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Symbol des Scheiterns: ein ausgebrannter Hubschrauber auf dem Flugplatz Fürstenfeldbruck nach der misslungenen Geiselbefreiung.
Symbol des Scheiterns: ein ausgebrannter Hubschrauber auf dem Flugplatz Fürstenfeldbruck nach der misslungenen Geiselbefreiung.

Sie gilt als eine der besten Spezialeinheiten der Welt, genießt seit der Erstürmung der „Landshut“ international höchstes Ansehen. Gegründet wird die Grenzschutzgruppe 9 vor 50 Jahren infolge eines absoluten Debakels der deutschen Polizei. Von Simon Rilling

Das Olympia-Attentat von München im September 1972 ist für die deutsche Polizei ein absolutes Debakel. Der Versuch, die israelischen Geiseln auf dem Flugplatz Fürstenfeldbruck zu befreien, endet in einem Fiasko: Am Schluss sind alle elf Geiseln und ein Polizist tot. Und noch während Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher und sein Sicherheitsberater Ulrich Wegener im Tower des Flugplatzes unter Tischen Schutz vor Kugeln und Glassplittern suchen, ist klar: Deutschland muss eine Antiterror- und Geiselbefreiungseinheit aufstellen, um zu verhindern, dass sich ein solches Desaster wiederholt.

Das Versagen der deutschen Polizei ist die Geburtsstunde für die Grenzschutzgruppe 9, kurz GSG 9, die heute als eine der besten Antiterroreinheiten der Welt gilt. Bereits drei Wochen nach dem Anschlag der palästinensischen Terrororganisation „Schwarzer September“ auf die israelische Olympia-Mannschaft erhält Wegener am 26. September 1972 den Auftrag, eine solche Truppe aufzustellen. Im April 1973 meldete er die Einsatzbereitschaft der ersten zwei Einheiten. Misstrauisch beäugt von der „normalen“ Polizei müssen Trainingsprogramme entwickelt werden, jeder Schritt ist Neuland. Wegener reist nach Israel, um sich beraten zu lassen. Ein Kontakt, der bis heute besteht.

„Natürlich sind das Helden“

Fünf Jahre nach dem Olympia-Anschlag hat die GSG 9 ihre erste Bewährungsprobe, als palästinensische Terroristen die Lufthansa-Maschine „Landshut“ entführen. Am 18. Oktober 1977 stürmt die GSG 9 das Flugzeug und kann alle Geiseln befreien. Eine bis dahin einzigartige Operation. Und die deutsche Polizei, fünf Jahre zuvor noch für ihre unfassbare Inkompetenz geschmäht, verfügt plötzlich über eine Einheit, um die sie die ganze Welt beneidet.

Bis heute, geschätzte 2000 Einsätze später, hat die GSG 9 einen Ruf wie Donnerhall. „Natürlich sind das Helden“, sagt Gabriele von Lutzau, damals Stewardess an Bord der „Landshut“, in einer Dokumentation. Bei der Einheit selbst tut man sich mit derlei Begriffen schwer. Wobei auch den Männern der GSG 9 klar ist, dass sie etwas Besonderes sind. Denn sie kommen zum Einsatz, wenn gar nichts mehr geht. „Wir können keinen mehr anrufen“, bringt es der aktuelle Kommandeur der GSG 9, Jerome Fuchs, auf den Punkt.

Keine Abenteurer gefragt

Dementsprechend hoch sind die Anforderungen. Trainiert wird nach den neuesten Erkenntnissen der Wissenschaft, ähnlich wie Spitzensportler. Gefragt sind keine Abenteurer. „Draufgänger mit einer Rambo-Mentalität oder solche, die den Helden spielen wollen, kann man bei der GSG 9 nicht gebrauchen“, schreibt Terror-Experte Michael Götschenberg in seinem Buch „GSG 9 – Terror im Visier“. Wer angstbefreit sei oder so tue, werde womöglich eher zum Risiko für sich selbst und andere.

So körperlich herausfordernd die einjährige Ausbildung ist, entscheidend ist vor allem die mentale Stärke. Geeignet ist nur, wer auch bei völliger Erschöpfung noch „funktioniert“. Lediglich ein Drittel der Bewerber kommt durch. An Nachwuchs mangelt es dennoch nicht.

Innerhalb einer Stunde einsatzbereit

Gegliedert ist die GSG 9 in vier Einheiten. Die erste besteht aus Präzisionsschützen, die „zwote“ aus Tauchern und Bootsführern für Einsätze zur See, die dritte Einheit aus Fallschirmspringern – allesamt mit Sitz in St. Augustin. Die vierte Einheit ist in Berlin stationiert und wurde erst vor Kurzem gegründet – als sich nach mehreren Anschlägen die Erkenntnis durchsetzte, dass Terroristen gerne in Hauptstädten zuschlagen und die Anfahrt von St. Augustin nach Berlin schlicht zu lange wäre. Um in der Millionenstadt schnell voranzukommen, ist die vierte Einheit auf Motorräder spezialisiert. Jede Minute kann entscheidend sein, und ein Stau auf der Friedrichstraße oder am Kottbusser Tor darf nicht ausschlaggebend für das Gelingen eines Einsatzes sein.

Im Fall der Fälle muss die GSG 9 innerhalb einer Stunde einsatzbereit sein, die Berliner Einheit sogar in 15 Minuten. Über ihre genaue Stärke hüllt sich die GSG 9 in Schweigen. Der größte Trumpf der Antiterror-Kämpfer ist der Überraschungseffekt, da lässt man sich ungern in die Karten schauen.

Opfer gibt es auch

Doch der Kampf gegen Terroristen und Schwerstkriminelle fordert auch Opfer. So verlieren die beiden Personen- und Objektschützer der deutschen Botschaft in Bagdad, Tobias Retterath und Thomas Hafenecker, am 7. April 2004 ihr Leben, als ihr Konvoi auf dem Weg vom jordanischen Amman in die irakische Hauptstadt von Rebellen überfallen wird. Der Leichnam von Hafenecker wurde bis heute nicht gefunden.

Gravierend sind auch die Folgen des Einsatzes am Bahnhof von Bad Kleinen 1993. Bei der Festnahme der RAF-Terroristen Birgit Hogefeld und Wolfgang Grams wird der GSG-9-Mann Michael Newrzella erschossen. Und es kommt noch schlimmer: Sowohl der „Spiegel“ als auch das ARD-Magazin „Monitor“ melden, dass Grams von der GSG 9 regelrecht hingerichtet worden sei – eine Lüge, die sich in linken Kreisen bis heute hartnäckig hält. Bundesinnenminister Rudolf Seiters tritt zurück, weitere Köpfe rollen, auch eine Auflösung der Antiterror-Einheit wird diskutiert. Erst spätere Untersuchungen ergeben, dass sich Grams selbst in den Kopf schoss. Auch die geglückte Befreiung der „Landshut“, die Sternstunde der GSG 9 schlechthin, hinterlässt bei Beamten wie Geiseln einen schalen Nachgeschmack, denn die einzig überlebende Terroristin, Souhaila Andrawes, von Passagieren als ganz besonders sadistisch beschrieben, sitzt nur kurz im Gefängnis. Sie lebt heute völlig unbehelligt in Norwegen.

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