Schlafmedizin RHEINPFALZ Plus Artikel Böse Nacht – Was tun gegen Durchschlafstörungen?

Besser schlafen: Es sind 80 wissenschaftlich diagnostizierte Formen von Schlafstörungen bekannt, von schlafbezogenen Atmungsstör
Besser schlafen: Es sind 80 wissenschaftlich diagnostizierte Formen von Schlafstörungen bekannt, von schlafbezogenen Atmungsstörungen bis hin zu seltenen Krankheitsbildern.

In Deutschland leiden schätzungsweise fünf Millionen Menschen an einer der zahlreichen Arten von Schlafstörungen. Diese können in Schlaflabors wie dem am Pfalzklinikum in Klingenmünster behandelt werden.

Mit der Geburt ihres ersten Kindes wurde die Situation unerträglich. Dann schlief sie nicht nur weniger, sondern auch nicht mehr für längere Zeit am Stück. Sie konnte sich tagsüber noch weniger konzentrieren als ohnehin schon. Sie war gereizter. Und fand abends noch schwerer in den Schlaf. Das erzählt eine Frau, die inzwischen Anfang 40 ist. Sie will nicht, dass ihr Name in der Zeitung steht. Denn nicht alle Menschen, die sie kennt oder mit denen sie beruflich zu tun hat, hat sie eingeweiht, was sie gesundheitlich belastet, an welcher Erkrankung sie seit ihrer Kindheit leidet und die sie nun zum zweiten Mal in die Südpfalz, konkret nach Klingenmünster, geführt hat.

An dieser Stelle finden Sie ein Video via Glomex.

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Die Frau, die aus Baden stammt, trägt eine graue Strickjacke und eine bequeme Hose. Sie hat auf einem Sessel Platz genommen. Es ist später Nachmittag, sie wirkt müde. Wenn sie erzählt, richtet sie ihren Blick immer wieder in den Gang, dessen orangefarbener Vinylboden das Licht der Deckenleuchten spiegelt. Etwa 20 Schritte sind es bis zum Ausgang, weitere 20 bis 30 Schritte wären es bis an das andere Ende des Gebäudes, das seit Kurzem eine neue Bestimmung erhalten hat. Es ist der neue Standort des Schlafzentrums, das am Pfalzklinikum angesiedelt ist. Das Team um ihren Leiter, den Schlafmediziner Hans-Günter Weeß, hat dadurch mehr Platz als im bisherigen Altbau und kann dort auch auf neue Technik zurückgreifen. So lässt sich auch aus der Ferne der Schlaf von Menschen untersuchen. Gedacht ist das Angebot für Patienten mit Ein- und Durchschlafstörungen beziehungsweise für jene mit leichten schlafbezogenen Atmungsstörungen ohne weitere Begleiterkrankungen.

Einfach nicht aus dem Bett gekommen

Die Frau wird ihre zweite Nacht im Schlaflabor verbringen. Die Tage seien durchgetaktet, es gebe körperliche Untersuchungen, bei denen sie auch verkabelt werde, erzählt Hans-Günter Weeß. Um 6 Uhr habe das Programm begonnen. Da sei die Frau nicht aus dem Bett gekommen. Der Patientin fällt es generell schwer, die richtige Zeit für das Aufstehen zu finden. Sie brauche deutlich mehr Schlaf als andere. Gewöhnlich benötigt der Mensch zwischen sechs und acht Stunden Schlaf. Doch das ist nur der statistische Durchschnitt, 20 Prozent der Menschen benötigten mehr oder weniger Schlaf. Der Mediziner sagt nüchtern: „Der Schlaf ist erholsam, wenn wir am Tage leistungsfähig und emotional ausgeglichen sind.“

Unsere Gesprächspartnerin verbringt mindestens zwölf Stunden im Bett, wie sie berichtet. Es gebe Tage, Wochenenden, an denen sie erst nach 16 Stunden aufsteht. „Das ist natürlich sehr belastend“, fügt sie an. Nicht nur beruflich, auch das Familienleben leide. Ihre beiden Kinder müssten akzeptieren, dass ihre Mama nicht so leistungsfähig sei wie andere Mütter.

