Tour de France RHEINPFALZ Plus Artikel Fast-Tour-Sieger Rolf Wolfshohl: Der Wolf ohne Rudel

Vollgas: Rolf Wolfshohl bei einem Rennen 1970. Von den Zuschauern umjubelt, aber allein ohne Team unterwegs.
Vollgas: Rolf Wolfshohl bei einem Rennen 1970. Von den Zuschauern umjubelt, aber allein ohne Team unterwegs.

Rolf Wolfshohl ist mit 84 Jahren der älteste lebende deutsche Träger des Gelben Trikots. 1968 hätte er mal fast die Tour de France gewonnen. Damals war noch alles anders: mehr Radsport, weniger Show, längere Strecke, keine Klimaanlagen. Und statt Astronautennahrung gab es Hühnerschenkel im Trikot. Ein Besuch.

Rolf Wolfshohl erinnert sich an dieses Abenteuer seiner Kindheit, als sei es gestern gewesen. Wie er zwischen Kriegstrümmern kauerte, sich frühmorgens in einer Ruine versteckte, weil er unbedingt ein Profiradrennen in Köln-Mülheim sehen wollte, den Eintritt aber nicht bezahlen konnte. Da war er vielleicht zehn Jahre. Und mit elf war er das erste Mal am Rhein gewesen und dachte, auf der anderen Seite sei Amerika. Was er aus dem Versteck zu sehen bekam, ließ ihn schwärmen: „Die bunten Trikots und die glänzenden Speichen der Räder imponierten mir. In der Straße, in der ich wohnte, gab’s zwei, die so gut im Radsport waren, dass sie sonntags mit goldenem Kranz und Schleifen um den Hals heimkamen. Ich dachte: So was musst du auch machen.“

Er machte es. Rolf Wolfshohl, 84, ist der älteste deutsche Träger des Gelben Tour-Trikots, und er ist der Letzte aus dem 1960er-Jahre-Quartett mit Rudi Altig (gestorben 2016), Karl-Heinz Kunde (2018) und Hennes Junkermann (2022). Ein Dreivierteljahrhundert nach dem „Erweckungserlebnis“ sitzen wir in seinem Haus im Bergischen Land. Bei schwarzem Kaffee und Erdbeerkuchen, mit dem seine Frau Karin plötzlich um die Ecke kommt. Die beiden lernten sich vor fast 70 Jahren kennen, 1954. Kurz davor hatte sich der Lehrling Rolf Wolfshohl sein erstes Rennrad bei seinem Trainer Jupp Arents gekauft, angezahlt mit seinem ersten Weihnachtsgeld von 36 Mark. Von der Verwandtschaft wollte er keine Geschenke, die sollten lieber die Spardose füllen, damit er ins Zweirad investieren kann. Es war sein sehnlichster Wunsch.

Flachetappen langweilen ihn

Gerade läuft wieder das bekannteste und wichtigste Radrennen der Welt, aber Rolf Wolfshohl, der den Radsport über alles liebt, interessiert sich nur für Teile der Tour de France. Die Flachetappen schaut er nicht, die „laufen immer nach dem Schema Ausreißergruppe geht weg, Ausreißergruppe wird gestellt“, findet er. Doch die Bergetappen faszinieren den Kölsche Jung nach wie vor: „Da ist jeder auf sich allein gestellt. Man gewinnt nicht immer nur mit den Beinen, manchmal spielt der Kopf die wichtigere Rolle.“ Er habe seine Rennen „nicht mit Krawall gewonnen, sondern mit Überlegen“. Die Vuelta 1965 zum Beispiel oder Paris-Nizza 1968.

Bei der Tour, sagt er, habe sich „so vieles verändert, das meiste davon zugunsten der Rennfahrer. Aber die großen Berge wie Bonette, Iseran oder Granon sind geblieben.“ Rolf Wolfshohl kennt sie alle. Dass er einst den Tourmalet (2115 Meter) auf Schotter erklommen hat, erzählt er nur nebenbei. „Die Franzosen stehen für das Traditionelle und versuchen nicht, medienwirksame Berge zu finden, wie die Spanier und Italiener, die immer neue extreme Gipfel in den Kurs einbauen, die in unserer Zeit gar nicht befahrbar gewesen wären, weil wir die Übersetzung dafür nicht hatten“, sagt Wolfshohl. 25 Prozent Steigung mit Schrittgeschwindigkeit – „das sind ja keine Radrennen mehr, das ist nur für die Show“.

