Tischtennis
Josi, die Gejagte: ein Kinderstar will in die Weltspitze
Josephina Neumann ist 13 Jahre alt und bräuchte eigentlich schon ihr eigenes kleines Haus. Denn sie bringt zu viele Pokale, Trophäen und Medaillen mit, die alle im elterlichen Anwesen im hessischen Karben ein Plätzchen finden müssen. Dort gibt es nun – mal wieder – eine neue Ordnung: Sämtliche Auszeichnungen aus dem Ausland stehen im Kinderzimmer von Josephina, die Erinnerungen an nationale Triumphe sind im privaten Kraftraum zu bewundern. Vorerst passt das so, aber schon bald könnten wieder größere Umräumaktionen anstehen. Denn das Mädchen aus der Wetterau hamstert weiter Titel wie Eichhörnchen ihren Winterproviant.
Josephina ist seit dieser Saison Tischtennis-Profi. Ende 2022 debütierte sie mit 12 Jahren in der Damen-Bundesliga. Nie zuvor gab es eine jüngere Spielerin in der Ersten Liga. Josephina, „Josi“ Neumann gilt als das derzeit größte Talent im deutschen Tischtennis – und auch auf der europäischen Bühne. Bei Meisterschaften, Turnieren und in der Champions League tritt sie gegen Erwachsene an, gleichaltrige Gegnerinnen auf ihrem Niveau gibt es keine. Schon jetzt ist sie nicht mehr die Jägerin, sondern die Gejagte. Das lässt sich nicht von vielen 13-Jährigen behaupten, deren Ziel auch noch realistisch und nicht wie eine kindliche Träumerei klingt. Josephina will die beste Spielerin der Welt werden, „Weltmeisterin“.
Reisen ist Routine
Vergangenen Herbst wechselte sie von der zweiten Mannschaft des Hessen-Klubs TSV Langstadt zu TTC Eastside Berlin. Der Verein wurde zuletzt vier Mal in Folge Deutscher Meister, 2021 Champions-League-Sieger. Berlin ist eine Top-Adresse, Josephina schon jetzt Stammspielerin und künftig soll sie eine Führungsrolle übernehmen. Die Initiative zum Wechsel ging von den Berlinern aus; sie überzeugten die Eltern mit einem Konzept für die Zukunft und der Aussicht auf lukrative Trainingspartner. Geld verdient Josephina beim Hauptstadtklub nicht, obwohl das möglich ist. Die finanzielle Unterstützung fließt stattdessen in Organisation und Betreuung. Gegnerinnen und Mannschaftskameradinnen der 13-Jährigen sind nun erfahrene Spielerinnen über 30 Jahre, mehrfache Deutsche Meister und Olympiateilnehmer. Zu den Heimspielen pendelt sie, das sei nur unwesentlich mehr Stress als zuvor, erzählt Josephina. Auch mit Langstadt war sie viel unterwegs, Partien vor der Haustür gab es nicht. Reisen ist für sie Routine – zuletzt schlug sie in Portugal und Montenegro auf.
Das Talent wurde Josephina in die Wiege gelegt, wie man so schön sagt. Schon als Baby schleppten die Eltern sie im Maxi-Cosi mit in die Hallen. Mutter Cornelia war selbst Nationalspielerin, Vater Sven ebenfalls im Verein aktiv, und auch die drei großen Brüder können ganz ordentlich mit dem kleinen Zelluloidball umgehen. In der heimischen Garage in Karben durfte noch nie ein Auto parken, dort standen immer Tischtennisplatten.
Der Schläger geht mit ins Bett
Mit drei, vier Jahren, Josephina kann gerade so über die Platte schauen, beginnt sie zu spielen. Mit sieben Jahren gewinnt sie Hessens Meisterschaft in der U 11, mit neun reist sie für Turniere durch Europa, mit zehn landet sie im Nachwuchs-Nationalkader des Deutschen Tischtennis-Bundes. Ihr Tempo im Spiel ist atemberaubend, das Ballgefühl außergewöhnlich, die Leidenschaft für den Sport riesig. Angeblich nimmt sie den Schläger abends mit ins Bett.
Timo Boll, Aushängeschild des Deutschen Tischtennis, hat mal gesagt: „So gut war ich in dem Alter nicht.“ Josephina ist hervorragend in der Rotation, hat mittlerweile eine ebenso starke Vor- wie Rückhand. Manchmal trainiert sie gegen Männer. „Die spielen schneller, härter und haben mehr Spin. Das ist anstrengender und anders – aber es bringt mir mehr“, erklärt Josi. Ihr Ex-Coach Tobias Beck, der einst die deutsche Frauen-Nationalmannschaft trainierte und Boll förderte, attestiert ihr: „Einen Siegeswillen wie bei Josi habe ich bislang nicht gesehen.“ So konzentriert, talentiert, ehrgeizig und zielstrebig, das sei außergewöhnlich. Vielleicht führt Josephinas Weg auch deshalb schnell und steil nur in eine Richtung: nach oben. Dabei war das so eigentlich nicht gedacht.
Die Tochter, eine Berühmtheit
„Meine Mutter hat mich so ziemlich überall hingeschickt – Fußball, Reiten, Schwimmen, Turnen“, erzählt Josi. Und Mama Cornelia, die beim Gespräch im Landesleistungszentrum in Frankfurt danebensitzt, nickt zustimmend. In jedem Sport hätte sie die Tochter lieber gesehen als im Tischtennis. Gerade weil sie um die Anstrengungen weiß, um die Entbehrungen, und dass man in Einzelsportarten eben irgendwann acht Stunden täglich trainieren muss, wenn man ganz oben dabei sein will. Das Bemühen der Mutter, Josi auf einen anderen sportlichen Weg zu hieven, scheiterte grandios. Josephina wollte nur eines: Tischtennis spielen.
