Recht auf Arbeit ausübt.
Mütter stehen ständig unter Strom!
Im Vorstellungsgespräch wird eine Mutter unter Garantie gefragt, wie sie das mit dem Job und der Kinderbetreuung plant. Ein Vater wird das nur selten gefragt, es gibt ja – zumindest in den meisten Fällen – die Mutter. Die kümmert sich bestimmt aufopferungsvoll um die Kinder. Nimmt der Mann mehr als das Minimum der zwei Monate Elternzeit, wird er gelobt. Nimmt die Mutter ganz wenig Elternzeit, wird sie nach dem Grund gefragt.
Mütter kriegen ’nen Herzinfarkt!
Wie entkommen wir diesem Dilemma, das bis jetzt keine Alice dieser Welt lösen konnte? Kaum ist das Kind da, finden sich die Mütter oft in der Lebenswelt der 1950er-Jahre wieder. Natürlich war das im Vorfeld anders geplant, das Paar hat sogar diskutiert. Aber wenn der Mann der Hauptverdiener im Haushalt ist, wird’s schwierig. Dann bleibt Mama eben daheim.
Mütter weinen heimlich!
Mutterschaft ist vielschichtig. Nicht rosarot, nicht rabenschwarz. Mütter lieben ihre Kinder, aber sie wollen nicht auf die eine Rolle reduziert werden. Sie sind Mütter und sie sind so viel mehr. Sie haben Berufe, die sie gewählt haben, die sie vielleicht sogar ausfüllen und finanziell unabhängig machen. Sie haben Wünsche, die nicht immer mit ihren Kindern zu tun haben.
Mütter bauen Raketen!
Den Muttertag jetzt, nach 100 Jahren, abzuschaffen und einen Elterntag einzuführen, wie es jüngst der Familienforscher Wassilios Fthenakis gefordert hat, ist keine schlechte Idee. Den Vatertag könnten wir gleich mit abschaffen – und so ein Zeichen setzen: Eltern sein ist Teamarbeit. Wenn es ums Muttersein geht, brauchen wir ein Umdenken, in der Gesellschaft, auch bei Müttern, die sich untereinander oft das Leben schwer machen. Wir müssen weg vom Konkurrenzkampf, hin zu mehr Solidarität und einer ehrlichen Mutterschaft. Denn: Es ist egal, wie du dein Kind auf die Welt bringst. Es ist okay, die Flasche zu geben. Mütter dürfen sogar fluchen, miese Laune haben.
Mütter sind auch Menschen!
Solange eine Mutter ihr Kind auf seinem Weg begleitet, ihm Flügel und Geborgenheit gibt, wird alles gut. Ich selbst bin seit neun Jahren Mutter, meine Kinder basteln in der Schule und im Kindergarten Geschenke für den Muttertag. Ich freue mich darüber, weil meine Kinder mir eine Freude machen möchten. Über familienfreundlichere Strukturen in Deutschland würde ich mich allerdings auch freuen. Die brauchen wir – den Muttertag nicht.
Weil ich kein Mädchen bin!