Rheinland-Pfalz
Wenn Kinder trauern: Wie verscheucht man die nächtlichen Monster?
Ein Todesfall in der Familie ist eine Herausforderung: Entsetzen und Trauer konkurrieren mit der Notwendigkeit, alles Notwendige zu managen. Aber wie trauern eigentlich Kinder? Wie soll man mit ihnen umgehen, was darf, was muss man ihnen sagen? Wir haben Trauerbegleiterin Ingrid Mayer aus Kaiserslautern gefragt.
Tim ist fünf Jahre alt und ein fröhlicher, aufgeschlossener Junge. Doch plötzlich verhält er sich, als wäre er verwandelt. Er ist verstockt, zieht sich zurück. Im Schlaf nässt er wieder das Bett ein. Die Eltern können sich keinen Reim darauf machen. Erst als er in der Kita immer wieder Kreuze malt, ahnen die Erzieherinnen, dass sein Verhalten etwas mit dem Tod seiner Tante zu tun haben könnte. Die Mutter reagiert betroffen. Sie versteht nicht, was vorgeht. Sie und ihr Ehemann haben doch alles getan, um Tim von diesem traurigen Ereignis abzuschirmen. Beide sind sich sicher: Der Tod ist doch kein Thema für ein Kind! Deshalb hat die Mutter sich ihrem Sohn gegenüber auch nicht anmerken lassen, wie sehr sie selbst unter dem Verlust ihrer Schwester leidet.
Tim ist ein Paradebeispiel dafür, wie Eltern nicht reagieren sollten, wenn in der Familie jemand stirbt und ein Kind davon betroffen ist.
„Erwachsene zeigen vor Kindern oft keine Trauer, weil sie Rücksicht nehmen und stark sein wollen oder es ihnen schwer fällt, darüber zu reden. Dabei übersehen sie leicht, dass auch Kinder trauern“, erzählt Ingrid Mayer. Sie ist ausgebildete Trauerbegleiterin für Kinder und Jugendliche beim DRK-Kreisverband Kaiserslautern-Stadt und bietet Unterstützung in einer schwierigen Lebensphase. „Allerdings haben Kinder ihr eigenes Verständnis von Sterben und Tod, je nach Alter und Entwicklungsstand.“ Für jüngere Kinder zum Beispiel sei die Endgültigkeit des Todes noch nicht begreifbar, „deshalb fragen sie immer wieder nach, wann die Oma wiederkommt. Das kann für Eltern irritierend sein.“ Erst im Alter ab etwa neun oder zehn Jahren sei es Kindern klar, dass alle Lebewesen sterben müssen und der Tod nicht umkehrbar ist. Doch ganz gleich, was Tod für sie bedeutet, Kinder trauern auf ihre Weise und anders als Erwachsene.
„Bei Erwachsenen ist Trauer ein permanenter Zustand, der von den unterschiedlichsten Gefühlen begleitet wird. Mit der Zeit lässt der Schmerz nach und wird dumpfer. Kinder dagegen können eben noch todtraurig sein und im nächsten Moment fröhlich herumhüpfen. Sie trauern quasi häppchenweise, weil sie die dauerhafte Belastung nicht aushalten könnten.“ Dass sie nicht oder nur selten weinen, wenn sie eine nahestehende Person verlieren, sei nicht ungewöhnlich, werde von Erwachsenen aber oft falsch gedeutet. „Sie glauben, dass ihr Kind den Verlust gut verkraftet. Dabei drückt sich Trauer bei Kindern und Jugendlichen sehr unterschiedlich und eben auch wechselhaft aus. Manche sind wütend und aggressiv. Andere wollen nachts nicht allein im Bett bleiben, haben Schlafprobleme, klagen über Bauchweh oder haben einbrechende Schulleistungen.“ Bedenklich werde es, wenn sie keine Emotionen zeigen, sich in sich zurückziehen und verstummen.
Nicht selten sind Eltern mit dem Verhalten der Kinder überfordert. Dann können sie sich professionelle Hilfe holen – wie die von Ingrid Mayer. Sie nehme sich Zeit für die Kinder und Jugendlichen und höre ihnen zu, wie sie im Gespräch mit der RHEINPFALZ am SONNTAG erzählt. Sind den Worten Grenzen gesetzt, arbeitet sie mit Ritualen und Symbolen. Wie bei einem neunjährigen Mädchen, das nach dem Tod seines Großvaters unter Alpträumen litt und zu aggressiven Ausbrüchen neigte. „Es ist wichtig, nicht gleich mit der Tür ins Haus zu fallen, sondern erst einmal das Vertrauen zu gewinnen, damit sich das Kind öffnen kann.“ Was klingt wie eine Binsenweisheit, ist im Trauer-Alltag alles andere als eine Selbstverständlichkeit, sondern eine Aufgabe, der man sich gezielt stellen muss.