Da sie weiß, wie wichtig Bewegung ist, weil sie auch im Berufsleben damit zu tun hat, achtet die zweifache Mutter unter anderem darauf, sich ausreichend körperlich zu betätigen, sich auszupowern, viel Zeit an der frischen Luft zu verbringen. Geholfen habe ihr das aber nicht wirklich, berichtet sie. Erst auf Empfehlung ihres Hausarztes hin habe sie einen Termin im Schlaflabor im pfälzischen Klingenmünster vereinbart. Zuvor war lange Zeit vermutet worden, sie leide unter einer Depression. Doch es ist eine Schlafstörung, die sie plagt.

Sieben Monate Wartezeit

Nach einer vorsichtigen Schätzung leiden etwa fünf Millionen Menschen an einer Schlafstörung, laut Schlafmediziner Weeß könnten es allerdings auch noch mehr sein. Es seien 80 wissenschaftlich diagnostizierte Formen bekannt, von schlafbezogenen Atmungsstörungen bis hin zu seltenen Krankheitsbildern, bei denen Betroffene weder richtig schlafen noch richtig wach sein können und auch nicht richtig träumen. Dieses breite Spektrum werde im Schlaflabor in Klingenmünster in den Blick genommen, berichtet Weeß. Die Nachfrage nach einer stationären Behandlung ist hoch. Nach Weeß’ Angaben werden im Jahr rund 1000 Patienten vor Ort behandelt, die schwerpunktmäßig aus der Pfalz kommen. Sieben Monate Wartezeit müssten einkalkuliert werden für eine stationäre Aufnahme. Auch deshalb werde zunächst geschaut, ob Betroffenen nicht auch durch ambulante Methoden geholfen werden kann.

Diagnose: Schlafmediziner Hans-Günter Weeß wertet Ergebnisse vor mehreren Monitoren aus.
Diagnose: Schlafmediziner Hans-Günter Weeß wertet Ergebnisse vor mehreren Monitoren aus.

Schon in der Sprache werde dem Schlaf eine geringe Bedeutung beigemessen, sagt Hans-Günter Weeß. Das Sprichwort „Morgenstund hat Gold im Mund“ besage, dass sich frühes Aufstehen lohnt, weil es sich am Morgen gut arbeiten lässt. Die Redewendung „Der frühe Vogel fängt den Wurm“ solle vermitteln, dass rechtzeitig mit einer Sache begonnen werden müsse. Begriffe wie „Langschläfer“ oder „Schlafnase“ drückten dagegen aus, dass länger schlafende Menschen nicht erfolgreich seien. Diesen überkommenen Zuschreibungen zum Trotz habe sich inzwischen allerdings die Erkenntnis durchgesetzt, dass es wichtig ist, gesundem Schlaf eine größere Bedeutung beizumessen.

Achtung mit Schlaf-Trackern!

Es gibt verschiedene Programme für das Smartphone, kurz Schlaf-Apps, die helfen sollen, besser in den Schlaf zu finden, die das Aufwachen erleichtern sollen beziehungsweise den Schlaf des Nutzers aufzeichnen und analysieren. „Sleeptracker und Co. stärken das Bewusstsein für einen gesunden Schlaf, machen deutlich, wie wichtig er ist. Anderseits sind diese nicht wissenschaftlich evaluiert und können aufgrund falscher Ergebnisse die Menschen auch unnötig verunsichern“, sagt Hans-Günter Weeß. Apps auf Rezept, sogenannte Digitale Gesundheitsanwendungen, welche von Ärzten und Psychotherapeuten verschrieben werden, könnten hingegen bei leichteren Ein- und Durchschlafstörungen einen ersten Behandlungsschritt darstellen. Von chronischen Ein- und Durchschlafstörungen wird gesprochen, wenn Betroffene über drei Monate mindestens dreimal die Woche mit dem Ein- und Durchschlafen zu kämpfen haben. „Entscheidend ist zudem, wie sich die Betroffenen tagsüber fühlen“, sagt Hans-Günter Weeß.

