Rheinpfalz am Sonntag RHEINPFALZ Plus Artikel Fantas Geschichte: Braune Brause

„Durst macht Spaß mit Fanta“? Ab 1955 in der von Raymond Loewy entworfenen Ringflasche.
»Durst macht Spaß mit Fanta«? Ab 1955 in der von Raymond Loewy entworfenen Ringflasche.

Fanta gilt als kleine Schwester der Coca-Cola. Erfunden wurde die Limo jedoch 1940 im nationalsozialistischen Deutschland. Von Simon Rilling

Es ist ein Siegeszug sondergleichen, als Coca-Cola 1929 nach Deutschland kommt. Verkauft der US-Konzern im ersten Jahr 5840 Kisten, abgefüllt in der „Essener Vertriebsgesellschaft für Naturgetränke“, ausgeliefert mit Handkarren und Fahrrädern, so sind es 1939 schon 4,5 Millionen, abgefüllt in 50 Fabriken, ausgeliefert von 1400 Lieferwagen. Der Umsatz verdoppelt sich praktisch jedes Jahr. Auch als Werbepartner für Olympia unter dem Hakenkreuz, 1936 in Berlin, tritt der US-Konzern auf. Berührungsängste kennt man in Atlanta nicht, solange der Profit stimmt.

Als die Wehrmacht drei Jahre später zu ihrem Siegeszug antritt, ist es mit der braunen Brause allerdings vorbei, zumindest im Deutschen Reich. Erst werden die Rohstoffe knapp, mit der alliierten Seeblockade und dem Kriegseintritt der USA 1941 bleiben auch die Lieferungen des streng geheimen Cola-Sirups aus der Firmenzentrale aus.

Kriegsbedingt ein Erfolgsprodukt

Einer hat es kommen sehen und ist gerüstet. Bereits 1940 hatte Max Keith, Geschäftsführer der Coca-Cola GmbH in Deutschland, seinen Chefchemiker Wolfgang Schetelig gebeten, eine neue Limonade zu entwickeln. Es ist die Geburtsstunde der Fanta, auch wenn diese mit der heutigen Version wenig zu tun hat. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass es sehr gut geschmeckt hat“, schreibt Mark Pendergrast in seiner unautorisierten Geschichte der Coca-Cola Company „Für Gott, Vaterland und Coca-Cola“. Denn hergestellt wird Fanta aus Molke und Apfelfasern – oder wie es Keith später ausdrücken wird: aus „den Resten von Resten“.

Zum Erfolgsprodukt wird das Getränk, dessen Geschmack sich von Flasche zu Flasche unterscheidet, dennoch. Kriegsbedingt. 1943 werden drei Millionen Kisten verkauft. Wobei die Limonade nicht immer der Erfrischung dient, sondern auch zum Süßen von Speisen verwendet wird, ist Zucker doch rationiert. So wandert die Fanta in Suppen und Eintöpfe statt in ausgedörrte Kehlen.

Der Name geht der Legende zufolge auf einen Verkäufer namens Joseph Knipp zurück. Keith hatte seine Mitarbeiter um Namensvorschläge gebeten und sie aufgefordert, ihrer Fantasie freien Lauf zu lassen, worauf Knipp „Fanta“ in die Runde plärrt. Damit war die Suche auch schon beendet.

Die Rückkehr der „Besatzerbrause“

Nach dem Krieg ist man in Atlanta schwer angetan, dass Keith den Laden am Laufen gehalten und verhindert hat, dass die Tochtergesellschaft in die Hände der Nazis fällt. Auch die Gewinne können sich sehen lassen. Kurz darauf wird Keith zum Europa-Chef befördert – und in Essen wieder Coca-Cola produziert. Anfangs nur für die amerikanischen Soldaten, ab 1949 dann wieder in großem Stil.

Mit der Rückkehr der Cola, im Volksmund als „Besatzerbrause“ geschmäht, ist Fanta nicht mehr gefragt. Zumindest bis Mitte der fünfziger Jahre, als ein italienischer Abfüller aus Neapel eine Limonade auf Basis von Orangensaftkonzentrat entwickelt. Fanta ist wieder da, in neuem Gewand. Der renommierte französische Industriedesigner Raymond Loewy spendiert dem Getränk eine Flasche mit horizontalen Ringen. In braunem Glas, um die lichtempfindlichen Inhaltsstoffe zu schützen. Das Comeback der Fanta ist auch eine Reaktion auf die Konkurrenz von Pepsi, die ab den 1970er-Jahren in die „Cola-Kriege“ mündet.

Ein Lapsus der Marketing-Abteilung

Die braune Vergangenheit der gelben Brause gerät in Vergessenheit, wie so vieles aus den zwölf Jahren des „Tausendjährigen Reichs“. Erst ein Lapsus der Marketing-Abteilung Coca-Colas ändert dies. Anlass ist der 75. Geburtstag der Limo 2015. Ein Jubiläum, das mit einer „Fanta Klassik“ nach alter Rezeptur gefeiert wird. „Diese deutsche Ikone wird 75 Jahre alt, und um das zu feiern, bringen wir das Gefühl der guten alten Zeit zurück“, heißt es in dem Werbespot. Der Satz löst umgehend einen Shitstorm aus, kann doch kaum von der „guten alten Zeit“ die Rede sein, ganz im Gegenteil: Hitlers Truppen haben 1940 halb Europa überrannt, am Horizont zeichnet sich der Holocaust ab.

In aller Munde ist Fanta auch ohne bildungsferne PR-Berater: in 200 Ländern und 70 Geschmacksvarianten. Konsumiert ganz ohne schlechtes Gewissen, denn ein Nazi-Produkt ist die Limo aus dem Ruhrpott nicht. Keith habe mit den Nazis kollaboriert, sagt Pendergrast. Wie viele andere auch. „Aber seine Treue gehörte Coca-Cola, nicht Hitler.“

Ob Fanta Shokata, Muscat oder Dragon wirklich zu empfehlen sind, darüber lässt sich genüsslich streiten. Ein Getränk mit Geschichte ist Fanta auf jeden Fall.

Zum Weiterlesen

Mark Pendergrast: Für Gott, Vaterland und Coca-Cola: Die unautorisierte Geschichte der Coca-Cola Company. Paul Zsolnay Verlag, 1993, 512 Seiten.

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