Beim Spazierengehen und Spielen lernt Ingrid Mayer das Mädchen langsam kennen. Dabei erfährt sie, dass der kranke Opa bei der Familie gewohnt hat und von den Familienangehörigen gepflegt wurde. Dann war eines Morgens einfach sein Bett weg. „Die Kleine konnte sich nicht verabschieden, bekam keine Erklärungen und wurde nicht gefragt, ob sie mit zur Beerdigung will. Sie war sich selbst überlassen mit ihren Gedanken, Gefühlen und Ängsten.“ Die Folge waren Schlafstörungen und Träume von Monstern. Deshalb hat die Trauerbegleiterin das Mädchen die Träume und die Monster malen lassen. „Dabei wurde sein inneres Chaos deutlich. Also haben wir Einzelteile aus dem Bild ausgeschnitten, die Monster verbrannt und alles, was positiv ist, wieder aufgeklebt. Das hat dem Mädchen zusammen mit vielen Gesprächen geholfen, das Durcheinander seiner Gefühle und Gedanken zu ordnen und sich wieder zu erden.“
Es sei ein Fall von vielen, der zeige, dass Kinder und Jugendliche mit ihrer Trauer und ihren Fragen ernst genommen werden müssten, sagt Ingrid Mayer. Erwachsene sollten altersgerecht erklären, weshalb jemand gestorben ist und was es mit dem Tod auf sich hat. Gerade bei jüngeren Kindern sei es zudem entscheidend, wie sich die Erwachsenen in einer solchen Situation selbst verhalten. Sich vollkommen zurücknehmen, sei der falsche Ansatz. „Das verunsichert Kinder, denn sie spüren unbewusst, was in den Eltern vor sich geht. Wenn nicht darüber geredet wird, versuchen sie eigene Lösungen zu finden, die oft wirr sind und sogar Schuldgefühle zur Folge haben können“, sagt die Trauerbegleiterin. „Außerdem brauchen Kinder ein Vorbild der Trauer, sowie die Möglichkeit, sie zeigen und teilen zu können.“ Gerade beim Verlust eines Elternteils, wenn das gewohnte Familiengefüge zerbricht, könne Schweigen dem Kind zusätzlich die emotionale Sicherheit nehmen.
Ingrid Mayer hat die Erfahrung gemacht, dass Eltern gegenüber ihren kleinen Kindern dazu neigen, das Wort Tod zu vermeiden. Stattdessen sagten sie zum Beispiel, die Oma sei friedlich eingeschlafen. Das sei zwar gut gemeint, könne aber dem Kind große Angst vor dem abendlichen Einschlafen einjagen. Was, wenn ich auch einschlafe und nie wieder aufwache? Außerdem sei diese Aussage natürlich eine glatte Lüge, und Kinder merkten, wenn man ihnen etwas vorschwindelt. Besser sei es, sie mit einzubeziehen, je nach Alter auch in die Gestaltung der Beerdigung, rät Mayer. Zum Beispiel, indem sie dem Verstorbenen ein Bild malen oder ihm einen kleinen Gegenstand mit ins Grab geben. Es sind Rituale, die den Abschied leichter und begreifbarer machen. Sie nutzt auch Ingrid Mayer als heilsame Methode. Mit ihrer Hilfe könne ausgedrückt werden, was verbal nicht möglich sei. Dabei ließen sich Ressourcen entdecken, die neue Kraft und Zuversicht geben, erklärt sie. Ähnliche Wirkung werde Symbolen oder symbolischen Handlungen zugeschrieben. Kinder seien besonders kreativ, beim Malen oder Gestalten Symbole für ihre innere Welt zu finden.
Aber: Nicht immer hat die Trauerbegleitung Erfolg. „Zu einem zehnjährigen Mädchen bin ich einfach nicht durchgedrungen. Es wollte nicht auf den Tod seines Vaters angesprochen werden, war immer im Widerstand und in seinen Gefühlen gefangen. Die Blockade ließ sich nicht lösen. Vielleicht weil auch für die Mutter das Thema Tod tabu war.“
Die Trauerbegleiterin Ingrid Mayer selbst setzt sich schon lange mit dem Thema auseinander. Anlass war der frühe Tod ihrer eigenen Mutter. „Irgendwann hatte ich den Wunsch, mehr über das Thema zu erfahren und eine Ausbildung zur Trauerbegleiterin für Erwachsene gemacht. Dabei bekam ich viel Hilfreiches an die Hand, den Tod meiner Mutter zu verarbeiten.“ Das Gelernte gibt sie nach einer weiteren Qualifikation nun an Kinder und Jugendliche weiter. Es ist ein Angebot des DRK-Kreisverbands Kaiserslautern-Stadt, bei dem sie als Teamleiterin für die Abteilung Gesundheit und Soziales zuständig ist. Fünf bis zehn Stunden investiert sie wöchentlich in die Trauerbegleitung, die je nach individuellem Bedürfnis in Einzel- oder Gruppengesprächen erfolgt und von Spenden finanziert wird. Das Engagement ist für sie eine Herzensangelegenheit. In manchen Fällen erstreckt es sich über längere Zeit.
So ist Mayer seit drei Jahren für einen Jugendlichen da, dessen Eltern kurz hintereinander verstorben sind. „Er hat randaliert, war wütend und verzweifelt, hat sich mit Vorwürfen und Schuldgefühlen geplagt. Wir haben viel geredet und viel unternommen, waren zusammen im Kino, Eis essen und beim Schwimmen.“ Dann das Schlüsselerlebnis im Ruheforst, wo die Mutter bestattet ist. „Ich konnte seine Wut förmlich spüren. Da habe ich ihm einen Stein gegeben und gesagt: Wirf und schrei! Genau das hat er getan und die ganze Wut aus sich heraus gebrüllt. Danach war eine große Last von ihm abgefallen. Seither geht es ihm besser, er macht große Fortschritte und ist auf dem Weg in ein weniger belastetes Leben. So gesehen ist Trauerbegleitung für mich auch Lebensbegleitung.“
Info
Trauerbegleitung für Kinder wird – regional sehr unterschiedlich – angeboten von Kirchen, Kinderschutzbund, in Selbsthilfe oder von sozialen Trägern.