Bewegerin
Emanzipation: Die Frau, die dem König trotzte
Nur eine Stunde hat sie Zeit, sich vorzubereiten. Die Nachricht, der Henker warte auf sie, trifft Margaret Pole am Morgen des 27. Mai 1541 im Londoner Tower hart und unerwartet. Zwar wird sie hier schon eineinhalb Jahre gefangen gehalten. Auch gilt König Heinrich VIII., der ihre Hinrichtung angewiesen hat, als tyrannisch und gnadenlos. Doch war sie nicht lange eine Vertraute der neuen Königsfamilie und „ihrem Prinzen“, wie sie Heinrich nennt, treu ergeben?
Spätere Chronisten werden in Margaret Poles Schicksal das Ende der seit 1154 herrschenden Plantagenets sehen. Dabei erstaunt ihr Leben weit mehr als ihr Tod: Als alleinstehende Frau gelingt ihr ein beispielloser Aufstieg, sie überzeugt mit ihrer Persönlichkeit, die, wie es heißt, stark und fest wie die eines Mannes sei.
Geboren wird Margaret 1473 auf der Burg Farleigh in der Nähe von Bath. Ihr Vater George ist einer der königlichen Erben des Hauses York, einem Zweig der Plantagenets, die mit einem anderen Teil der Dynastie, den Lancasters, jahrzehntelang um die Königskrone Englands konkurrieren. Wegen der Rosen in den Wappen der beiden Adelshäuser werden die Kämpfe auch Rosenkriege genannt.
Während ihre Mutter früh stirbt, verstrickt sich Margarets Vater hoffnungslos in Intrigen, wechselt im Machtkampf mehrmals die Seiten, bis sein Bruder, König Eduard IV., die Geduld verliert und ihn wegen Verrats zum Tode verurteilen lässt. Margaret und ihr jüngerer Bruder sind nun als Vollwaisen dem Wohlwollen der königlichen Familie ausgeliefert.
Der Bruder im Tower
Nach dem Tod des Königs 1483 greift Richard III., ein weiterer Onkel, nach der Macht, nachdem er die jungen Söhne seines Bruders aus dem Weg geräumt hat. William Shakespeare wird ihn später im gleichnamigen Stück als Erzschurke beschreiben. Doch schon zwei Jahre später verliert Richard Krone und Leben in der Schlacht von Bosworth. Neuer König wird der aus dem Exil zurückgekehrte siegreiche Heinrich VII., der die Dynastie der Tudors begründet.
Margaret muss erleben, wie ihr Bruder als möglicher Thronrivale im Tower gefangenen gehalten und schließlich 1499 ermordet wird. Um Margaret selbst unter Kontrolle zu halten, wird sie 1487 an einen Cousin des Königs, den ihm treu ergebenen Ritter Richard Pole, verheiratet. Obwohl arrangiert, scheint die Ehe glücklich gewesen zu sein. Margaret nennt Richard ihren „höchst wertvollen Ehrenmann“, das Paar hat vier Söhne und eine Tochter.
Ihr Mann ist ein enger Vertrauter und Beschützer des Kronerben Arthur. Als der mit 15 die arrangierte Ehe mit der gleichaltrigen spanischen Prinzessin Katharina von Aragon eingeht, nimmt sich Margaret der jungen Frau auf Arthurs walisischer Burg Ludow Castle an. Arthur stirbt jedoch bereits ein halbes Jahr später.
Und auch Margaret wird früh Witwe: Als ihr Mann Richard Pole überraschend stirbt, ist sie gerade mit dem fünften Kind schwanger. Sie hat Probleme, über die Runden zu kommen, ihren Sohn Reginald muss sie deshalb in die Obhut der Kirche geben, was sich später als sehr verhängnisvoll erweisen wird.
Die Tochter des Verräters
So gerät die alleinstehende Margaret, die Tochter eines Verräters und Schwester eines vermeintlichen Verräters, erneut an den Rand der Gesellschaft. Dennoch gelingt es ihr, den Kontakt zu Katharina zu halten. Die ist weiterhin in London, da nun eine Heirat mit Arthurs jüngerem Bruder Heinrich im Raum steht.
