Pfalz
Der Stadtumbau in Ludwigshafen: Gegen Nostalgie helfen Bagger
An der Stelle wünschte ich mir, ich hätte eine besonders bedeutungsschwangere Erinnerung ans Ludwigshafener Rathaus-Center. Ich habe aber keine, obwohl ich kurz nach der Eröffnung des Baus mit meinen Eltern zum ersten Mal durchgelaufen bin. Es muss das Frühjahr 1979 gewesen sein und ich war zehn Jahre alt. An die Treppen, die vom Parkdeck in den Lichthof geführt haben, erinnere ich mich, an das Quietschen von Gummisohlen auf dem steinernen Bodenbelag. Und ich habe mich damals gefragt, was die mit dem großen Raum inmitten des Einkaufszentrums eigentlich anfangen wollten, es wäre hier ja ein mittleres Symphonieorchester reingegangen.
Ein Symphonieorchester ist hier meines Wissens nach nie aufgetreten, stattdessen gab’s unter anderem feministisch geprägtes Puppentheater und die Brotprämierung der Bäckerinnung. Es sind dies wahrlich keine großen Erinnerungen – aber das Objekt, mit dem sie sich verknüpfen, wird sowieso bald verschwunden sein.
Es fressen sich die Minibagger durchs Gebäude, und schon bald wird sich der ehemals 72 Meter hohe Rathausturm in 115.000 Tonnen Bauschutt verwandelt haben. Ein Großteil davon soll im Übrigen wiederverwendet werden, beim Bau der neuen Stadtstraße, die die ebenfalls abzureißende Hochstraße Nord ersetzen wird.
Das „vierte Ludwigshafen“ geht. Es lebe das fünfte.
Und so verschwindet also das Ludwigshafen meiner Kindheit, jene Stadt, die die Stadtchronik von 2003 das „vierte Ludwigshafen“ nennt, das Ergebnis des erneuten Stadtumbaus nach dem Krieg. Verschwunden ist das Engelhorn-Hochhaus der BASF, zeitweise das höchste Gebäude des Landes. Verschwunden sind das vom Volksmund „Tortenschachtel“ getaufte Kaufhausgebäude und die markanten Gasballons am Rand der Niederfeldsiedlung. Verschwunden sind auch die Läden und Geschäfte, die einmal das Kennzeichen der Innenstadt waren, der RALA an der Ecke Kaiser-Wilhelm-Straße oder der große Eisenwarenladen, der da stand, wo heute das Bismarck-Center ist, keine Ahnung, wie der hieß.
Die einzige Funktion des Gedächtnisses: Es hilft uns zu bedauern“, hat der tiefskeptische Philosoph und Aphoristiker Emil Cioran mal geschrieben, das stimmt dann allerdings doch nur zum Teil. Wenn die Orte der Erinnerung verschwinden, dann droht auch die Erinnerung selbst zu verschwinden. Und damit geht auch ein Teil jener existenziellen Sicherheit, die entsteht, wenn man sich im Bekannten bewegt, und sei es nur in Gedanken. Letztlich erinnert uns das Verschwinden der Dinge, da hat Cioran natürlich recht, an unsere eigene Endlichkeit: In einer nicht allzu fernen Zukunft werden wir alle den Weg von Rathaus-Center und Zollhofhafen gehen. Tröstlich immerhin: Zu unserem Ableben wird man mutmaßlich keine Bürgerversammlungen organisieren müssen, da wird’s dann billiger.
Dies alles ist allerdings nicht die einzige Funktion der Erinnerung, da liegt Cioran eben falsch: Das Gedächtnis hilft auch dabei, sich zu verdeutlichen, dass Geschichte im Allgemeinen und das „vierte Ludwigshafen“ im Speziellen nicht schicksalhaft hereingebrochen sind – sondern gewollt, geplant und gemacht waren. Fragt sich eben, ob gut.
