Rheinland-Pfalz Todesgefahr für Igel: Ihre Stacheln machen zu viel Lärm
«Grünstadt». Gerade aus dem Winterschlaf erwacht, sind in einer Tempo-30-Zone im Grünstadter Stadtteil Asselheim innerhalb von 24 Stunden zwei Igel überfahren worden. Anliegerin Michaela Rank macht morgendliche Raser dafür verantwortlich. Die rheinland-pfälzischen Förster gehen davon aus, dass in Deutschland jährlich viele tausend Igel dem Straßenverkehr zum Opfer fallen. Wird dem Igel zum Verhängnis, dass er beim Laufen mit seinen Stacheln zu viel Lärm macht und so die Autos nicht hört?
„Ich frage mich, wie so etwas passieren kann – in einer Straße, in der Tempo 30 gilt und die Autofahrer gute Sicht haben? Wenn sich ein Fahrer ans Tempolimit hält und seine Augen auf die Straße gerichtet hat, ist es doch unmöglich, dass ein Igel, der schon fast den Bürgersteig erreicht hat, überfahren wird.“ Michaela Rank aus Asselheim ist stocksauer: Gleich zwei Igel sind in dieser Woche an zwei aufeinander folgenden Nächten vor derselben Hofeinfahrt in ihrer Straße überfahren worden. Im vorigen Jahr mussten an dieser Stelle bereits „zwei Eichhörnchen wegen der Raserei ihr Leben lassen“, hat Rank die Ursache für die Todesstrecke ausgemacht. „Hier sind auch viele freilaufende Katzen unterwegs“, berichtet die Anwohnerin. Außerdem sei die Straße der Schulweg für die Kinder, weshalb sie sogar Schlimmeres befürchtet. Aktuelle Raser-Opfer in dieser Straße waren ein ausgewachsener und ein jüngerer Igel. Beide Insektenfresser waren regelmäßig im Garten der Familie Rank zu Gast, zumindest das jüngere Tier habe dort auch überwintert, erzählt Michaela Rank. „Es war bestimmt eines der Jungtiere, das im vergangenen Jahr hinter unserem Komposthaufen aufgezogen worden ist“, sagt sie, den Verlust bedauernd. Nun ist die Straße in Asselheim beim Thema Igelsterben natürlich kein Einzelfall. In Deutschland finden etwa eine halbe Million Igel im Straßenverkehr den Tod; in einigen Bundesländern gelten sie daher als gefährdet, in Bayern stehen sie seit 2017 sogar auf der „Roten Liste“. Ein Igel-Problem: Die nachtaktiven Tiere haben sich wegen der intensiven maschinenbetriebenen Landwirtschaft mit weniger Hecken und Insekten ein neues Revier in Gärten in Wohnsiedlungen gesucht. Auf der Suche nach Nahrung wie Käfern, Regenwürmer, Insektenlarven, Spinnen oder Schnecken machen Igel in der Dämmerung auch vor Straßen nicht Halt. Vor allem Igelmännchen müssen auf der Suche nach einer Partnerin mobil auf ihren kurzen Beinchen sein und legen enorme Strecken – oft über mehrere Fahrbahnen – zurück, bis sie ihr Weibchen gefunden haben. Und dann haben Igel noch ein ganz spezielles Stachel-Problem, wie neueste Forschungen des Schweizer Zoologen Fabio Bontadina belegen: Die Tiere sehen nicht gut, hören dafür aber umso besser. Daher verlassen sie sich fast ausschließlich auf ihr Gehör. Auf Asphalt ist das verhängnisvoll: Wenn der Igel losrennt, klappern seine – zwischen 5000 bis 8000 – Stacheln auf dem harten Untergrund enorm. Nach wenigen Metern kriegt der Igel nichts mehr mit, bleibt dann oftmals stehen, um sich zu orientieren. Nicht selten ist das sein Todesurteil. In der betreffenden Straße in Grünstadt-Asselheim müsste das aber nicht sein, wenn die Tempo-Hinweise mit dem 30-Stundenkilometer-Schild im Kreisel und die Markierung auf der Straße berücksichtigt würden, ist sich Rank sicher. „Vielleicht wäre es nützlich, nochmals darauf hinzuweisen, dass die Igel nun aus ihrem Winterschlaf erwachen und vermehrt in der Dämmerung morgens und abends unsere Straßen überqueren.“ Auch der ADAC sieht nur die Möglichkeit, „die Geschwindigkeit in Wohngegenden anzupassen“, um die Anzahl der Igel-Unfälle zu verringern. Von riskanten Ausweichmanövern oder Vollbremsungen rät der Verband ab. Asselheimer Kinder, die Blutspuren und die toten Igel auf der Straße mit Schaudern gesehen haben, sind indes schon tätig geworden. Sie haben ein Schild mit einem lustigen (lebenden) Igel gemalt, „Igel – Achtung“ drauf geschrieben und in der Straße aufgehängt. Nicht nur Rank findet die Initiative der Kinder „super“. Sie meint: „Mit nur ein wenig Rücksichtnahme und Menschenverstand müssten solche Unfälle nicht passieren.“