Rheinland-Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Streitschrift: Trägt „Fridays for Future“ zur Spaltung der Gesellschaft bei?

„Fridays for Future“ deute mit dem Zeigefinger auf Menschen, die das nicht verdienten, sagt Clemens Traub.
»Fridays for Future« deute mit dem Zeigefinger auf Menschen, die das nicht verdienten, sagt Clemens Traub.

Der 22-jährige Politikstudent Clemens Traub aus Steinweiler in der Südpfalz findet, die Aktivisten der Klimabewegung treten viel zu arrogant auf – und hat ein Buch darüber geschrieben.

Clemens Traub ist ein politischer Mensch, der gerne auch mal für etwas auf die Straße geht. Etwa für die Rettung Geflüchteter aus Seenot. Oder fürs Klima, das eines seiner Herzensthemen ist, wenn nicht sogar sein großes Herzensthema. Da kamen ihm als junges SPD-Mitglied die Freitagsdemonstrationen vieler Schüler und Studenten gerade recht. Aus Greta Thunbergs „Schulstreiks fürs Klima“ in Schweden war die weltweite Bewegung „Fridays for Future“ geworden. Der 22-jährige Südpfälzer, der in Mainz Politikwissenschaft studiert, konnte sich zu Beginn voll und ganz mit der Bewegung identifizieren. „Ich habe das Gefühl gehabt, für die Zukunft der Jugend auf die Straße zu gehen. Gerade, weil uns die Folgen der Klimapolitik so stark treffen werden wie keine andere Generation zuvor“, erzählt er im Gespräch mit der RHEINPFALZ am SONNTAG. Traub fühlte sich verstanden von den anderen Demonstranten. „Dass wir einen riesigen Beitrag leisten“, dachte er. Doch heute sieht er das nicht mehr so.

Der Weg zum Bruch

Der Bruch sei gekommen, als er gemerkt habe, dass die Menschen in seiner Pfälzer Heimat „anders über Klimaschutz denken“ als die Menschen in der Universitätsstadt Mainz, in der er wohnt. „Eine Bewegung, die an der Lebenswirklichkeit vorbeigeht, die teilweise abgehoben auftritt. Und die mit dem Finger auf andere zeigt“, sagt er heute über „Fridays for Future“. Seine Kritik hat Traub im Oktober vergangenen Jahres in einem Artikel für das Magazin „Cicero“ zusammengefasst. Der Beitrag wurde besonders oft kommentiert und auf sozialen Netzwerken geteilt. Daraufhin hat der Quadriga-Verlag (Bastei-Lübbe) Interesse gezeigt und ihm angeboten, ein Buch zu schreiben.

Gegen das Schwarz-Weiß-Denken

Das Angebot hat Traub angenommen, sein Buch heißt „Future for Fridays? – Streitschrift eines jungen „Fridays for Future“-Kritikers“ (144 Seiten, ISBN: 978-3-86995-098-3, 14,90 Euro). „Ich will, dass es auch aus der Mitte heraus eine Kritik an dieser Bewegung gibt“, sagt er, von jemandem, dem Klimaschutz ein Anliegen sei und nicht von jemandem, dem es nur darum gehe, „die Gesellschaft noch weiter zu spalten“. Dem Politikstudenten ist wichtig, wie er sagt, „dass es eben nicht nur schwarz oder weiß gibt“. Auch in den Medien werde das Thema Klimaschutz häufig so dargestellt, als gebe es nur absolute Befürworter und absolute Gegner. Und auch das habe viel mit dem polarisierenden Auftreten der Fridays-for-Future-Bewegung zu tun.

„Keine politischen Konzepte“

„Was mich an dieser Bewegung auch gestört hat“, sagt Traub, „ist, dass sie nicht versucht, nach vorne zu gehen und politische Konzepte zu entwickeln, die wirklich politisch kluge Klimaschutzkonzepte beinhalten.“ Stattdessen gehe es stets um Diskussionen, die den Lebensstil betreffen „und um die Frage, wie man jetzt richtig konsumiert“. Das sei an sich nichts Schlechtes, aber er habe als Mit-Protestierer „ganz oft“ das Gefühl gehabt, dass Menschen, die zum Beispiel mit dem Diesel unterwegs seien, „ganz schnell abgestempelt werden als Klimasünder“, dass mit dem Zeigefinger auf sie gezeigt werde, weil sie daran schuld seien, „dass wir gerade solche großen Probleme haben“, dass sie Leute seien, „die es immer noch nicht begriffen haben und immer noch unsere Welt zerstören“. Die Bewegung in ihrem Elfenbeinturm merke gar nicht, dass ihre lautstarke Kritik vor allem den Lebensstil vieler sozial Schwächerer treffe, „die nicht jeden Tag in den Bio-Laden um die Ecke gehen können“.