Der wird 1509 zum König gekrönt. Heinrich VIII. liebt Turniere und will in neuen Feldzügen Stärke zeigen. Aus strategischen Gründen kommt ihm da die arrangierte Heirat mit der fünf Jahre älteren und attraktiven Prinzessin aus Spanien gerade recht.
Ansonsten will der junge Herrscher aber alles anders machen als sein Vater. Wo sich dieser durch Misstrauen und Grausamkeit verhasst gemacht hat, will er Herzen gewinnen, auch die der rivalisierenden Adelsfamilien.
Davon profitiert auch Margaret: Heinrich gibt ihr weite Ländereien zurück, die einst ihrem Vater und Bruder gehörten. 1513 macht er sie zur Gräfin von Salisbury, schließlich sogar zur Gouvernante seiner Tochter Maria, die sie als „eine zweite Mutter“ bezeichnet.
Gräfin aus eigenem Recht
Mit diesen Besitztümern, Titeln und Ehren wird Margaret schlagartig in die einflussreichsten Kreise Englands katapultiert. Neben Anne Boleyn ist Margaret die einzige englische Frau im 16. Jahrhundert, die die Gräfinnenwürde aus eigenem Recht trägt. So gelingt es ihr, vier ihrer Kinder prominent zu verheiraten. Ihr ältester Sohn Henry vertritt ihre Interessen im House of Lords und als militärischer Anführer.
Ihre Ländereien gruppieren sich um 56 Herrenhäuser, Paläste und Burgen. Wichtige Ämter wie Vogt, Gemeindeverwalter und Treuhänder besetzt Margaret mit alleinstehenden Frauen – ein Akt der Emanzipation. Zudem bleiben ihre Angestellten, die mit ihr an wechselnden Orten leben, ungewöhnlich lange, bis zu 25 Jahre, in ihren Diensten. Gegenüber Vasallen gilt sie als wohlwollend.
Doch nach und nach wird ihre zunächst herzliche Beziehung zu Heinrich, der sie zu Beginn noch „höchst teure und viel geliebte“ Margaret nennt, getrübt: Mal muss, weil sie nicht nachgibt, ein enger Freund des Königs wegen eines Streits um Land gegen sie vor Gericht ziehen, dann wird ein Freund ihrer Söhne als Verräter hingerichtet. Doch mit Königin Katharina von Aragon sitzt noch immer Margarets Vertraute an Heinrichs Seite.
Die Königin gerät jedoch bald selbst in Bedrängnis: Die Geburt des erhofften Thronerben bleibt aus, Heinrich stellt die Ehe zunehmend in Frage. Das färbt auch auf Margaret ab, zumal sie für Katharina Partei ergreift. Zudem kann sie mit dem neuen Geist der Reformation wenig anfangen, was nicht gerade zu einem guten Verhältnis mit dem König beiträgt.
Die anglikanische Kirche spaltet sich ab
Denn der schmachtet mittlerweile liebestoll hinter der Hofdame Anne Boleyn her und bricht schließlich mit Rom, weil Papst Clemens VII. ihm die Scheidung von Katharina verweigert.
Mit dem Act of Supremacy von 1534 erklärt sich Heinrich VIII. selbst zum Oberhaupt der englischen Kirche und findet willige Kleriker, die seine erste Ehe annullieren. Bereits zuvor soll im Zuge der Krönung von Anne Boleyn und der Geburt ihrer Tochter Elisabeth die erstgeborene Tochter Maria zur Bastardin erklärt werden und ihr Erbe verlieren.
Margaret aber weigert sich zunächst entschieden, Marias Juwelen auszuliefern. Deshalb soll sie von der Königstochter getrennt werden, auch ihr Angebot, auf eigene Kosten bei ihrem Schützling zu bleiben und für Maria zu sorgen, lehnt Heinrich ab.
Endgültig zerstört wird das angespannte Verhältnis aber erst durch Margarets Sohn Reginald. Dessen Laufbahn in der katholischen Kirche hat Heinrich lange finanziert – auch, um ihn beim Papst als eine Art trojanisches Pferd einsetzen zu können.