Weeß und sein Team haben zudem eine kognitive Verhaltenstherapie entwickelt, also: Handlungsempfehlungen zusammengetragen, die einen besseren Schlaf herbeiführen sollen. So wird Betroffenen empfohlen, nach 13 Uhr keinen Kaffee mehr zu trinken, keinen Alkohol vor dem Zubettgehen zu konsumieren und nicht vor dem Fernseher einzuschlafen. Darüber hinaus lernen sie, sich abends wieder zu entspannen, die letzten Gedanken lieber aufzuschreiben, als sich mit diesen im Kopf im Bett herumzuwälzen.

Schlafmittel bekämpfen nur Symptome

Am Pfalzklinikum gibt es darüber hinaus ein spezielles Angebot: das zweitägige verhaltenstherapeutische Schlafseminar. Teilnehmenden wird dabei Wissenswertes zu den Ursachen von Schlafstörungen vermittelt. Zudem werden ihnen Techniken und Methoden beigebracht, die ihnen helfen sollen, ihre Schlafprobleme selbst zu bewältigen. Und auch zu Schlafmitteln hat der Mediziner eine klare Haltung: „Sie bekämpfen lediglich die Symptome, beheben allerdings nicht die Ursachen von Schlafstörungen“, sagt Hans-Günter Weeß.

Und doch berichtet er von einem Trend besonders in Familien mit Kleinkindern, dem Schlaf-Glück auf die Sprünge zu helfen und dem Nachwuchs Gute-Nacht-Bärchen zu geben, die das schlaffördernde Hormon Melatonin enthalten. Die Kinder sollten dadurch schneller und einfacher in den Schlaf finden. In Drogeriemärkten und Apotheken sind inzwischen häufiger melatoninhaltige Präparate ausgestellt, die offiziell als Nahrungsergänzungsmittel geführt werden, weshalb sie frei erhältlich sind. Doch Mediziner warnen vor Überdosierungen oder unerwünschten Nebeneffekte.

Hoffen auf neue Selbsthilfegruppe

Auch Selbsthilfegruppen können für Betroffene von Schlafstörungen eine Anlaufstelle sein, besonders für Menschen, die Scheu haben, zum Arzt zu gehen. Auf Initiative von Hans-Günter Weeß war im Jahr 2005 eine Selbsthilfegruppe für Menschen mit Ein- und Durchschlafstörungen gegründet worden. Das Einzugsgebiet war groß, die Mitglieder kamen aus der Pfalz. „Leider hat diese Gruppe die Corona-Pandemie nicht überstanden, sehr zu unserem Bedauern“, teilt Weeß heute mit. Allerdings werde wieder nach Patienten gesucht, welche sich in einer Selbsthilfegruppe engagieren möchten.

Zur Info

Das Schlafzentrum am Pfalzklinikum in Klingenmünster verfolgt einen interdisziplinären Ansatz. Das heißt: Ärzte und Ärztinnen aus verschiedenen Fachrichtungen werden in die Behandlung der Patienten mit Schlafstörungen eingebunden. Das medizinische Personal wirft unter anderem einen neurologischen, einen internistischen und einen psychologischen Blick auf die Patienten. Es wird untersucht, wie sich die Schlafstörung auswirkt auf Aufmerksamkeit, Konzentration und Gedächtnisleistung. Geprüft wird nach Angaben des Schlaflaborleiters Hans-Günter Weeß auch, ob und wie die Leistungsfähigkeit der Betroffenen am Arbeitsplatz reduziert ist und ob Einschränkungen bei der Fahrtauglichkeit wegen Schläfrigkeit am Steuer bestehen. Doppelt so viele Verkehrsunfälle sind laut Weeß auf die Folgen des Sekundenschlafs zurückzuführen als auf Alkoholkonsum. Um den Schlaf der Patienten untersuchen zu können, werden in der Technikzentrale die Biosignale, etwa Atem- und Herztätigkeit, des Patienten beobachtet und bewertet.

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