Fussball RHEINPFALZ Plus Artikel Fifa-Boss Infantino und die aufgeblähte WM: Macht und Möglichkeiten

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Geld für Stimme: Der Stratege Infantino hat früh erkannt, wie er sich den Rückhalt der Fußball-Weltgemeinschaft sichern kann: Mit stets steigenden Summen auf den Überweisungsscheinen an die Mitgliedsverbände aus aller Welt. Vor allem auf der Südhalbkugel nimmt man das wohlwollend an – und folgt im Umkehrschluss seinen Ideen.

Viel mehr Spiele, viel mehr Teilnehmer, viel mehr Geld: Die Formel, die Fifa-Präsident Gianni Infantino für künftige Weltmeisterschaften vorgibt, ist ziemlich einfach. Dabei ist der kritisierte Gigantismus nicht das Ende attraktiver Fußballturniere – auch wenn die Europäer sich querstellen. Das wirkt heuchlerisch.

Doha sollte schon Glanz und Glamour bringen, aber da geht noch mehr. Vieles spricht dafür, dass das Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft im Jahre 2026 in New York ausgetragen wird. Das Finale am 19. Juli dieser in jeder Form größten WM in der Geschichte des Fußballs in einer der schillerndsten Metropolen der Welt, das passt ins Konzept der Fifa und seines obersten Repräsentanten Gianni Infantino. Dieser ließ an seiner Begeisterung in den zurückliegenden Tagen keinen Zweifel. Vor und nachdem sich der Präsident des Weltfußballverbandes in Kigali (Ruanda) per Akklamation von den Delegierten des Fifa-Kongresses für weitere vier Jahre im Amt bestätigen ließ, machte der Schweizer mit italienischen Wurzeln deutlich, wie wichtig aus seiner Sicht die nächste WM für die Entwicklung der Sportart ist: „Ich werde die Welt des Fußballs vereinen“, erklärte der 52-Jährige, der sich unmittelbar vor seiner Wiederwahl seinen Plan von den Delegierten abnicken ließ, dass die Weltmeisterschaft 2026 in den USA, Kanada und Mexiko nicht nur so viele Teilnehmer wie nie zuvor haben wird, sondern auch mehr Partien ausgetragen werden als ursprünglich geplant.

Weil die Vorrunde in zwölf Vierer- statt in 16 Dreiergruppen angedacht ist, finden 104 Spiele statt, bevor der Weltmeister den Pokal überreicht bekommt. 48 Nationen werden mitspielen, das sind 50 Prozent mehr als bisher. Bei der WM in Katar im vergangenen Winter waren „nur“ 64 Spiele unter den 32 Teilnehmern nötig, ehe sich Argentinien zum Weltmeister krönte.

Legitimation der Macht

Eigentlich ist die Formel einfach, die eine Ausweitung des Wettbewerbs auslöst: Mehr Teilnehmer und mehr Spiele bedeuten automatisch mehr Geld. Nachdem Infantinos Plan, alle zwei anstatt alle vier Jahre eine WM-Party steigen zu lassen, in erster Linie am Widerstand aus Europa gescheitert war, greift nun Variante B. Schließlich müssen die Einnahmen weiter explodieren, um die Legitimation der Macht von Infantino zu erhalten. Zwischen 2019 und 2022 erlöste die Fifa 7,568 Milliarden Euro, im Zeitraum von 2023 bis 2026 sollen es elf Milliarden werden – mindestens.

Der Stratege Infantino hat früh erkannt, wie er sich den Rückhalt der Fußball-Weltgemeinschaft sichern kann. Vor seinem Einzug in die Züricher Schaltzentrale im Jahr 2016 nach dem Sturz des Vorgängers Sepp Blatter, versprach er den Mitgliedsverbänden, die jährliche Mindestzahlung von knapp 250.000 Euro auf eine Million zu erhöhen. Inzwischen werden jedem Nationalverband rund zwei Millionen Euro pro Jahr vom Weltverband überwiesen. Was aus deutscher oder europäischer Perspektive wenig klingt, ist für die meisten Verbände auf der Südhalbkugel überlebenswichtig. Die Botschaft von Infantino, die erc nicht einmal mehr verklausuliert verkündet: Wenn ihr meine Pläne unterstützt, kommt mehr Geld bei jedem von euch an. Das sorgt für uneingeschränkte Macht und die Möglichkeit, Vorhaben auch ohne Unterstützung der historisch starken Verbände Europas durchzusetzen.

Die Mehrheit profitiert

Im Grunde ist es so: Die überwältigende Mehrheit der Fußballverbände auf der Welt profitiert von der Ausweitung der Weltmeisterschaft auf 40 Tage und 104 Spiele – und deshalb ist sie gekommen. Selbst die kritischen Europäer erhalten künftig 16 anstatt bislang 13 feste Startplätze. Der Anstieg ist prozentual nicht so groß wie der der anderen Kontinentalverbände, existent ist er trotzdem.

Das erwartbare Klagen aus Deutschland, Spanien oder England hinsichtlich der aufgeblähten Weltmeisterschaft ist laut, zuweilen schrill. Aber es wirkt grotesk und heuchlerisch. Die Europameisterschaft 2020, wegen der Pandemie erst ein Jahr später ausgetragen, wurde über den ganzen Kontinent verstreut ausgespielt, um mehr Teilhabe der einzelnen Nationen und um mehr Vermarktungschancen zu generieren. 24 Teilnehmer gab es, längst sind bei der Uefa Überlegungen konkret, das Feld auf 32 Teams auszudehnen.

