Moldau RHEINPFALZ Plus Artikel Land im Würgegriff: Ist Chisinau Putins nächstes Angriffsziel?

Moldau nahm zu Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine Hunderttausende Flüchtlinge auf. Davon sind 90.000 weiterhin im La
Moldau nahm zu Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine Hunderttausende Flüchtlinge auf. Davon sind 90.000 weiterhin im Land. Im Bild: der Grenzübergang in Palanca.

Kein europäischer Staat ist so arm wie die Republik Moldau. Wegen des Kriegs im Nachbarland Ukraine droht nun der Kollaps. Eine Geschichte über gefällte Pfirsichbäume, bestochene Demonstranten und die Kreml-treue Region Gaugasien.

Veronica Mocan hat ihre Haare zu einem zeitsparenden Dutt zusammengebunden. Ihr Smartphone piept unablässig. Anfragen nach Essenspaketen, Kleiderspenden oder einem Dach über dem Kopf prasseln im Minutentakt auf sie ein. Mocan ist die Leiterin eines Zentrums der österreichischen Hilfsorganisation Concordia. 2008 wurde es in der Kleinstadt Tudora gegründet. Im vergangenen Frühjahr platzte die Einrichtung aus allen Nähten. Geflüchteten aus der Ukraine strömten in einem endlosen Zug über die nahe Grenze in die Republik Moldau. Sie übernachteten in jeder Nische des Gemeindezentrums. Sogar auf einem Tisch schliefen die Kinder.

Vielleicht werde im Januar oder Februar alles noch schlimmer als im Frühjahr, befürchtet Veronica Mocan. Weil noch mehr Flüchtlinge kommen könnten – und weil die Bewohner von Tudora selber kaum noch über die Runden kommen. Wen soll sie im schlimmsten Fall in die Wärme lassen und mit Essen versorgen, Mütter mit Kindern aus der Ukraine oder ihre eigenen Nachbarn? Sie weiß es nicht.

Blackout nach Luftangriffen

Die Republik Moldau, Einwohnerzahl 2,6 Millionen plus 90.000 Kriegsflüchtlinge, steht am Rande des Abgrunds. Die Stromversorgung ist seit der Sowjetzeit mit dem Nachbarland Ukraine verknüpft. Ukrainische Kraftwerke produzieren 20 Prozent des in Moldau verbrauchten Stroms. Die russischen Angriffe auf die ukrainische Stromversorgung könnten jederzeit den Blackout bringen. Schon nach den Luftattacken vom 15. und 23. November auf Kraftwerke und Relaisstationen in der Ukraine gingen in Moldau, das in Deutschland auch als Moldawien bekannt ist, die Lichter aus.

Die Angst, selber überfallen zu werden, ist real. Geheimdienstchef Alexandru Musteata trat wenige Tage vor Heiligabend vor die Fernsehkameras. Er verkündete den Zuschauern, es drohe bereits im Januar, spätestens im April eine russische Invasion Moldaus. Kurz nach der Sendung relativierte Musteata seine Äußerungen. Seine Vorhersage passt aber zur Gemütslage im Land.

Die um jedes Kilowatt Strom kämpfende Ukraine hat ihren Stromexport nach Moldau eingestellt. Der Plan der Regierung in der Hauptstadt Chisinau, die Lücke mit Lieferungen aus dem westlichen Nachbarland Rumänien zu decken, scheiterte an zu hohen Kosten. Die EU beschloss zwar im November, Kredite und Darlehen in Höhe von 250 Millionen Euro zu gewähren. Aber das Geld lässt auf sich warten. Ausgerechnet der Feind auf dem eigenen Staatsgebiet soll das Land nun vor Elend und Chaos im Winter bewahren. Das wichtigste Kraftwerk des Landes steht in der von russischen Soldaten „beschützten“ abtrünnigen Region Transnistrien, in Cuciurgan. Es ist ein mit Gas befeuertes Kraftwerk aus der Sowjetzeit und deckt bis heute 70 Prozent des moldauischen Strombedarfs. Als der russische Gaskonzern Gazprom im Oktober seine Gaslieferungen um 30 Prozent reduzierte, konnte das Gaskraftwerk nur noch eingeschränkt Strom produzieren. Die Separatisten gaben prompt dem Rest des Landes keinen Strom mehr ab.

