Beweger RHEINPFALZ Plus Artikel Das Münchner Dirndl stammt aus Bielefeld

Julie Wallach mit vier ihrer zehn Kinder – Else, Moritz, Julius (kniend) und Adolf (rechts).
Julie Wallach mit vier ihrer zehn Kinder – Else, Moritz, Julius (kniend) und Adolf (rechts).

Es waren drei jüdische Kaufleute, die das Trachtenkleid salonfähig machten. Im Dritten Reich missbrauchten die Nazis die Idee für ihre ideologischen Zwecke.

Von Theresa Schäfer

Ein Kleid aus buntem Baumwollstoff, eine weiße Bluse drunter, eine Schürze drüber – so sah es aus, das Einsteigermodell „Brixen“ der Firma Wallach von 1910. „Eine kleidsame Tracht für die Damen in der Stadt“, die sich „bald größter Beliebtheit erfreute und manche Nachahmer fand“, wie sich Moritz Wallach später erinnerte.

„Um die Jahrhundertwende trugen junge Damen in der Sommerfrische weiße Kleider“, erklärt die Volkskundlerin und gelernte Schneiderin Monika Ständecke. „Die waren unheimlich anfällig, das Dirndl war viel praktischer, nicht so empfindlich und die Schürze konnte man einfach austauschen, wenn sie schmutzig geworden war.“

Unternehmer, die den Trend früh erkannten, waren drei Brüder. Julius, Moritz und Max Wallach waren keine Münchner, sondern „Zuagroaste“, kamen aus Bielefeld und stammten aus einer jüdischen Kaufmannsfamilie. Julius eröffnete 1900 am Sendlinger Tor ein Trachtengeschäft.

Zunächst zog er mit seinen Entwürfen von Markt zu Markt, doch bald kamen die Damen zu ihm, um eines der schicken Dirndl zu erstehen. In seinen Erinnerungen, die beim Leo-Baeck-Institut, einem Dokumentationszentrum für jüdische Geschichte und Kultur in Deutschland, archiviert sind, bezeichnete sich Julius Wallach 1964 als „Entdecker“ des Dirndls. „Schon anno 1902“ habe er „diese kleidsame Tracht aus Tirol übernommen“.

Königlich bayerischer Hoflieferant

„In seiner Erinnerung war er so etwas wie der Erfinder des salonfähigen Dirndls“, sagt Ständecke. „Was München angeht, hatte Julius Wallach da schon recht. Aber er war freilich nicht allein beim Erfinden, auch die Directrice in seinem Atelier hatte einen Anteil daran.“

Die Geschäfte liefen gut. 1905 holte Julius seinen Bruder Moritz als Teilhaber ins Unternehmen. Max baute im nahen Dachau die Werkstätten zur Stoffdruckerei aus. Bald lieferten die Wallachs auch ins Ausland.

„In dem Geschäft kauften bürgerliche Frauen ein, aber die Wallachs belieferten genauso auch den Hochadel“, sagt Ständecke. Mit geschicktem Marketing machten die Brüder auf sich aufmerksam: Zum 100-Jahr-Jubiläum der Wies’n statteten sie den Oktoberfestumzug mit ihren Dirndlmodellen aus.

Bald durften sie sich auch den Titel „königlich bayerischer Hoflieferant“ aufs Briefpapier drucken. Die Preußenprinzessin Marie Auguste führte eines ihrer prächtigen Seidendirndl in Paris aus – es wurde zur Sensation.

„Von Jahr zu Jahr stiegen Ansehen und Gewinn, sodass wir im zentralsten Zentrum Münchens mit einigem Stolz auf das Erreichte zurückblicken konnten“, erinnerte sich Julius Wallach fast 50 Jahre später.

Das vorläufige Ende Mitte der 1920er Jahre

Das „zentralste Zentrum“ war die Ludwigstraße, eine der Prachtstraßen der Bayernmetropole, wo die Wallachs nach dem Ersten Weltkrieg in einem „alten Adelspalais“ ihre neuen Verkaufsräume öffneten. In ihrem „Volkskunsthaus“ stellten sie wie in einem Museum auf fünf Stockwerken Kunsthandwerk aus – und mittendrin präsentierten sie ihre Dirndlmode.

