Eventim und Co. RHEINPFALZ Plus Artikel Macht und Monopole im Geschäft mit Konzerttickets

Eigener Ticketshop am Hockenheimring in Planung.
Eigener Ticketshop am Hockenheimring in Planung.

Das Geschäft mit Konzertkarten ist fest in den Händen weniger großer Anbieter. Am Hockenheimring will man unabhängiger von Eventim und Co. werden.

Am Freitagabend war der „Boss“ da. Wie viele Fans des amerikanischen Rockstars Bruce Springsteen im Vorfeld versucht haben, ihre teuren Konzertkarten über den Internetauftritt des Hockenheimrings zu erwerben, ist nicht bekannt. In jedem Fall aber dürften sie alle von dort aus im offiziellen Onlineshop des Anbieters Ticketmaster gelandet sein, der zu Springsteens Tourneeagentur Live Nation gehört. So ähnlich läuft es oft: Vom Veranstaltungsort geht es erst einmal zu einem der großen Ticketkonzerne.

Rock- und Popmusiker mit genügend Zugkraft, um allein große Arenen zu füllen, gibt es in Zeiten eines extrem individualisierten Publikumsgeschmacks nicht mehr allzu viele. Umso begehrter sind Veteranen wie Springsteen, Elton John, Depeche Mode, Metallica oder Madonna sowie Jüngere vom Kaliber Ed Sheeran, Coldplay, Pink, Beyoncé oder Taylor Swift. Und umso besser lassen die sich ihre Popularität bezahlen. Noch sind offenbar genug Musikfreunde bereit, nach der Pandemie absurd überdrehte Preise von bis zu mehreren Hundert Euro für große Konzerterlebnisse zu akzeptieren. Anderes – zum Beispiel das abgesagte „Download“-Rockfestival am 23. und 24. Juni in Hockenheim – bleibt dabei auf der Strecke.

Eigener Ticketshop am Hockenheimring geplant

Im Nordbadischen sehen sie vor diesem Hintergrund Handlungsbedarf in Sachen Kartenverkauf – neudeutsch „Ticketing“: Mit dem Düsseldorfer Softwareunternehmen Vivenu will man am Hockenheimring bis Anfang kommenden Jahres einen eigenen Ticketshop aufbauen – und so unabhängiger vom Platzhirsch Eventim werden. Der Ticketverkäufer und Veranstalter beherrscht rund zwei Drittel des deutschen Markts.

Für Vivenu-Mitgründer Simon Hennes schließt sich mit dem Einstieg bei der traditionsreichen Rennstrecke im Norden Badens ein Kreis. Mit 21 Jahren soll der Wirtschaftswissenschaftler während eines Malaysia-Urlaubs in Kuala Lumpur ein Ticket für den Formel 1 Grand Prix gebucht – und schlechte Erfahrungen gesammelt haben. Sie brachten Hennes laut Medienberichten dazu, selbst ein Ticketing-Start-up zu gründen. Zwei Jahre später, im Jahr 2018, ging er gemeinsam mit Simon Weber und Jens Teichert an den Start, um sämtliche Prozesse im Ticketverkauf zu digitalisieren.

Keine Vorverkaufsgebühren beim Start-up Vivenu

Die drei jungen Männer stammen aus dem Hessischen, und nach wie vor hat ihre Firma ein Büro in Darmstadt – neben dem Hauptsitz Düsseldorf und New York. Zum Umsatz macht Vivenu keine Angaben – zu seiner Kundschaft aber sehr wohl: Laut dem Unternehmen zählen Fußball-Zweitligist FC Schalke 04, die Special Olympics, die amerikanischen Grammys und die Stanford Universität im US-Bundesstaat Kalifornien dazu. Unter den Investoren der Firma seien beispielsweise die Besitzer des American-Football-Teams San Francisco 49ers.