Gegenseitige Erpressung

Die westlich orientierte Regierung unter Präsidentin Maia Sandu entschied sich schließlich dafür, mit den Feinden in Transnistrien einen Pakt zu schließen. Die Separatistenregion soll künftig das ganze Gas erhalten, das Russland über die von Chisinau kontrollierte Pipeline noch liefert. Der Rest Moldaus soll mit seinen Gasspeichern und sparsamem Verbrauch durch den Winter kommen. Transnistrien verpflichtet sich wiederum, im Gegenzug für das Gas genügend Strom zu erzeugen und wieder Moldau zu beliefern. In anderen Worten: Moldau muss sich nun auf die Vertragstreue der russisch kontrollierten Separatistenregion verlassen. Der Feind könnte jederzeit das Licht ausknipsen. Allerdings könnte Moldau eben auch die Gasversorgung Transnistriens kappen. Gegenseitige Erpressung.

Das Stromsystem von Moldau ist eng mit dem anderer ehemaliger Sowjetstaaten verbunden.
Das Stromsystem von Moldau ist eng mit dem anderer ehemaliger Sowjetstaaten verbunden.

Veronica Mocan erzählt, dass auch vor dem Krieg in der Ukraine die Lage schlecht war. Im Laufe der Jahre habe wohl jede Familie in der 2100 Einwohner zählenden Kleinstadt Tudora mindestens einmal um Lebensmittelpakete oder Kleiderspenden gebeten. „Selbst unser Bürgermeister stand einmal in meinem Büro, weil er für seine Familie Hilfe brauchte.“

Angesichts der Energiekrise fällen die Leute in Tudora die für ihr leckeres Obst weithin bekannten Pfirsichbäume und hacken sie zu Brennholz klein. Galina Rusu (Name geändert, d.Red.) empfängt ihre Besucher vor einem vom Regen durchnässten Haufen Brennholz. Ein abgemagerter Hund kläfft die Fremden an. Er macht viel Lärm, wirkt aber in der Nässe und Kälte an einer Kette angeleint eher zum Erbarmen. Das lässt sich auch von der nach Moder riechenden Hütte sagen, in der die 35-Jährige mit ihren Töchtern lebt. Die alleinerziehende Mutter erzählt, dass sie das Feuerholz den ganzen Sommer für ihren Nachbarn gehackt hat. Dafür habe sie als Lohn einen Teil des Holzes behalten dürfen. Rusu erhält zudem Essen und Kleidung von Veronica Mocans Helfern.

Bezahlte Demonstranten

Das Brennholz reiche, um einen Raum für sich und ihre Töchter zu heizen, erzählt Galina. Teppiche bedecken die blanken Wände und den nackten Boden. Obwohl das Holz im Ofen knistert, nimmt die Frau in ihrem Schlaf- und Wohnzimmer die Mütze nicht ab. Alles sei so teuer geworden, klagt sie. Es fällt ihr nicht schwer, die Verantwortliche für ihre Not zu benennen. „Unsere Präsidentin Maia Sandu ist an allem schuld“, zischt es wie aus der Pistole geschossen.

Veronica Mocan und ihre Helfer schweigen betreten. Nachdem sie Rusus Behausung verlassen haben, berichten sie, wie ihre Klientin sich in den vergangenen Wochen Geld zum Überleben verdient hat. „Sie ist zu den Protesten gegen die Regierung nach Chisinau gefahren und jemand hat ihr dort einen Schein in die Hand gedrückt“, sagt Mocan. Die Veranstalter der Kundgebungen hätten sogar Busse nach Tudora geschickt, um die Leute abzuholen, sagt sie.

Zehntausende forderten im September bei Demonstrationen in der Hauptstadt die Präsidentin auf, sie solle nach Moskau reisen, um Präsident Wladimir Putin um mehr Gas für Moldau zu bitten. Der Führer der Regierungsgegner, der Oligarch und Oppositionspolitiker Ilan Shor, erschien auf Bildschirmen. Er schaltete sich aus dem Exil in Israel zu den Kundgebungen zu. Shor gilt EU-orientierten Moldauern als Personifizierung aller Übel ihres Landes. Er selbst brüstet sich damit, sein Geschäftsimperium mit 13 in einem Handyladen gegründet zu haben. Heute tritt er mit linkspopulistischen Parolen als Anwalt der kleinen Leute auf. Seine Anhänger erkennen keinen Widerspruch zu seinem persönlichem Reichtum. Ein Gericht verurteilte den Politiker wegen angeblicher Verwicklung in einen Bankraub 2014 zu einer mehrjährigen Haftstrafe. Das Berufungsverfahren läuft. Shor entzog sich 2019 dem Zugriff der Behörden durch die Flucht nach Israel.