Mitte der 1920er Jahre muss die Edelboutique dann doch schließen. „Moderne Sachlichkeit“ sei plötzlich gefragt gewesen, schrieb Moritz Wallach in seinen Erinnerungen. Damit konnte sein Geschäft und die in ihm verkaufte Sonntags-Volkskleidung allerdings nicht dienen. Doch er gab nicht auf und eröffnete in der Residenzstraße einen neuen Laden. 1930 lieferte er die Kostüme für die Operette „Im weißen Rössl“, die in Berlin uraufgeführt wurde. Danach zogen die Geschäfte wieder kräftig an: „Das weiße Rössl war unsere Rettung.“

Doch auch die Wallachs spürten nach 1933 den immer bedrohlicheren Antisemitismus der Nationalsozialisten, obwohl selbst die Frauen der Parteifunktionäre immer noch gerne bei Wallach einkauften. 1938 wurde das Geschäft schließlich „zwangsarisiert“, die Familie musste ihr Unternehmen weit unter Wert verkaufen. Moritz und Julius konnten sich mit ihren Familien ins Ausland retten, ihr Bruder Max wurde in Auschwitz ermordet.

Währenddessen benutzten die Nazis die Tracht für ihre Zwecke. Die Innsbruckerin Gertrud Pesendorfer (1895 bis 1982) leitete ab 1939 im nationalsozialistischen Deutschen Reich die staatliche „Mittelstelle Deutsche Tracht“, eine Unterabteilung der „NS-Frauenschaft“. Von hier aus kümmerte sich Pesendorfer darum, ihre Vorstellung vom deutschen Dirndl an die Frau zu bringen.

Die Reichsbeauftragte Pesendorfer übernimmt

Die „Reichsbeauftragte für Trachtenarbeit“ Pesendorfer verfügte über einen Stab an Schneiderinnen, Zeichnerinnen und Sekretärinnen. „Die Nazis pressten die Tracht in ein ideologisches Konstrukt“, betont Volkskundlerin Ständecke. „Das Dirndl passte einfach zu gut in deren Blut-und-Boden-Ideologie.“ Bis heute kennt man die Bilder von Hitlers Berghof: Eva Braun und die Gattinnen der Top-Nazis – kokett im Dirndl, während Europa brannte.

1945 stuften die Entnazifizierungsbehörden Pesendorfer als minderbelastet ein. Die Trachtenmode beeinflusste sie weiter, 1966 veröffentlichte sie ein Buch, das so stilbildend wurde, dass man von der „Pesendorfer-Schule“ sprach. „Über Jahrzehnte galt es vielen Trachtenschneiderinnen, Vereinen und Verbänden als Stilbibel“, heißt es im Glossar zu einem Forschungsprojekt der Universität Innsbruck.

So weit reichte Pesendorfers Einfluss Jahre nach dem Krieg noch, dass es bis heute immer wieder verkürzt heißt, die Nazis hätten das Dirndl in seiner heutigen Form erfunden. „Das hört sich griffig an, stimmt aber schlicht und einfach nicht“, erläutert Volkskundlerin Ständecke.

Moritz Wallach fing in New York wieder von vorne an. Völlig mittellos, „mit zehn entwerteter deutscher Mark“ in der Tasche, mietete er sich bei einer Druckerei in Downtown ein, schnitzte sich eigenhändig neue Druckblöcke und bedruckte Stoffe mit farbenprächtigen Motiven.

1949 bekamen die Wallachs ihr Unternehmen zurück. Moritz blieb in den USA, das Trachtenhaus und die Werkstätten wurden von einem Geschäftsführer geleitet. In den 1980er Jahren wurde Wallach von Lodenfrey übernommen. 2004 schloss das Geschäft in der Residenzstraße endgültig. Heute verkauft dort ein Diesel-Flagship-Store Jeans und T-Shirts, aber keine Dirndl.

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Im Jahr 1900 eröffnete Julius Wallach sein Trachtengeschäft, später stiegen seine Brüder mit ein. Die Wallachs waren jedoch kein
Im Jahr 1900 eröffnete Julius Wallach sein Trachtengeschäft, später stiegen seine Brüder mit ein. Die Wallachs waren jedoch keine Münchner, sondern »Zuagroaste« aus Bielefeld.
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