Der Preis, den die Firma von ihren Kunden verlangt, variiert je nach Service und Angebot. Das Start-up erhält obendrein eine Provision pro verkauftem Ticket. Anders als andere Anbieter verlangt Vivenu keine weiteren Gebühren wie etwa Vorverkaufsgebühren von den Ticketkäufern. „In erster Linie liegt unser Fokus darauf, dem Kunden eine komfortable, zeitgemäße und sichere Plattform für den Ticketeinkauf anzubieten, die uns erlaubt, flexibel und schnell auf sich ändernde Marktgegebenheiten und Kundenbedürfnisse zu reagieren“, sagt Ring-Geschäftsführer Jorn Teske. Muss ein lokaler Veranstalter derzeit beispielsweise kurzfristig etwas an der Sitzplatzreservierung ändern, muss er einen Drittanbieter wie etwa Eventim beauftragen – das kostet Zeit und Geld.

Bis zu 70 Prozent aller Tickets verkauft Eventim

Nicht zuletzt: Vivenu stellt Veranstaltern sämtliche Infos über die Ticketkäufer zur Verfügung. Größen wie Eventim oder Ticketmaster tun das nicht – zum Nachteil der Veranstalter. Die können so keinen direkten Kontakt zum Kunden etablieren. Mit diesem Gegenmodell will Vivenu die Branchengrößen herausfordern, die teils sowohl als Verkäufer wie auch selbst als Veranstalter auftreten – Quasi-Monopolisten in einer Kulturszene, die doch eigentlich von ihrer Vielfalt leben sollte.

Neu ist diese Erkenntnis keineswegs. Schon vor sechs Jahren stellte das Bundeskartellamt fest: „Über das CTS Eventim System werden 60 bis 70 Prozent aller Tickets vertrieben, die in Deutschland über Ticketsysteme verkauft werden. Die übrigen Anbieter sind deutlich kleiner, größtenteils nur regional präsent und zum Teil auf Kooperationen mit CTS angewiesen.“

Musterfeststellungsklage gegen Eventim

Offenbar lohnt sich das: Eventim meldete durch das Wiederaufleben der Konzert- und Veranstaltungskultur nach den Corona-Beschränkungen im ersten Quartal dieses Jahres einen Umsatz von gut 366 Millionen Euro – eineinhalb Mal so viel wie im Vorjahresquartal und etwa 30 Prozent mehr als im Vor-Corona-Jahresauftakt 2019. CTS-Chef Klaus-Peter Schulenberg interpretierte das Ergebnis als Beleg für ungebrochenes Interesse an Live-Unterhaltung und hofft auf „eine weiterhin positive Geschäftsentwicklung“.

Allerdings scheint sich zunehmend Widerstand zu formieren: So schlossen sich 1513 Menschen bis Ende Februar im Streit um die Rückerstattung von Ticketpreisen einer Musterfeststellungsklage gegen das Unternehmen an. Der Verbraucherzentrale Bundesverband hatte die Klage angestrengt, weil Eventim bei abgesagten Veranstaltungen einzelne Komponenten des Ticketpreises einbehalte. So blieben Käufer etwa auf der Buchungsgebühr sitzen. Ein Datum für eine erste mündliche Verhandlung steht noch nicht fest.

Ticketmaster: „Monopolistische Kontrolle“

Damit nicht genug: Nachdem der Fernsehsatiriker Jan Böhmermann den Konzern vorigen Monat in seiner Sendung „ZDF Magazin Royale“ scharf kritisiert hatte, brach die Eventim-Aktie an der Börse prompt um fast neun Prozent ein. Unter dem Titel „Mit Fantasiegebühren zum Eventimperium“ hatte Böhmermann auf die enorme Marktmacht des Tickethändlers verwiesen und Verkaufsgebühren als zu hoch gebrandmarkt.

Verschärfend kommt hinzu, dass die Platzhirsche gelegentlich selbst ins Schlingern geraten. Erinnert sei an das Debakel von Ticketmaster beim Vorverkauf für Taylor Swifts US-Stadiontour. Der Anbieter zog im November die Notbremse, weil die enorme Nachfrage und eine „atemberaubende Zahl von Bot-Angriffen“ zu einem historischen Rekord an Zugriffen auf die Webseite führten. Die Folge: Die Seite krachte zusammen.

