Bildung RHEINPFALZ Plus Artikel Note: Mangelhaft – ein Essay zum Schulstart in Rheinland-Pfalz

Beim Thema Schule sind viele Fragen offen.
Beim Thema Schule sind viele Fragen offen.

Am Montag beginnt in Rheinland-Pfalz wieder die Schule. Die alten Probleme sind noch da: zu wenige Lehrer, marode Schulgebäude, zu große Klassen.

Der Nachwuchs hat es schwer im Land der Dichter und Denker. Die Klassen werden größer, Lehrer fehlen, die Schulgebäude sind marode und energetisch auf dem Stand von vor 50 Jahren. Von dreckigen Toiletten oder fehlenden Raumlüftern fangen wir erst gar nicht an. Und dann wären da noch die Themen Digitalisierung und die Integration von Kindern aus anderen Ländern. Die Problemliste ist lang. Da hilft auch kein Abtauchen in die Ferien. Nach der Sommerpause tauchen alle Unzulänglichkeiten wieder auf.

Und die Mühlen mahlen langsam, Probleme werden von A nach B gewälzt. Kleines Beispiel? „Früher wurden die Klassen schneller geteilt, heute reizt man die Zahl der zugelassenen Kinder aus. Da sitzen in den Ballungsgebieten bis zu 33 Schüler in einer Klasse“, sagt Reiner Schladweiler. Er war bis Ende Juli Landeselternsprecher, Mitte September sind die neuen Wahlen. Schladweiler wird sich wieder aufstellen lassen und hofft auf seine Wiederwahl.

Kinder brauchen mehr Aufmerksamkeit

33 Kinder und eine Lehrkraft. Nach zwei Jahren Pandemie bräuchte es das Gegenteil: Kleine Klassen und viele Lehrkräfte, die die Schüler individuell im Blick haben und gezielt fördern. Den Kindern die Aufmerksamkeit geben, die sie brauchen, weiterhelfen, zuhören und da sein. Das Problem mit den großen Klassen geht noch weiter: In einigen Städte wie in Ludwigshafen gibt es nicht genug Räume, um die Klassen zu teilen. Da ist das Ministerium nicht der Ansprechpartner, sondern der Schulträger. Die Träger wiederum haben kein Geld für einen Neubau. Probleme und Anträge werden hin- und hergeschoben. Leidtragende sind die Schüler.

Sie erwartet der dritte Herbst und Winter während einer Pandemie. Wie genau der aussehen wird, kann jetzt freilich noch keiner vorhersagen. Fakt ist: Die Schüler haben immer mehr Defizite. Das belegen die Zahlen. Laut Schulstatistik mussten zu Beginn des Schuljahres 2021/2022 eine höhere Zahl an Schülerinnen und Schüler die Klasse wiederholen als in den Jahren zuvor, nämlich 8408. Die Zahlen vom Schuljahr 2020/2021 hat das Bildungsministerium in Mainz nicht, aber die von 2019/2020 zeigen: 2100 weniger Wiederholerinnen und Wiederholer gab es damals. Das Ministerium für Bildung teilt mit: „Wir gehen davon aus, dass der Anstieg unmittelbar mit der Corona-Pandemie im Zusammenhang steht.“

Landeselternbeirat fordert 7000 neue Lehrer

Schladweiler und dem Landeselternbeirat Rheinland-Pfalz reicht es jetzt. Sie fordern in einer Petition vom Land Rheinland-Pfalz zwei Milliarden Euro jährlich für den Bildungsetat und 7000 neue Lehrer. Über 90 Prozent der geforderten Stimmen haben sie bereits zusammen. „Seit Jahren reden wir davon, dass wir mehr Lehrer brauchen. Und da war von einer Pandemie und Homeschooling noch gar keine Rede. Noch immer ist Bildung vom Elternhaus abhängig. Ganz langsam bewegt sich was. Aber wir sind lange nicht am Ziel“, sagt Schladweiler, der vier Kinder hat.

Die Opposition sieht Eltern, Lehrer und Schüler im Hinblick auf das dritte Coronajahr auf „eine weitere Katastrophe“ zusteuern. Das sagte die bildungspolitische Sprecherin der CDU-Landtagsfraktion Jenny Groß in einer Pressekonferenz am vergangenen Dienstag. Dass die Opposition an der Arbeit der Regierung etwas auszusetzen hat, ist wahrlich nicht sonderlich überraschend. Zudem: Die heutigen Probleme haben ihren Ursprung auch in der Vergangenheit. Jetzt nur der aktuellen Bildungspolitik die Schuld zu geben, ist zu einfach gedacht.

Es braucht schnelle Lösungen

Beim neuen Bildungsmonitor verliert Rheinland-Pfalz zwei Plätze und rangiert mit Rang zwölf jetzt eindeutig unter ferner liefen. Die Studie mag man gut finden oder nicht, das neue Ranking zeigt: Es ist nicht alles in Butter im selbst ernannten „Land der Bildung“. Damit alle Schüler optimal gefördert werden, sie die Schule wieder als einen Wohlfühlort erleben, braucht es schnelle, unbürokratische Lösungen: Seiten- und Quereinsteiger einstellen und Lehrer-Abschlüsse aus anderen Ländern anerkennen. So könnte fähiges und motiviertes Personal an die Schulen zu den Schülern kommen. Und: Die offensichtlichen Defizite der Schüler könnten so nach zwei Jahren Pandemie zumindest ein bisschen aufgefangen werden.

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