Massagen jetzt für alle

Zu seiner Zeit zählte ein Team zehn Rennfahrer, zwei Sportliche Leiter, zwei Mechaniker, zwei Masseure. Heute sind’s acht Fahrer und 30 Mann Personal. Und: Nicht mehr 500, sondern 2000 Fahrzeuge, nicht 1500, sondern 4000 Menschen fahren im Tross mit. Dabei ist die Tour „nur“ noch 3500 Kilometer lang, zu bewältigen in drei Wochen. Früher waren es 4700. In den Hotels gab’s keine Klimaanlagen, trotz 30 Grad nachts. Lediglich der Teambeste in der Gesamtwertung wurde eine halbe Stunde massiert, alle anderen nur zehn Minuten. Heute wird jeder eine Stunde lang durchgeknetet. Nichts ist mehr, wie es mal war.

Der altersmilde Wolfshohl beklagt nichts, kritisiert nichts, verherrlicht nichts. Er erzählt einfach nur und lässt Erinnerungen aufblühen; mal mit verschmitztem Grinsen, mal ernst. 1956, mit 17 Jahren, wurde er deutscher Juniorenmeister. Mit 21 feierte er den ersten von drei Querfeldein-WM-Titeln, mit 23 fuhr er seine erste Tour de France – und mit 29 hätte er sie fast gewonnen. Als erster Deutscher.

„Tour der Gesundheit“

In diesem politisch wilden Jahr 1968 stand die Tour de France auf der Kippe, wegen der Streiks und Studentenproteste im ganzen Land. Im Jahr zuvor war Tom Simpson, der einst mit Wolfshohl im gleichen Team fuhr und oft bei ihm daheim in Nackhausen weilte, am Mont Ventoux gestorben, jetzt wurde die Tour unter dem Motto „Tour der Gesundheit“ ausgerufen. Es fuhren keine Werkteams, wie sie 1963 eingeführt wurden, sondern noch mal für zwei Jahre, 1967 und 1968, Nationalmannschaften. Sehr zum Pech von Wolfshohl. „Eine Tour kannst du nur gewinnen, wenn du ein schlagkräftiges Team hast“, findet er. Sein deutsches Team aber bestand fast nur aus Sechstagefahrern.

Als Wolfshohl, an sich ein begnadeter Abfahrer, im Gelben Trikot auf der nach einem Regentag sandigen Abfahrt vom Col de Porte zu viel Risiko nahm und stürzte, vier Tage vor Schluss, waren sie nur noch zu fünft. Aber was wollte er mit vier Helfern gegen die großen Nationen wie Spanien und Frankreich ausrichten? Nichts. Es kam kein Materialwagen, und bis Dieter Puschel anhielt, um Wolfshohl sein Rad zu geben, war dessen Traum, den er beim Start noch gar nicht kannte, geplatzt. Er war nicht in die Tour gegangen, um sie zu gewinnen, sagt er: „Es ist halt so gekommen, dass ich in der richtigen Gruppe war und das Trikot bekam.“ Er trauerte trotzdem. Wolfshohl wurde Sechster.

Bananen, Reistörtchen, Honigkuchen im Trikot

Wie er so über früher palavert, das ist auch oft lustig. Vieles ist unvorstellbar. Für junge Radsportfans ähnlich unvorstellbar wie etwa das Schlangestehen an einem Telefonhäuschen. Es gab zwar schon Materialwagen, aber die Rennfahrer mussten einen Ersatzreifen und eine Luftpumpe dabeihaben, das war Pflicht. Heute brauchen sie nichts mehr mitzunehmen, nicht mal mehr was zu essen. Das Gelbe Trikot, aus reiner Wolle übrigens und bei Regen gleich mal ein Kilo schwerer, das er 1968 zwei Tage lang anziehen durfte, hatte nicht nur hinten drei Taschen, sondern auch zwei vorne. Sie trugen damals über zwei Kilo Essbares am Leib – Bananen, Reistörtchen, Honigkuchen mit Butter und Marmelade und auch mal was Deftiges. „Heute haben die keine Hühnerschenkel als Wegzehrung mehr im Trikot, sondern wenn überhaupt Astronautennahrung“, erzählt Wolfshohl und meint damit die Riegel oder Gel aus der Tube. „Einige haben ja Magersucht. 65 Kilo Körpergewicht bei 1,90 Meter Größe – das ist doch nicht ideal“, glaubt er. Wenn’s damals auf einer Etappe nichts mehr zu trinken gab, die Flaschen leer waren, dann musste man sich was organisieren. Schauen, wo im nächsten Ort der Brunnen war – oder in eine Bar stürmen und die Auslagen plündern.

