Meinung RHEINPFALZ Plus Artikel Bildungsempfehlung: Wenn Eltern nicht mehr das letzte Wort haben

Schwere Bürde: Der Andrang aufs Gymnasium hält an – für Leistungsschwächere wie für die Schulinfrastruktur eine Tortur.
Schwere Bürde: Der Andrang aufs Gymnasium hält an – für Leistungsschwächere wie für die Schulinfrastruktur eine Tortur.

In Baden-Württemberg und Berlin entscheidet bei der Wahl der weiterführenden Schulart künftig die Schule. Die Panik um verpasste Chancen grassiert. Dabei liegt die Krux woanders.

Während in Rheinland-Pfalz die Eltern seit 2009 über den weiteren Bildungsweg ihrer Kinder entscheiden, sind es in Baden-Württemberg und Berlin demnächst die Lehrer. Durch die kürzlich beschlossenen Reformen müssen Grundschüler, deren Notenschnitt nicht fürs Gymnasium ausreicht, im Ländle nach vermasseltem Leistungstest gar zum Potenzialtest antreten. In der Hauptstadt ist Probeunterricht angesagt. Ist der Aufschrei der beiden Landeselternbeiräte begründet?

Die Bildungsempfehlung fußt auf der Einschätzung des Klassenlehrers oder der Klassenkonferenz. Bei leistungsschwächeren Kindern machen sich die Pädagogen für nachfolgende Beratungen besonders viele Gedanken. Ist es so abwegig, ihnen bei der Bewertung von Fähigkeiten und Lerntypus ihrer Schüler zu vertrauen?

Wir leben nun mal in einer Leistungsgesellschaft und egal, ob sich ein Kind später zum Besseren entwickelt, an einer Stelle muss eine Entscheidung her, und dieser liegt der aktuelle Kenntnis- und Kompetenzstand eines Kindes zugrunde. Wenn jener in Richtung Gesamt- oder Realschule zeigt, dann sollte man das akzeptieren. Die Mädchen und Jungen können hier weitaus bessere Leistungen unter weniger Druck erzielen.

Ehrgeiz der Eltern

Das kann das Beste für ein Kind sein. Doch offensichtlich geht es nicht nur um die Ausschöpfung des Potenzials, sondern auch um den Ehrgeiz der Eltern – und ums Prestige. Dem Wechsel zur Realschule haftet ein gewisser sozialer Abstieg an, auch für die Eltern. Oft wird übersehen, dass ein Scheitern auf einer höheren Schule dramatische Folgen für ein Kind haben kann, ein Abizeugnis mit einem Vierer-Schnitt nicht viel nutzt und auch ein Realschulabschluss zur Hochschulreife führen kann.

Berlin und Baden-Württemberg sind keine Vorreiter beim eingeschränkten Elternwillen: In Sachsen, Thüringen, Brandenburg und Bayern entscheidet ohnehin die Schule und es gelten strengere Vorgaben. In diesen Ländern bekämpft man den Andrang auf Gymnasien mit erforderlichen Notenschnitten von teilweise 2,0 – höher als im Rest der Republik.

Schulen haben interne Kriterien

In Großstädten wie Berlin ist die Lage extrem: Im kinderreichen Pankow ist der Sprung aufs Gymnasium mit einem NC über 1,3 schwierig, weil die Schulen interne Kriterien etabliert haben. Der Klassenkampf ist da längst ausgebrochen, die Bildungsempfehlung sowieso nicht von Belang.

Die Bildungsreform der 60er- und 70er-Jahre hat einen grundlegenden Wandel in Gang gesetzt: 1950 hatten drei Prozent eines Altersjahrgangs eine Zulassung zur Hochschule, 1990 bereits 31,4 Prozent, 2020 46,8 Prozent. Ist es nicht an der Zeit, wieder gegenzusteuern? Deutschland braucht Fachkräfte mit Berufsausbildung, nicht nur Akademiker. Infrastruktur-Engpässe an Schulen, etwa Lehrermangel, sind hausgemacht. Zeit, die Schüler besser zu verteilen.

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