Nun haben sie den „Salat“; die Tochter ist eine kleine Berühmtheit. Sie gibt Zeitungen und Radiosendern Interviews, ein TV-Team des Hessischen Rundfunks begleitet sie seit 2019, die einstündige Dokumentation mit dem Titel „Supertalent Josi“ ist in der Mediathek zu sehen. Am Frankfurter Flughafen wurde Josephina kürzlich von einem Polizisten angesprochen. Er hatte sie aus dem Fernsehen erkannt. Das passiert dem Mädchen aus Karben häufiger, auch wenn die Eltern versuchen, den Hype um sie zu reduzieren. Instagram darf Josi nicht wie ihre Freundinnen selbst nutzen – die Eltern pflegen den Account, selektieren, was in die Öffentlichkeit gelangen darf und was Privatsphäre bleibt. „Josi soll nicht alles lesen, was über sie geschrieben wird“, findet Cornelia Neumann.
Bis zu fünf Stunden Training täglich
Denn es gab eine Zeit, da waren Neid und Missgunst groß. Die anderen klopften Sprüche. Tischtennis sei kein echter Sport, das könne ja jeder, faul an der Platte stehen und einen Ball schlagen. Josephinas Erfolge wurden abschätzig belächelt. Sie musste lernen, Frotzeleien über das „bissl Pingpong“ an sich abprallen zu lassen. Ein Mentaltrainer hat ihr geholfen. „Eine gesunde Psyche und das Training mentaler Fähigkeiten ist auf dem Niveau so elementar wie harte Übungseinheiten“, sagt Kathrin Seufert, Sportpsychologin aus Bremen. Sie war als Jugendliche selbst Leistungssportlerin und weiß daher, dass es einen Halt von innen und außen braucht. Gerade jungen Menschen, die schon so viel trainieren, Druck spüren, denen empfiehlt sie für Ausgleich zu sorgen und Wissen über sich selbst zu erlangen, was einem hilft mit diesem Druck umzugehen und was sie als Mensch und nicht nur als SportlerIn auszeichnet. „Wenn der Fokus komplett auf dem Sport liegt, dann wirft einen eine Verletzung leichter aus der Bahn, weil sich der gewohnte Ablauf und die gesamte Tagesstruktur verändert und dadurch zu Anpassungsschwierigkeiten kommen kann, sagt Seufert. Man hat nichts anderes, beginnt zu grübeln“, warnt Seufert. Musik, Bücher, Sprachen lernen schlägt sie vor. Oder einfach mal Kind sein. Josephina entspannt am besten beim Nichtstun, sagt sie.
An manchen Tagen stehen bis zu fünf Stunden Training auf dem Plan – Kraft, Athletik, Schnelligkeit, Spiel. Das erledigt sie vor, während und nach der Schule. Josi besucht die 7. Klasse der Eliteschule des Sports in Frankfurt. In ihrer Klasse sind nur Kinder, die Leistungssportler werden wollen: Basketballer, Handballer, Fußballer, Leichtathleten. Der Unterricht ist so getaktet, dass die Schüler vorher und hinterher Trainingseinheiten absolvieren können. Von den 20 Mädchen und Jungen in Josephinas Klasse ist sie diejenige, die aufgrund ihrer Reisen mit Abstand am seltensten die Schulbank vor Ort drückt. Viel erledigt sie im Fernunterricht. Für sämtliche Wettkämpfe wird sie freigestellt. Im vergangenen Halbjahr war die 13-Jährige gerade mal drei Wochen in der Schule. Wenn sie dann mal da ist, dann muss alles „zack, zack, zack gehen, zum Beispiel Arbeiten nachschreiben“, erzählt sie. Das sei anstrengend, aber in Ordnung, auch wenn es ihr lieber wäre „nur noch Tischtennis spielen zu dürfen“, sagt sie mit einem Augenzwinkern, weil die Mutter das nicht hören will. Am Ende soll das Abitur stehen. Die Sache mit dem Profisport kann schließlich schiefgehen und von heute auf morgen vorbei sein.
Risikosportarten sind tabu
Derzeit ist bei Familie Neumann jedoch alles darauf ausgerichtet, dass Josephina ihren Traum leben kann. Auch wenn es Verzicht bedeutet. Zum Beispiel würde sie im Winter gern mal Schlittschuhlaufen oder Skifahren. Geht aber nicht. Risikosportarten sind tabu, so wie Hockey oder Fußball in der Schule tabu sind. Eine Verletzung könnte die Karriere gefährden.
Trotzdem betont Josephina immer wieder, dass ihr der Sport Spaß mache, sie das alles gern und freiwillig auf sich nehme, keinen Druck spüre, mit dem Stress gut leben kann. Früher sei sie „ein ziemliches Rumpelstilzchen gewesen“, erinnert sich Tobias Beck an Wutausbrüche im Training. Mit Mentaltraining habe sie ihre Emotionen nun besser im Griff. Es ist ein schmaler Grat zwischen gelebter Freude und Motivation – und Erfolgssucht. Die Balance muss stimmen.
Die junge Hessin will in die Weltspitze – und vielleicht zu Olympia. Die Spiele in Paris 2024 kommen noch zu früh, aber 2028 in Los Angeles, da wäre sie 18 Jahre alt. Unwahrscheinlich scheint eine Teilnahme nicht. Nächste Ziele sind aber erst mal Deutsche Meisterschaften, europäische Nachwuchs-Turniere und dann die Junioren-WM. Die Eltern können schon mal nachdenken, wie sie zu Hause in Karben wieder umräumen und Platz für Pokale schaffen.