Wissen RHEINPFALZ Plus Artikel Abgedeckt: Die Geschichte des Wundpflasters

Bei kleinen Wunden ist das Pflaster ein nützlicher Helfer. Es nimmt Blut oder Wundsekret auf und schützt vor Schmutz, Krankheits
Bei kleinen Wunden ist das Pflaster ein nützlicher Helfer. Es nimmt Blut oder Wundsekret auf und schützt vor Schmutz, Krankheitserregern und Austrocknung.

In den Finger geschnitten, das Knie aufgeschrammt, eine Blase an der Ferse gelaufen? Gut, wenn man in solchen Momenten ein Pflaster zur Hand hat.

Hamburg. Wir schreiben das Jahr 1880. Nach einem durchaus bewegten Leben in den Jahren zuvor lässt sich der 44-jährige Apotheker Paul Carl Beiersdorf in der Stadt an der Alster nieder. Geboren in Neuruppin in Brandenburg, hat Beiersdorf nach dem Schulabschluss Physik und Pharmazie in Berlin studiert und anschließend eine Fabrik für Neusilber in Moskau geleitet. Danach ging es zurück nach Berlin, erst zu einer Firma für optische Instrumente, danach als selbstständiger Apotheker.

Nun also Hamburg. Beiersdorf übernimmt die Merkur-Apotheke in der Mühlenstraße, unweit vom Hamburger Michel. Erst nach dem Kauf bemerkt er, wie heruntergewirtschaftet die Apotheke ist, und muss zusätzliche Verdienstquellen erschließen. Beiersdorf richtet ein Labor ein und bietet unter anderem lebensmittelchemische Untersuchungen an. Bald hat er auf diesem Gebiet einen sehr guten Ruf. Er interessiert sich außerdem für das Feld der Dermatologie und entwickelt Salbenmullbinden. Dabei arbeitet er mit Paul Gerson Unna zusammen, einem der führenden deutschen Hautärzte jener Jahre.

Ein pflanzlicher Milchsaft als Klebstoff

Beide suchen nach einem unkomplizierten Schnellverband für kleinere, offene Wunden auf der Haut, was es bislang nicht gibt. Der Verband soll die Wunde nicht nur schützen, sondern auf der Haut haften und medizinische Wirkstoffe zur Heilung freisetzen. Sie experimentieren lange Monate mit Mull, der in heiße Salben getränkt ist, und verwenden klebrigen Milchsaft des kautschukähnlichen Guttapercha-Baums. Beiersdorf nimmt Anregungen von Apothekern aus den USA auf und kommt zum Ziel.

Die Prototypen seines medizinischen Pflasters überzeugen das Kaiserliche Patentamt, das dem Apotheker und Erfinder am 28. März 1882 das Patent Nr. 20057 für eine „Guttapercha Pflastermulle“ erteilt. „Auf eine zarte Guttaperchaschicht, welche auf Mull… verteilt ist, streicht man gleichmäßig die aus Vaseline, Schmalz, Talg ... und Arzneistoff bestehende Pflastermasse“, heißt es in der Patentschrift.

Das Wort Pflaster ist abgeleitet vom griechischen „émplastron“, was so viel wie „das Aufgeschmierte“ bedeutet. Beiersdorf gibt dem Verband aber den Namen „Guttaplaste“. Die Mediziner sind begeistert, es ist weltweit eine Premiere. Erstmals gibt es die Möglichkeit, Wunden ohne viel Baumwolle mit selbsthaftendem Material zu verschließen.

„Kein Händchen fürs Geschäft“

Die „gestrichenen Pflaster“ erobern rasch den Markt, Beiersdorf lässt in Altona eine Fabrik errichten, die 1890 mit elf Mitarbeitern startet. Es ist die Geburtsstunde des heutigen Beiersdorf-Konzerns. Der Namensgeber ist zwar voller Tatendrang, doch er hat „kein Händchen fürs Geschäft“, schreibt später der Unternehmenshistoriker Thorsten Finke.

