Reise
Irland mit dem Hausboot
Der Shannon schlängelt sich durch „Ireland’s hidden heartland“ – das heißt übersetzt „Irlands herzliche Mitte“. Zwischendurch verbreitert der wasserreichste und längste Fluss Irlands sich zum See, wie eine Schlange, die ein etwas üppiges Mahl zu sich genommen hat. 250 der etwa 386 Flusskilometer sind schiffbar. Die wahrscheinlich langsamste Form, hier unterwegs zu sein: mit einem Hausboot. Vor dem Ablegen heißt es: gut aufpassen! Beim Bootsvermieter im Heimathafen in Portumna gibt Brian Kirwan eine Einführung. Er erklärt die Route auf der Karte und was die roten Markierungen bedeuten, wie das Boot gesteuert wird und wie man an- und ablegt. „Wenn man erst mal unterwegs ist, ist alles ganz einfach“, beruhigt er. Falls nicht, könne man ihn jederzeit anrufen.
Die erste Mini-Etappe führt durch eine Klappbrücke (auf die Öffnungszeiten achten!) nach Portumna Castle. Die Fahrt dauert nur etwa 20 Minuten, aber der Hafen ist viel schöner als die Basis.
Nach drei Stunden gemächlichen Tuckerns über den Binnensee Lough Derg kommt Mountshannon in Sicht. Der Ort, so verkündet stolz ein Schild am Eingang, hat 1981 den Preis für das sauberste Dorf gewonnen. Nach dem Mittagessen im Café Under the Oak heißt es: Leinen los. Bei gutem Wetter ist das Sonnendeck der schönste Platz, die Landschaft zieht sanft hügelig vorbei, das Licht glitzert auf der glatten Wasserfläche.
Die Einfahrt zum kleinen Scariff River ist mit Schilf umwuchert. Ein Boot gleitet ins Gestrüpp, manövriert rückwärts wieder heraus. Nichts passiert. Der Fluss wird schmaler, das Schilf verdeckt die Ufer. Nahtlos geht eins ins andere über. Die „Horizon 4“ schraubt sich langsam durch die engen Windungen. Vor dem Bug fliegt ein Eisvogel, ein Gefieder glänzt prächtig in der Sonne.
Fahrräder an Bord erweitern den Radius an Land. So kommt man flugs vom Hafen in Scariff in die Schokoladenmanufaktur „Wilde’s Irish Chocolates“ in Tuamgraney, gegründet 1997 von Patricia Farrell. „Damals gab es so etwas hier noch nicht“, erzählt sie. „Immer wieder klopften neugierige Besucher an die Tür. Deshalb bietet Farrell Besichtigungen, Verkostungen und Mitmachprogramme an. Bei der „Built Your Own Chocolate Bar Experience“ gestaltet man mit bunten Zutaten eine eigene Schokoladentafel – ein süßer Spaß.
Nicht weit davon entfernt rattern die historischen Webmaschinen von „McKernan Woollen Mills“. Anke McKernan aus Norddeutschland fertigt dort gemeinsam mit ihrem irischen Mann Schals. Beide sind ursprünglich Handweber, haben vor ein paar Jahren auch Strickmaschinen für sich entdeckt. „Da sind ganz andere Designs möglich“, sagt Anke McKernan. Die Schals in den tollsten Farben sind wunderbar weich und halten schön warm. Dabei sind die McKernans eher nicht so die frösteligen Typen: Sie schwimmen jeden Tag im Binnensee Lough Derg.
Unbedingt zu einer Irland-Reise dazu gehört ein Besuch in einem Pub. Im McNamara’s in Scariff türmen sich gigantische Portionen auf den Tellern. Ein Berg Fish and Chips, turmhohe Burger, gekrönt mit einem Stapel frittierter Zwiebelringe. Angestoßen wird mit einem Stout, einem dunklen Bier, dazu sagt man „Sláinte“ (sprich: „Slorntsche“). Und dann lässt man die irische Gastfreundschaft wirken: Der Wirt erzählt Anekdoten, Dart-Spieler laden zum Mitmachen ins Hinterzimmer. Gegenüber geht die Party mit Livemusik weiter. Musikwünsche werden auf Zuruf angenommen, der ganze Pub tanzt. Der Stimmung kann und will sich niemand entziehen.
Am nächsten Tag ist in Killaloe, unserem nächsten Hafen, nicht viel los, weil gerade ein wichtiges Hurling-Spiel stattfindet. Der irische Nationalsport ist ein rasantes Feldspiel, bei dem mithilfe eines Holzpaddels ein Ball ins Tor bugsiert wird. Angeblich die Vorlage für Quidditch, den fiktiven Sport aus den „Harry Potter“-Büchern. Für ein Picknick an Bord gibt es auf dem Farmers Market alles: köstlichen Käse und hervorragendes Brot.
Nah am Hafen in Terryglass beginnt der „Fairy Trail“ mit seinen winzigen bunten Türen – die Eingänge der Feen, die dort wohnen. Die Quelle „Saint Columba’s Headache Well“ soll Kopfschmerzen und Migräne heilen, ist bei einem Kater aber leider wirkungslos.
Historischer und kultureller Höhepunkt ist Clonmacnoise. Die Ruinen der Klosteranlage liegen fast auf dem Inselmittelpunkt – und direkt an einem schwankenden Anleger. Von dem ehemaligen geistlichen, geistigen und auch handwerklichen Zentrum sind noch Reste von Gemäuern übrig, das weitläufige Gelände ist übersät mit Grabplatten und Kreuzen.
Die Fahrt geht weiter. Am Ufer des Flusses und von ankernden Booten grüßen Angler, der Shannon ist ein beliebtes Revier. Die empfohlene Reisegeschwindigkeit liegt bei acht bis zehn Kilometern in der Stunde. Die Motoren sind gedrosselt, fahren maximal zwölf Stundenkilometer. Eine Hausboot-Tour auf dem Shannon ist ein sehr langsames Abenteuer. Ab durch die herzliche Mitte Irlands – aber immer mit der Ruhe.