Größenwahn und Angst vor der eigenen Courage
Ludwigshafen war und ist irgendwie seltsam bipolar, im Fall der Stadtplanung nach dem Krieg: Zwischen Großmannssucht und der Angst vor der eigenen Courage pendelnd. „Wir wollen eine schöne Stadt bauen für etwa 150.000 bis 220.000 Menschen. Es liegt nicht in unserem Interesse, eine Ballung von 300.000 oder 400.000 Menschen zu schaffen“, so der damalige Ludwigshafener Oberbaurat Georg Ziegler im Frühjahr 1958 (zitiert nach der Stadtchronik).
Und so baut man dann eben auch, mit dem Projekt „Visitenkarte“ und den damit verbundenen Vorhaben: Man verlegt den Hauptbahnhof an den Rand der Innenstadt, wo er letztlich im städtischen Totraum zu liegen kommt. Man baut die beiden Hochstraßen, die sich wie eine Zange um die Innenstadt legen, und zeitweise will man sich sogar eine U-Bahn geben. Die unterirdischen Haltestellen unter dem Rathaus-Center sind die Keimzelle eines Projekt, das dann doch nie verwirklicht wird.
Nicht ganz fair, die Kritik, weil die Planer nach dem Krieg durchaus zeittypischen Vorstellungen von Stadt folgen: autogerecht, in einzelne Funktionsbestandteile gegliedert, Wohnen, Einkaufen, Arbeiten. Allerdings: Das Konstrukt funktioniert eben nie so richtig. Die Hochstraßen leiten Kaufkraft aus der Pfalz direkt nach Mannheim – in Ludwigshafen bleibt wenig hängen. Der Hauptbahnhof ist und bleibt vom Streckennetz weitgehend abgekoppelt und dümpelt am Rande der City vor sich hin. Irgendwie sucht die Stadt nach ihrer Mitte und findet keine. Stattdessen hat sie sich mit den Hochstraßen zwei überdimensionale Raumteiler gegeben – und die Veränderungen, die sich in jenem brutal zergliederten Stadtraum abspielen, die ahnt man lange nicht, und man hat lange auch keine Konzepte für sie.
Die Abwanderung von Einkommensstärkeren ins Umland, zu billigem Bauland, und die Zuwanderung von schlechter Gestellten in die Stadt – alles dies passiert eben so. Man plant groß, ganz groß – und man scheitert an den Basisprozessen.
Die Hochstraße Nord ist ein gutes Symbol dafür: Unter den Bau, in die planerische Wüste, wird alles gestopft, was man anderswo nicht mehr unterbringt oder vielleicht schlicht vergessen hat. Radwege beispielsweise. Ich erinnere mich an eine Stelle, an der jener Radweg im rechten Winkel abgeknickt ist – direkt hinter einer Säule der Hochstraße. Was heißt, dass ich da als Schüler mehr als einmal direkt in entgegenkommende Radfahrer hineingerauscht bin.
Auch dies eine Erinnerung an eine Stadt, die es so bald nicht mehr geben wird. So brutal das jetzt klingt: Um die meisten meiner Erinnerungen, die sich direkt mit dem Stadtraum des „vierten Ludwigshafen“ verknüpfen, ist es nicht wirklich schade.
Schlimmer kann’s kaum werden
Zumal das Leben ja auch neue Erfahrungen und damit Erinnerungen schafft: Mit der ebenerdigen „Helmut-Kohl-Allee“ und den umliegenden Quartieren hat die Stadt einmal mehr die Chance, ihre Struktur zu überarbeiten. Ob es diesmal klappt, ist einigermaßen unklar, weil das von den Veränderungen der globalen Wirtschaft genauso abhängt wie von regionalen Wanderungsbewegungen. Und von ziemlich vielem dazwischen.
Es ist dies gleichwohl der durchaus tröstliche Teil der Verlusterfahrung: Die Ahnung, dass es wesentlich schlechter, als es ist, auch nicht mehr werden kann. Und wenn doch, dann sind Trump, Putin oder Xi Jinping endgültig durchgedreht, und da kann die Ludwigshafener Stadtplanung dann auch wenig gegen machen. Insofern: Gegen Nostalgie helfen Bagger und ein Schuss Fatalismus.
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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.