Beiersdorfs restlicher Lebensweg verläuft tragisch. Sein 16-jähriger Sohn erschießt sich, weil er im Gymnasium nicht versetzt wurde. Den trauernden Vater verlässt der Lebensmut, zudem tut er sich schwer als Unternehmer. Kaum ist die Firma gegründet, verkauft er sie inklusive des Patents für 60.000 Mark an den Unternehmer Oscar Troplowitz. In der Folge lässt er sich mit Bauspekulanten ein und verliert sein kleines Vermögen. Ein Versuch, wieder als Apotheker Fuß zu fassen, scheitert. 1896 nimmt er sich das Leben.

Oscar Troplowitz hingegen, der neue Eigentümer und Chef von Beiersdorf, versteht was vom Geschäft. 1863 im oberschlesischen Gleiwitz als Spross einer vermögenden jüdischen Familie geboren, studiert er Pharmazie, aber auch Philosophie und Kunst. 1890 zieht er nach Hamburg, wo er die Kooperation mit Hautarzt Paul Gerson Unna fortsetzt.

Ein Unternehmer mit sozialer Ader

Troplowitz vereint in seiner Person nicht nur unternehmerisches Talent und kulturelles Interesse, sondern auch soziale Verantwortung. In seinem Betrieb gibt es kostenloses Mittagessen für die Belegschaft, einen Betriebskindergarten, die weiblichen Angestellten genießen Mutterschutz. Troplowitz führt eine Pensionskasse ein, die 48-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich und vieles mehr. Seine Mitarbeiter danken es mit absoluter Loyalität, nur ein einziger Angestellter kündigt bei Beiersdorf in der Ära Troplowitz.

In Hamburg macht er sich einen Namen durch das Engagement in der Kommunalpolitik und als kunstsinniger Mäzen. Er ist der erste deutsche Privatsammler, der einen Picasso erwirbt. Und von seinen Spenden profitieren das örtliche evangelische, katholische und jüdische Krankenhaus.

Troplowitz kann sich das alles leisten, weil die Firma unter seiner Federführung bald floriert. Er erkennt das enorme Potenzial des Beiersdorf’schen Patents. Troplowitz lässt die Pflaster mit Zinkoxid versehen, das antiseptisch wirkt und die Wundheilung fördert. Es gelingt, ein Pflaster herzustellen, das die Haut sehr gut verträgt und das haftet. Das Zinkoxid färbt den neuen Verbandsstoff strahlend weiß. Gemäß den griechischen Bezeichnungen „leuko“ für weiß und „plastos“ für geformt nennt Troplowitz das neue Produkt „Leukoplast“ und bringt es 1901 auf den Markt.

Troplowitz setzt weit über das Wundpflaster hinaus auf immer neue Produkte. So hat 1909 der Lippenpflegestift „Labello“ Premiere, 1911 folgt mit „Nivea“ die erste Fett- und Feuchtigkeitscreme der Welt. Beiersdorf befasst sich auch mit Klebefilmen, die ab den 1930er Jahren unter dem Namen „Tesa“ den Markt aufmischen.

Troplowitz ist ein moderner Unternehmer, der sich auf Werbung versteht und früh die internationale Präsenz sucht. 1893 knüpft er erste Handelsbeziehungen nach New York, ab 1914 sind die ersten Beiersdorf-Vertreter in China unterwegs.

1922: „Hansaplast“ kommt auf den Markt

1918 stirbt Troplowitz mit nur 55 Jahren an einem Hirnschlag. Er hat aus dem Elf-Mann-Betrieb Beiersdorf ein weltweit aktives Unternehmen mit über 500 Mitarbeitern entwickelt. Die Nachfolger bauen Beiersdorf, das 1922 eine Aktiengesellschaft wird, weiter aus hin zu einem auch heute noch führenden Hersteller von Pflege- und Kosmetikprodukten.