Der Rest der Welt jubelt

Zum Vergleich: Die Fifa umfasst 211 Mitglieder, von denen 48 die Möglichkeit bekommen sollen, an der WM 2026 zu partizipieren. Also etwas weniger als ein Viertel. Der europäische Verband lässt aktuell 24 seiner 55 Mitgliedsverbände bei einer EM mitspielen, 32 wären mehr als die Hälfte. Angesichts dieses Gigantismus auf dem alten Kontinent wirkt die Kritik an der Fifa wie ein verbalisierter Schildbürgerstreich. In drei Jahren werden 16 europäische Teams zur WM fahren, die Vertretung der Uefa bei einer WM wird demnach weit weniger verwässert sein als beim eigenen Turnier 2024 in Deutschland.

In anderen Teilen der Welt wurde sowohl die Aufstockung der Teilnehmer von 32 auf 48 Nationen, die bereits 2017 beschlossen wurde, als auch die jetzt entschiedene Ausweitung des Spielplans wohlwollend kommentiert. Der „O Globo“, eine in Rio de Janeiro erscheinende Tageszeitung, lobte den Beschluss der Fifa ebenso wie einer, der ihn mittragen muss. „Ich halte das für eine gute Sache“, erklärte Victor Montagliano gegenüber der „New York Times“. Der Kanadier mit italienischen Wurzeln ist Präsident des nord- und mittelamerikanischen Verbandes Concacaf, gleichzeitig Vizepräsident des Fifa-Councils. Ähnliche Verlautbarungen gab es aus Afrika und Asien, was wenig verwundert. Durch die Aufstockung der WM werden künftig Nationen auf der größten Bühne des Weltsports ins Scheinwerferlicht rücken, die dort bislang nicht zu sehen waren.

Ein Versprechen ist gebrochen

Ein Versprechen musste Infantino allerdings brechen, um seinen Plan umzusetzen: Vor sechs Jahren hatte er versprochen, dass die maximale Anzahl an Spielen für einzelne Nationen während einer Weltmeisterschaft nicht größer wird. Sieben Partien absolvierte Deutschland auf dem Weg zu den WM-Titeln 1974 und 2014, sieben Mal stand Argentinien auf dem Platz, ehe es in Katar den Pokal überreicht bekam. Trotz vieler Reformen des Spielplans blieb die Anzahl der Partien für den Weltmeister über ein halbes Jahrhundert lang stabil.

In drei Jahren wird der Weltmeister acht Spiele bestritten haben, weil eine Zwischenrunde nach der Vorrunde nötig ist, um die Achtelfinalisten zu ermitteln. Da jedoch die Abstellungsperiode der Spieler für das WM-Turnier gleich bleibt und 56 Tage umfasst, greift der Vorwurf, noch mehr Partien in den Kalender zu pressen, zu kurz. Im Grunde geht das zusätzliche Match während der Weltmeisterschaft auf Kosten eines Testländerspiels in der direkten Vorbereitung; auch wenn sich ein solches nicht mit einer K.-o.-Partie mitten im Turnier vergleichen lässt. Der physische und psychische Druck auf die Akteure ist ein anderer. Das Adrenalin, mit dem sie durch ein Turnier getragen werden, aber auch. Der Südafrikaner Patrice Motsepe, Präsident des afrikanischen Kontinentalverbandes Caf, erklärte jedoch, es sei lediglich „ein Prozent der Fußballer“ von der Belastung eines zusätzlichen WM-Spiels betroffen. Nämlich nur die Akteure der beiden Finalisten.

Es gibt nur wenige Verlierer

Wo es jedoch Gewinner gibt, da müssen auch „Verlierer“ sein. Allerdings ist ihre Anzahl gering. Die Alles-Gucker, die sich damit brüsten, jede Partie einer Weltmeisterschaft live und in voller Länge im Fernsehen anzusehen, werden die Grenzen des Erträglichen vermutlich überschreiten (müssen). Sie sind aber in der Minderheit. Selbstverständlich wird die sportliche Qualität in der Vorrunde leiden, wenn beispielsweise Island, Sierra Leone, Neuseeland und Brasilien um die beiden ersten Gruppenplätze kämpfen würden. Doch für die Ästheten bleibt das Turnier spätestens ab dem Achtelfinale unverändert, wenn mehrheitlich die etablierten Teams unter sich sein werden. Ein Turnier mit 32 Teilnehmern bot bereits viele Längen und einige unattraktive Partien. Bei künftig bis zu fünf Spielen pro Tag während der Vorrunde ist es für den Großteil der Menschen der Erde schlicht undenkbar, alles anzuschauen. Der TV-Konsument wird noch selektiver als bisher auswählen, wann er die Glotze einschaltet.

Also wird die Weltmeisterschaft in drei Jahren mit nunmehr 48 Mannschaften ausgetragen, 104 Partien werden gespielt werden. Das ist der Status Quo. Änderungen für die Zukunft können nicht gänzlich ausgeschlossen werden; die Richtung aber scheint klar zu sein. Vielleicht verlangen die Fußball-Welt und ihre höchsten Repräsentanten bald noch mehr Geld, also noch mehr WM-Spiele. Ob und wann einzelne Verbände aus diesem Hamsterrad aussteigen wollen, obliegt ihnen. Ob sie es können, ist eine andere Frage. Derzeit ist es schwer vorstellbar, dass der eingeschlagene Weg umkehrbar ist.

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