Anpfiffzeiten
Fußball-Abendspiele: Kinder müssen draußen bleiben
Wenn Joshua Kimmich am Samstagabend mit der Nationalelf in Mainz auf dem Rasen Fußball zaubert und zelebriert, dann schlummern viele kleine Kimmich-Fans schon unter ihrer Fanbettwäsche. Denn sie können vom Auftritt ihres Idols zwar träumen, dürfen ihn aber nicht live spielen sehen. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) und die Uefa verdammen sie dazu: Herren-Länderspiele werden nur noch 20.45 Uhr angepfiffen. Das schließt den Nachwuchs aus wie kläffende Hunde an der Tür zum Sterne-Restaurant.
Die meisten Kinder und Jugendlichen, die noch zur Schule gehen, können unter der Woche – wie nächsten Dienstag gegen Belgien – nicht einmal vor dem Fernseher dabei sein und zusehen wie die Jungs von Bundestrainer Hansi Flick ihr ramponiertes Image aufpolieren wollen. Welche Eltern lassen Zehnjährige bis kurz vor 23 Uhr Fußball glotzen, wenn am nächsten Morgen um 6 Uhr der Wecker klingelt und die Mathearbeit ansteht? Die wenigsten. Zu Recht!
Späte Anstoßzeiten sind nicht fannah
Dabei sollte nach Katar alles besser werden. Die WM in der Wüste endete für den DFB auf zwei Ebenen in einer Katastrophe: sportlich mit dem blamablen Aus in der Vorrunde und medial mit dem Kommunikationsdesaster um One-Love-Binde und zugehaltene Münder. Bei der Aufarbeitung des Fiaskos verkündete der weltgrößte Sportverband gebetsmühlenartig die rigorose Kehrtwende: näher ran an die Fans und weg vom abgehobenen Slogan „Die Mannschaft“. Aber Fußballspiele des Zugpferdes Nationalelf, die so spät enden, sind nicht fannah – weder für Schüler noch für die normal arbeitende Bevölkerung.
Eine Gesellschaft braucht Gemeinschaftserlebnisse. Sie schaffen Nähe. Früher zählten Fernsehabende dazu. Generationen kamen vor den Bildschirmen zusammen, konsumierten Nachrichten und Unterhaltung, teilten Freud und Leid. Mittlerweile gibt es nur noch zwei mediale Erlebnisse, die Familien vor der Glotze vereinen: Katastrophen und Sport. Den Olympiasieg im 100-Meter-Lauf oder das Finale der Fußball-WM will man nicht am nächsten Tag in der Mediathek gucken. Live und gemeinsam wirkt besser. Das gilt umso mehr, als die junge Generation die Welt nur noch in Form von Videoschnipseln auf Social Media wahrnimmt. Wenn der Sport das Gemeinschaftserlebnis weiter vernachlässigt, verliert die Gesellschaft einen Anker.
Wer Kinder aussperrt, sperrt die Zukunft aus
Fußball ist Sportart Nummer 1 in Deutschland und er hat die Macht, Menschen zusammenzuführen. Es gibt 24.000 Fußballvereine mit sieben Millionen Mitgliedern. Darunter 1.317.000 Mädchen und Jungen unter 14 Jahren. Kinder sind die wichtigste Zielgruppe – als Kicker auf dem Platz und als Konsumenten vorm TV sind sie die Zukunft des Fußballs. Wer sie aussperrt, sperrt die Zukunft aus.
Bundestrainer Hansi Flick und DFB-Präsident Bernd Neuendorf beteuern, auch ihnen missfielen die späten Anstoßzeiten. Bisher schieben sie den Schwarzen Peter auffällig weit Richtung Uefa. Der Dachverband ist für die TV-Rechte verantwortlich. Der DFB darf bei Testspielen Ort und Gegner aussuchen, die Zeit des Anpfiffs bestimmt die Uefa. So steht’s in den Verträgen. Und sicherlich spülen Primetime-Anstoßzeiten mehr Geld in die derzeit klammen DFB-Kassen als Nachmittagspartien.
Ein Kompromiss muss her
Der DFB steckt also in der Zwickmühle – Geld oder Fannähe? Er sollte, wenn er den Neuanfang ernst meint, mehr Nähe wagen und einen Teil der Spiele, gerade dienstags oder mittwochs, früher austragen, 18 Uhr zum Beispiel. Bis zur EM 2014 bestreitet die Flick-Elf sowieso nur noch Freundschaftsspiele, da sollte doch ein Kompromiss möglich sein. Damit der Nachwuchs mittendrin ist – statt nur davon träumt, auch mal wie Kimmich, Wirtz und Musiala zu werden.