Wo Lenin und Atatürk stehen

Der moldauische Politikexperte Iulian Groza von der Denkfabrik IPRE ist überzeugt, dass Shor Demonstranten aus Tudora und vielen anderen Gemeinden des Landes gekauft hat. Er verweist in seinem Büro in Chisinau auf die Recherchen von Investigativreportern. Sie hätten sich bei den Protesten unter die Menge gemischt. „Viele Demonstranten wussten gar nicht, wogegen sie protestieren. Aber alle erzählten von dem Geld, das ihnen für die Teilnahme gezahlt wurde.“

Die Berichte über bestochene Demonstranten hätten der Bewegung vorerst den Wind aus den Segeln genommen. Dennoch glaubt Groza, dass Shor weiter mit dem Segen Moskaus am Stuhl der Präsidentin sägt. „Russland führt gegen uns einen hybriden Krieg. Aber solange die Ukraine standhält, müssen wir keinen konventionellen führen“, hofft Groza. Moldau wäre einem Überfall nicht gewachsen. Ohnehin ist die militärische Lage angespannt: Die Armee von 5100 Mann steht 1400 in Transnistrien stationierten russischen Soldaten sowie 4500 Kämpfern der selbsternannten Armee Transnistriens gegenüber. Die Luftwaffe Moldaus besteht aus einem Transportflugzeug und zwei Hubschraubern.

Auch die Autonome Region Gagausien mit ihren 160.000 Einwohnern im Südosten der Republik Moldau bereitet Groza Sorgen. Viele Gagausen würden russische Invasoren wohl mit Jubel willkommen heißen. Die Gagausen sind türkischstämmig, aber christlich-orthodox. Sie sprechen in der Mehrheit Russisch und misstrauen wegen der Massaker im Zweiten Weltkrieg unter Rumäniens Diktator Ion Antonescu den Rumänisch sprechenden Moldauern: Die Gagausen verehren bis heute die Soldaten der Roten Armee als Befreier vom Joch der mit den Nazis verbündeten Rumänen.

Türkei macht Druck

Eine Statue von Kemal Atatürk steht ungefähr hüfthoch vor einer von der Türkei gespendeten Bücherei in der gagausischen Hauptstadt Comrat. Ein Abbild von Lenin vor der Volksversammlung der Autonomen Region überragt den Gründer der modernen Türkei aber meterhoch. Das sei symbolisch für die Bindung der Gagausen zu Russland und der Türkei, meint die Lokaljournalistin Ana Dmitriewa beim Gang über die mit Sowjetsternen geschmückte Hauptstraße. „Die Hilfe der Türkei finden viele nett. Wirklich verbunden fühlen sich die Gagausen aber nur mit Russland, obwohl es hier nie investiert hat“, sagt die Journalistin. Russland nutze die Übermacht seiner Medien nun, um die Angst der Gagausen vor den Rumänisch sprechenden Moldauern zu schüren.

Experte Groza erklärt, dass die Türkei im Sommer das Schlimmste verhindert habe. „Die Gagausen erhalten viel Hilfe von Ankara. Und die Türkei hat deutlich gemacht, dass sie eine Abspaltung von Moldau strikt ablehnt.“ Und doch: Moldau könnte nach einem Aufstand in Gagausien zerfallen, ohne dass Russland auch nur einen Schuss abfeuern müsste. Journalistin Dmitriewa erinnert sich an den Kriegsbeginn vor bald einem Jahr: „Da haben sich viele schon gefreut, dass die Russen auch bald hierherkommen. Jetzt, wo es nicht mehr gut läuft für Russland, sind sie vorsichtiger.“ Die Wut in Comrat auf die Regierung in Chisinau steige allerdings täglich mit den Preisen, meint Dmitriewa besorgt.

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