Rheinland-Pfalz
Zur Sache: Die Demonstrationen in Kandel
Den Auftakt der Demonstrationen in Kandel machte drei Tage nach dem Mord die regionale AfD mit einem Trauermarsch. Aufgerufen hatte sie ihre Mitglieder, etwa 200 Menschen aus dem Raum Vorderpfalz/Karlsruhe nahmen teil, die Veranstalter waren deutlich um Zurückhaltung bemüht.
Rangelei am Ende eines Schweigemarschs
Aber schon ein „Schweigemarsch“ Anfang Januar endete in einer Rangelei. Angemeldet hatte den „Schweigemarsch“ ein Marco Kurz, der mittlerweile mit dem von ihm gegründeten „Frauenbündnis Kandel“ monatlich in Kandel demonstriert. Zu den Teilnehmer gehörten auch Angehörige der organisierten rechten Szene. Gespräche während dieses „Schweigemarschs“ drehten sich um rechtsextreme Polit-Strategien oder um die angebliche Mitschuld der Familie des Opfers. Vor dem Drogeriemarkt, in dem die Schülerin ermordet wurde, griff ein vermummter Teilnehmer des Marsches eine Mahnwache an. Für eine Demonstration Ende Januar war Kurz dann als Versammlungsleiter benannt. Von den rund 1000 Teilnehmer (Gegendemonstranten: 150) ordnete die Polizei zehn Prozent der organisierten rechten Szene zu, unter anderem der NPD, dem Nationalen Widerstand Zweibrücken und den Berserkern Pforzheim. Ebenfalls dabei: Vier AfD-Landtagsabgeordnete aus Baden-Württemberg. Die rheinland-pfälzische AfD hatte ihren Mitgliedern von einer Teilnahme abgeraten – aus Sicherheitsgründen.
Übergriffe von Hooligans
Anfang März trennten sich die Wege von Kurz und AfD. Die AfD-gesteuerte Plattform „Kandel ist überall“ organisierte die mit 4000 Teilnehmern größte Demonstration in Kandel (Gegendemonstranten: 500). Den Kern bildeten die baden-württembergischen AfD-Landtagsabgeordneten Christa Baum, die ehemalige AfD-Stadträtin Myriam Kern (Landau) und die frühere Vize- Vorsitzende der AfD Rheinland-Pfalz, Christiane Christen (Speyer). Gegen Christen hat die AfD jetzt ein Parteiausschlussverfahren eingeleitet. Sie soll mit einem NPD-Funktionär zusammen gearbeitet haben, streitet dies aber ab. Im Zuge der AfD-Demo kam es zu massiven Übergriffen von Hooligans auch auf die Polizei; ermittelt wird bis heute. Eine zweite Demo der AfD-Plattform „Kandel ist überall“ Ende März rief eine breite Front von Gegnern auf den Plan: SPD, Grüne, FDP, Linke, Gewerkschaften und Kirchen riefen zu einer Gegendemonstration auf. Zu den Rednern gehörte neben Ministerpräsidentin Dreyer (SPD) auch der CDU-Kreis-Chef und Parlamentarische Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium, Thomas Gebhard. Erstmals waren die Gegendemonstranten mit rund 1600 Teilnehmern in der Überzahl („Kandel ist überall“: 1000 Teilnehmer). Aus einer parallel laufenden Antifa-Demo (350 Teilnehmer) wurden Böller geworfen, eine Gruppe versuchte die Polizeikette Richtung AfD-Demo zu durchbrechen. Die Polizei griff kurz durch. Seitdem geben die monatlichen Demonstrationen des „Frauenbündnisses“ den Takt vor, für das nächste Jahr sind durchgehend Termine angemeldet. Zwei Gruppen organisieren Gegenveranstaltungen: „Kandel gegen Rechts“, das im linken Spektrum verankert ist, und „Wir sind Kandel“, das auch unpolitischen Menschen eine Plattform bieten will. Die Teilnehmerzahlen aller Demonstrationen bewegen sich im unteren dreistelligen Bereich, Tendenz sinkend.