Im selben Jahr hat mit „Hansaplast“ das erste moderne Wundpflaster, wie wir es heute kennen, Premiere. Es ist eine Kombination von „Leukoplast“ und einer Mullauflage, es ist selbstklebend, aber dennoch relativ leicht ablösbar. In einigen europäischen Ländern, etwa in Großbritannien, wird „Hansaplast“ unter dem Namen „Elastoplast“ vermarktet. In den USA hingegen wird die Marke „Band-Aid“ zum Deonym fürs Wundpflaster: Entwickelt wird sie 1920 von Earle Dickson, einem Mitarbeiter des Pharmazie- und Konsumgüterherstellers Johnson & Johnson in New Jersey, der ab 1924 auch die industrielle Herstellung übernimmt.

Die Zukunft: Pflaster aus dem 3D-Drucker

Heute wird am Pflaster der Zukunft gearbeitet. Es soll weit mehr können als nur Kratzer und Wunden abdecken: Es soll die Wundheilung beschleunigen, antiallergisch sein, den Körper mit Medikamenten und Impfstoffen versorgen und zugleich messen, ob sie auch richtig dosiert sind.

Forscher der Fraunhofer-Gesellschaft haben beispielsweise ein Pflaster entwickelt, das Auskunft über Veränderungen des Wundheilungsprozesses gibt. Liegt eine bakterielle Entzündung vor, verfärbt sich das Pflaster von Gelb nach Violett. Auslöser dafür ist ein im Wundverband integrierter Indikatorfarbstoff, der auf Veränderungen im pH-Wert der Haut reagiert.

Zudem arbeitet die Branche an sogenannten Drug-Delivery-Pflastern. Das Material dieser Wundverbände kann biologisch wirksame Stoffe aufnehmen, speichern und wieder abgeben. So könnten Wunden in Zukunft kontinuierlich und dosiert behandelt werden – etwa mit antibiotischen Wirkstoffen oder wundreinigenden Enzymen.

Und auch an Pflastern, die passgenau auf die Bedürfnisse des jeweiligen Patienten zugeschnitten werden können, tüftelt die Forschung. 2021 stellten etwa Mediziner und Materialwissenschaftler der Universität Kiel ein Pflaster für schlecht heilende Wunden vor: Es wird im 3D-Druck hergestellt, basiert auf einem Hydrogel und ist mit speziellen Eiweißen versehen, die mit grünem Licht aktiviert werden und die Bildung von neuem Gewebe anregen sollen.

Ein Pflaster ohne Klebstoff?

Ein fieses Ziepen beim Abziehen des Pflasters und mitunter gerötete Haut, wo es aufgeklebt war, zählen zu den Begleiterscheinungen des Pflasters seit seiner Erfindung 1882. Auch daran wird gearbeitet. Neue Pflaster sollen bestens kleben und sich trotzdem leicht von der Haut lösen, wenn ihr Dienst getan ist. Sie bestehen aus drei statt der üblichen zwei Lagen. Zwischen den Geweberücken und der Klebeschicht ist ein Hightech-Material eingefügt. Beim Aufdrücken hält die Schicht das Pflaster zusammen, beim Abreißen aber löst sie sich von der Klebeschicht. Der auf der Haut zurückbleibende Rest kann einfach abgerollt werden.

Eine weitere Entwicklung ist das klebefreie Pflaster. So gibt es Fixierbinden mit zweifachem Hafteffekt, die durch eine gekreppte Struktur ohne Kleber an sich selbst haften. Forscher experimentieren auch mit Pflastern, die nicht mit Klebstoff beschichtet sind, sondern mit Hunderten von Mikronadeln aus Kunststoff. Diese dringen in das Gewebe ein, schwellen dort an und haften fest. Das Pflaster schont die Haut und lässt sich leicht wieder entfernen.

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