Sichtweise der Großstädter

Aus der Sicht eines Großstädters, der alle Wege bequem und schnell mit dem öffentlichen Personennahverkehr zurücklegen kann, sei die Kritik am Auto vielleicht verständlich. Aber wer wie er aus einem südpfälzischen Dorf komme, also ein „Landei“ sei, der wisse, dass ein Auto „das Normalste der Welt“ sei und absolut notwendig im Alltag. Es sei häufig die einzige Möglichkeit, überhaupt zur Arbeit zu kommen oder Kinder zur Schule zu fahren. Man dürfe das Auto also nicht dämonisieren oder verteufeln als Klimamonster, wenn man nicht jene Menschen aus dem Blick verlieren wolle, die darauf angewiesen seien. Man müsse versuchen, diese Leute zu verstehen, fordert Traub – ein Einsatz, der bei „Fridays for Future“ nicht zu erkennen sei.

Während Traub erzählt, wie man als Dorfkind mit Auto aufwächst, gibt er sich selbst eher großstädtisch. Seine karierten Stoffhosen sind kurz geschnitten, weiße Tennissocken schauen aus seinen Sneakers heraus. Als der Fototermin ansteht, sucht er nach Orten, die eher nach Berlin-Mitte als nach Pfälzerwald ausschauen.

„Klimapolitik bodenständig denken“

„Man muss Klimapolitik bodenständig denken“, sagt er dennoch, „und man muss es in Absprache mit den Leuten tun“, nicht gegen die „Provinzler“ und vermeintlichen Klimaleugner, die es immer noch nicht begriffen haben. Einen Weg müsse man finden, fordert Traub, „mit dem sich alle anfreunden können“. Er sagt: „Wenn man das Klima retten kann, dann nur so.“ Dass Protest oder Widerstand provokativ und polarisierend sein muss, um überhaupt wahrgenommen zu werden oder Menschen aus ihrer Komfortzone zu holen, ist ein Konzept, von dem Traub nichts hält.

„AfD wird gestärkt“

„Ich glaube, dass die AfD dadurch gestärkt wird, wie ,Fridays for Future’ auftritt“, sagt Traub. Wenn die Aushängeschilder der Klimabewegung mit dem moralischen Zeigefinger auf Menschen zeigten, die – Beispiel Auto auf dem Land – eigentlich nur ihren Alltag bewältigen wollten, dann hätten viele das Gefühl, an den Rand gedrängt zu werden. Dass diese Menschen mit ihrer Skepsis gegenüber der Jugend-Bewegung zudem nicht ernst genommen würden, verstärke den Effekt noch: „Die kriegen dann noch irgendwie an die Stirn geklopft, dass sie Klimaleugner sind. Ich glaube, dass ganz viele Leute sich deswegen von der AfD verstanden fühlen, dass die AfD diese Karte klug ausspielt und dass sie deswegen auch versucht, diese Leute für sich zu gewinnen.“

Klimapolitik als „Elitenprojekt“

Für Traub steht fest: Klimapolitische Maßnahmen dürften nicht auf Kosten der Geringverdiener in der Gesellschaft gehen: Wie in Frankreich in Form der aufständischen Gelbwestenbewegung könne Klimapolitik auch in Deutschland schnell als „Elitenprojekt“ der gesellschaftlich Privilegierten empfunden werden.

Sein schlichter Rat an seine frühere Bewegung: Es brauche endlich eine Klimabewegung, hinter der sich tatsächlich die gesamte Breite der Bevölkerung versammeln könne: Clemens Traub sagt: „Mehr Vielfalt könnte zu einer großen Chance für ,Fridays for Future’ werden.“

Nachtrag: Der Fall Lindner

Der Student und Autor hat den Eindruck, dass viele Politiker zu Getriebenen des „Fridays-for-Future-Hypes“ wurden. Angefangen habe das mit FDP-Chef Christian Lindner, der für seinen Satz „verrissen“ worden sei, Klimaschutz sei „eine Sache für Profis“. Niemand habe fortan seinem Beispiel folgen und in ein ähnliches Fettnäpfchen treten wollen. „Fridays for Future“ bestimme seither die Regeln. Ergebnis laut Traub: Kluge Diskussionen und durchdachte Konzepte bleiben auf der Strecke, symbolpolitische Forderungen geben den Ton der Debatte an.

Clemens Traub in einer Bar in Mainz.
Clemens Traub in einer Bar in Mainz.
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