Sogar vor dem Justizausschuss des amerikanischen Kongresses landete der Fall. Dort wetterten Senatoren gegen die „klare Dominanz“ und „monopolistische Kontrolle“ des Unternehmens. Das ganze System der Konzertkarten sei ein Chaos, zu dem auch fehlende Transparenz bei Servicegebühren beitrage. Live-Nation-Präsident Joe Berchtold jedenfalls blieb nur, kleinlaut das „schreckliche Kundenerlebnis“ zu bedauern und sich sowohl bei den Fans wie auch bei „Frau Swift“ zu entschuldigen.

Karten am besten direkt beim Veranstalter kaufen

Eine weitere Schattenseite des Geschäfts sind Ticketbörsen – Webseiten, die Tickets ungeprüft weiterverkaufen und das Risiko auf die Käufer abwälzen. Das Europäische Verbraucherzentrum (EVZ) warnt in Zusammenhang mit ihnen vor Betrugsrisiken. Am sichersten und günstigsten sei es, Eintrittskarten direkt beim Veranstalter zu kaufen. Erst danach kämen die großen Ticketportale. Je mehr Zwischenhändler zwischen Käufer und Veranstalter, desto höher laut EVZ das Risiko und die Kosten.

Mit Transparenz hat’s die Branche also nicht so – ein Zustand, an dem auch die Politik bisher nichts Grundlegendes geändert hat. Anfang dieses Jahres immerhin einigte sich das Bundeskabinett auf eine Novelle des Gesetzes gegen Wettbewerbsbeschränkungen. Es soll dem Bundeskartellamt weitreichendere Befugnisse zusichern. Eine erste Lesung fand am 26. Mai im Bundestag statt. Wo zuvor ein „Missbrauch der Marktmacht“ die Hürde zum Einschreiten des Kartellamtes war, soll zukünftig eine „Störung des Wettbewerbs“ ausreichen, um eine Untersuchung einzuleiten und etwaige Maßnahmen verfügen zu können.

Taylor-Swift-Tour: Ticketvergabe wirft Fragen auf

Vorläufiger Gipfel des grotesken Spiels: Für drei Taylor-Swift-Konzerte im nächsten Sommer verloste Eventim unter allen, die sich dafür registrierten, die Berechtigung, überhaupt erst einmal am offiziellen Vorverkauf teilnehmen zu dürfen. Dass die glücklichen Lotteriegewinner dabei auch tatsächlich an die begehrten Karten kamen, war damit aber noch längst nicht gesagt.

Den meisten Beteiligten, ob kleinere Veranstalter oder Publikum, bleibt bislang nur die Wahl, die herrschenden Bedingungen zähneknirschend hinzunehmen – oder auf attraktive Konzerte zu verzichten. Kein Wunder also, dass immer wieder das große Zauberwort „Unabhängigkeit“ fällt. Allerdings: Das Ereignis, nach dem sie sich in der Kurpfalz seit Jahren am meisten sehnen, können auch innovative Softwareunternehmer nicht einfach programmieren: Die Formel 1 jedenfalls fährt weiterhin am Hockenheimring vorbei.

Leserhinweis

Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Das aktualisierte E-Paper der RHEINPFALZ am SONNTAG lesen Sie sonntags ab 5 Uhr mit der RHEINPFALZ-App. Mehr dazu hier.“ (https://angebote.rheinpfalz.de/app/)

Das Start-up Vivenu will Eventim Konkurrenz machen. Neuer Partner ist der Hockenheimring. Auf dem Foto: Vivenu-Mitgründer Simon
Das Start-up Vivenu will Eventim Konkurrenz machen. Neuer Partner ist der Hockenheimring. Auf dem Foto: Vivenu-Mitgründer Simon Weber (links) und Hockenheimring-Geschäftsführer Jorn Teske.
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