Die Tour de France war und ist das Größte, nicht nur für ihn. „Sie ist kein Radrennen“, wirft er ins Gespräch, „sie ist ein Event wie bei uns in Kölle der Karneval. Die Kulisse ist eher noch größer geworden.“ Stoppen kann die Tour jedenfalls nichts und niemand. Nicht mal ein Dopingskandal wie der von 1998, als alles am Ende schien. Die Leute fiebern 48 Wochen dem nächsten Tourstart entgegen. Die Familien pilgern morgens hin, mit Kindern und Großeltern, sie machen Picknick und warten auf die Rennfahrer. „Den Franzosen geht es nicht in erster Linie um den Sport. Diejenigen, die wegen des Radsports kommen, sind mehrheitlich Ausländer“, sagt einer, der immer nur in französischen Teams engagiert war, bei Peugeot-BP, Mercier-BP oder BiC, der sich wenig unterordnen konnte, ein Einzelgänger war und der in Anlehnung an seinen Namen respektvoll „le loup“ (der Wolf) genannt wurde. Ein Wolf ohne Rudel, wie damals, 1968, ein Kapitän ohne Helfer.

Der schlimme Unfall des Sohnes

Wir sitzen inmitten von Rädern mit dem Schriftzug Rolf Wolfshohl auf dem Rahmen. Er hat sie sich ins Wohnzimmer gestellt, als er sein Radsportgeschäft in Köln mit Rahmenbauwerkstatt („Rowona“) vor wenigen Jahren schloss. Selbst gebaute Räder ohne Motor. Ob die jemals noch einer kauft?

Hinter dem Ehepaar Wolfshohl, über dem Sofa, hängt ein Porträt. Rolf-Dieter lacht sehr herzlich in die Kamera, darunter stehen seine Lebensdaten: 21.10.1960 – 13.11.2011. Als wir auf den Sohn zu sprechen kommen, entflieht Rolf Wolfshohl den Gefühlen mit einem Blick aus dem großen Fenster. Er selbst war 1964 in der Bretagne schwer gestürzt und lag danach mit schlimmen Kopfverletzungen drei Monate lang in einer Pariser Klinik. „Es kann passieren. Das Leben ist gefährlich“, unterbricht er sein sekundenlanges Schweigen: „Wer ohne Risiko leben will, muss im Bett bleiben.“

Der Sturz des Sohnes, damals 1984 in Alpirsbach, stellte das Leben einer radsportverrückten Familie völlig auf den Kopf. „Es war ein Massensturz. Rolf-Dieter war mit dem Vorderrad in ein Loch gefahren und überschlug sich“, erzählt Karin Wolfshohl. Sie war anschließend liebevoll für den ab dem Hals querschnittgelähmten Rolf-Dieter da. Er starb schließlich an Krebs.

Heute extreme Geschwindigkeiten möglich

Mit dem Tod von Gino Mäder bei der Tour de Suisse im Juni sind die Diskussionen über Gefahren im Radsport wieder neu entfacht. „Früher hatte ein Rennrad einen längeren Radstand, man konnte nicht so schnell damit fahren, aber es ließ sich lenken, auch wenn man es zwingen musste“, zieht Wolfshohl den Vergleich: „Heute ist der Abstand von Vorderrad zu Hinterrad etwa fünf Zentimeter kürzer, das macht unglaublich viel aus.“ Die Gabel sei zudem gerade, die Räder mit 6,8 Kilogramm extrem leicht, die Aerodynamik an Rad und Bekleidung ausgetüftelt, die besseren Straßenverhältnisse verführten zu höheren Geschwindigkeiten, zählt er auf. Zu seiner Zeit bretterten die Fahrer mit maximal 75, 80 km/h die Abfahrten hinunter, heute sind es bis zu 100 km/h. Nun „beherrscht das Fahrrad den Fahrer, nicht umgekehrt“, sagt er.

Ob er unter all den Veränderungen heute gerne die Tour de France fahren wolle? „Nein“, sagt Rolf Wolfshohl und rührt Zucker in den Kaffee, „ich würde lieber fahren wie es früher war. Heute ist alles reglementiert.“ Die Rennfahrer träfen keine Entscheidungen mehr, sie hätten ja den Funk im Ohr und hätten sich daran gewöhnt. Früher war Radsport ein Abenteuer. Aber früher dachte Rolf Wolfshohl ja auch, Amerika sei auf der anderen Seite des Rheins bei Köln.

Voller Stolz : Rolf Wolfshohl auf seinem Balkon mit dem Gelben Trikot. Seine Mutter kaufte ihm 1953 das erste Rad – ein Miele-Hi
Voller Stolz : Rolf Wolfshohl auf seinem Balkon mit dem Gelben Trikot. Seine Mutter kaufte ihm 1953 das erste Rad – ein Miele-Hibiduri, 26 Zoll, ohne Schaltung, mit Schutzblech. Nachts stand es neben seinem Bett; zum Putzen benutzte er ein Taschentuch.
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