Diese Hoffnung erfüllt sich nicht: Reginald argumentiert öffentlich und entschieden gegen den König. Zudem sympathisiert er offen mit einem Aufstand in Nordengland, der sich gegen die Enteignung von Klöstern richtet.
Der Papst plant die Invasion Englands
Als Reginald im Auftrag des Papstes für eine Invasion katholischer Kräfte in England wirbt, werden Margarets andere Söhne, Henry und Geoffrey, wegen ihres Kontaktes zu Reginald der Verschwörung angeklagt. Henry wird im Januar 1539 hingerichtet, auch sein minderjähriger Sohn verschwindet für immer im Tower.
Die angebliche Verschwörung von Exeter bringt darüber hinaus Margaret in eine schwierige Lage. Für sie kommt erschwerend hinzu, dass der Großteil ihrer Ländereien in Südwestengland ein mögliches Aufmarschgebiet für eine Invasion darstellt. Sie selbst wird enteignet und inhaftiert, wahrscheinlich auch, um Druck auf Reginald auszuüben.
Zu ihrer Verurteilung muss ein gefälschter Beweis herhalten, ein besticktes Tuch, das je nach Überlieferung entweder das Banner des katholischen Aufstandes von 1536 oder aber symbolisch die geplante Heirat Reginalds mit Heinrichs Tochter Maria zeigen soll. Intensiv verhört, bleibt Margaret bei ihrer Unschuldsbehauptung. Im Protokoll ist zu lesen, die Gräfin wirke eher wie ein „starker und fester Mann als eine Frau“.
Margarets Hinrichtung scheint ein spontaner Entschluss eines von seinen Gegnern immer mehr getriebenen Königs zu sein. Der Befehl wird wie nebenbei erteilt, als Heinrich aufbricht, um einen weiteren Aufstand im Norden niederzuschlagen.
Abgeschlachtet von einem Lehrling
Auf dem Grün vor dem Tower wird die Axt einem unerfahrenen Jugendlichen in die Hand gedrückt. Der trifft statt Margarets Halses ihr Schulterblatt, schlachtet sie zum Entsetzen des anwesenden spanischen Botschafters regelrecht ab.
Letzten Endes, schreibt die Historikerin Janice Liedl in ihrem Aufsatz „Margaret Pole and the Problem of Women’s Independence“, sei Margaret nicht nur ihre Verbindung zu Reginald zum Verhängnis geworden, sondern auch ihre Unabhängigkeit und ihre herausragende Stellung als mächtige Frau.
Konnten Frauen damals oft Unwissenheit in politischen und religiösen Angelegenheiten vorschützen, habe diese Argumentation in Margarets Fall nicht verfangen, so Liedl. Zu oft und zu prominent habe sie zuvor im Interesse ihrer Familie, ihrer Freunde und ihres Glaubens agiert, sodass auch ihr Geschlecht sie nicht mehr habe retten können.
Symbolisch endet mit ihrem Tod für viele die jahrhundertelange Geschichte der Plantagenets. Tatsächlich existiert die Familie aber weiter. Eine ihrer Enkelinnen, Dorothy Stafford, wird einflussreiche Hofdame bei Elisabeth I., die als Königin eine ganze Epoche prägt. Und mag mit Charles III. inzwischen ein Windsor auf dem Thron sitzen – bis heute halten noch einige einen späten Nachfahren Margarets, Simon Michael Abney-Hastings, 15. Graf von Loudoun, für den rechtmäßigen König von England.
Das Ende der Plantagenets
Margarets Schicksal übte schon auf ihre Zeitgenossen große Faszination aus: Damals glaubten viele an das Rad der Göttin Fortuna, das für die Launenhaftigkeit des Schicksals steht. Der Zufall, so die Überzeugung, weise jedem und jeder einen Platz im Leben zu. Für Margaret, die ihrem König selbstbewusst, aber treu gegenübertrat, drehte sich das Rad mehrmals.
Die Faszination hat sich bis heute gehalten: Margarets Leben wurde mehrfach in Romanen aufgegriffen, etwa in „Faithful Traitor“ von Samantha Wilcoxson oder in „The King’s Curse“ von Philippa Gregory, und auch in mehreren TV- und Filmserien über die Tudors taucht sie auf.
Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt.