Rheinland-Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Mängel in der Kinderbetreuung: Eine Speyerer Firmenchefin klagt an

Problemfall Kinder-Betreuung: Es fehlen Plätze, Erzieher und längere Öffnungszeiten in den Kindergärten.
Problemfall Kinder-Betreuung: Es fehlen Plätze, Erzieher und längere Öffnungszeiten in den Kindergärten.

Der Staat erfülle seine Aufgabe bei der Betreuung von Kindern nicht, sagt Jennifer Reckow, Geschäftsführerin eines Unternehmens in Speyer. Und das habe nicht nur negative Konsequenzen für die Wirtschaft.

Die Informatikerin und Geschäftsführerin der Beraterfirma Processline in Speyer wirkt offen, freundlich, aber deutlich in der Sache. Wirtschaftlich geht es für Jennifer Reckow (52) nach der Pandemie langsam wieder bergauf, wie sie sagt, jetzt aber habe sie noch ein ganz anderes Problem: Sie spricht von „unterlassener Betreuungspflicht des Staates“. Laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung fehlen bundesweit rund 385.000 Kita-Plätze, in Rheinland-Pfalz 26.500.

Corona-bedingt musste Reckow die Anzahl ihrer Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen um über 60 Prozent reduzieren, am Ende waren es acht. Mittlerweile hat sie wieder 15 Angestellte – und eine Frauenquote von 50 Prozent. Processline hilft anderen Firmen effizienter zu werden. Zu den Kunden gehören laut Reckow Firmen, in denen etwa zu viele Überstunden angehäuft werden oder Lieferzeiten zu lang sind. Es sind vor allem die Branchen Energie, Telekommunikation, Handel, die ihre Firma betreut.

„Bis zu 20 Prozent weniger leistungsfähig“

Unter den 15 Angestellten sind zwei Väter mit Kindern im Kindergartenalter. Und weil die sich in ihrer 100-Prozent-Stelle wegen Problemen mit der Kita-Betreuungssituation ihrer Kinder nicht 100 Prozent auf den Job konzentrieren könnten, bearbeite ihr Unternehmen weniger Projekte und mache dadurch weniger Umsatz, so Reckow. Bei Berater-Tagessätzen von 1300 bis 2500 Euro sei die Folge deutlich zu spüren. Zu Umsatzzahlen macht die 52-Jährige keine Angaben.

Die betroffenen Mitarbeiter seien projektbezogen 15 bis 20 Prozent weniger leistungsfähig, weil die Betreuung ihrer Kinder nicht so gewährleistet werde wie nötig. „Die sind geistig und körperlich strapaziert.“ Als Ursache nennt sie strukturelle Probleme wie kurzfristig geänderte Abholzeiten oder zu kurze Kern-Öffnungszeiten. Der Personalmangel an Erzieherinnen und Erziehern verschärfe die Lage. „Am Ende verliert der Staat dadurch an Produktivität, es bleibt direkt am Bruttoinlandsprodukt hängen“, sagt Firmenchefin Reckow. Sie ist unter anderem auch Mitglied in der Wirtschaftskommission im Verband deutscher Unternehmerinnen.

Vergebliche Suche nach einem Kita-Platz

In manchen Kommunen haben Eltern massive Probleme, überhaupt einen Kitaplatz zu bekommen, und dazu einen, der ihren privaten und beruflichen Bedürfnissen entspricht, sagt die Vorsitzende des Landeselternausschusses der Kindertagesstätten in Rheinland-Pfalz, Karin Graeff, die die Probleme kennt.

Unternehmerin Reckow selbst hat keine Kinder. Sie habe aber Verständnis für die schwierige Situation der berufstätigen Eltern – sie biete ihnen gern die nötige Flexibilität bei der Arbeit. Dabei sei der Beraterjob mit einem hohen Anteil an Homeoffice „ideal“, aber auch diese Arbeitsoption stoße an ihre Grenzen. Denn Arbeit ist Arbeit und keine Kinderzeit. „Das Land sollte sich was schämen. Ein Wohlstandsstaat wie Deutschland muss dafür sorgen, dass Kinder gut betreut werden“, findet sie. Und das tue er aktuell nicht.

„Das kostet Nerven“

„Mein Kollege und ich fahren weniger zu Kunden vor Ort als die anderen (ohne Kinder, Anmerk. d. Red.). Das ein oder andere Projekt muss deswegen abgesagt werden“, bestätigt Christian Sahr (43). Der Betriebswirt und Senior-Berater ist seit 2017 bei Processline. Wegen seiner dreijährigen Tochter könne er Kunden in zu großer Entfernung nicht mehr übernehmen – denn meist wird zwar virtuell konferiert, aber eben nicht ausschließlich. „Es muss immer einer rechtzeitig zum Abholen an der Kita sein, meine Frau oder ich.“ Und falls es Coronafälle gebe oder Notbetreuung an der Kita herrsche – „auf dem Land zum Glück selten“ – eben auch kurzfristig früher.

Er hat eine Vollzeitstelle, seine Frau arbeitet in zwei Jobs auf „zusammen 60 Prozent“, als Lehrerin an einer IGS und als Selbstständige. Andere Familienmitglieder seien zu alt als Hilfe oder wohnten zu weit weg. „Das beschäftigt einen auch mental während der Arbeit. Komme ich rechtzeitig zur Kita, ist Stau, was ist wenn ... das kostet Nerven.“

Die Dreijährige ist an zwei Wochentagen halbtags in der Kita, an drei Tagen bis 15.30 Uhr. Die halben Tage wollen sie der Tochter zuliebe beibehalten, aber an den langen Kita-Tagen würde seine Frau gern mehr arbeiten – das aber funktioniere wegen der Kita-Öffnungszeiten nicht.

Was auf dem Papier garantiert ist

Die kleine Familie wohnt in Urbar, über 20 Kilometer nördlich von Bingen, er arbeitet überwiegend im Homeoffice. Die Verantwortung für die Misere sieht er beim Land, das zwar auf dem Papier für Kindergartenkinder eine Betreuung für sieben Stunden am Stück garantiert. „Aber welcher Achtstundenjob lässt sich damit vereinbaren?“, so Sahr. Er ist froh, dass seine Arbeitgeberin ihm „sehr viel Flexibilität“ ermögliche.

Begrenzte Kita-Öffnungszeiten, mangelnde Plätze, fehlende Erzieherinnen – „das ist ein riesengroßes Problem“, sagt auch Sabine Mesletzky, Leiterin Regionales und Kundenbetreuung der Industrie- und Handelskammer (IHK) für die Pfalz. Zahlen zu den wirtschaftlichen Konsequenzen habe die IHK nicht. Die Kammer vertritt rund 85.000 Firmen – vom Ein-Personen-Unternehmen bis zum Konzern, vorwiegend aber mittelständische Firmen.

Unwissen in Mainz

Generell aber könnten Betriebe wegen der Betreuungssituation von Kindern und der noch immer „immens hohen Teilzeitarbeitsquote von Frauen nicht alle Potenziale ausschöpfen“, so Mesletzky. Das Bildungsministerium in Mainz verweist auf Anfrage auf die Verantwortung der Kommunen, die für die Kindergartenplätze zuständig sind, und auf das Geld, das das Land zur Verfügung stellt. Wie viele Kitaplätze aber in Rheinland-Pfalz fehlen, dazu hat das Ministerium keine Zahlen. Die jüngste Studie der Bertelsmann Stiftung dürfte man registriert haben. Eine Folge der Situation ist nach Ansicht der Speyerer Firmenchefin, dass sich Arbeitgeber stärker beteiligen müssten – etwa mit gemeinsamen Betriebskindergärten. „Dafür sind die Hürden jedoch sehr hoch und für mein Unternehmen allein lohnt sich das nicht. Ich aber bin bereit, mich finanziell zu beteiligen.“

Jennifer Reckow, Gründerin und Geschäftsführerin der Beraterfirma Processline.
Jennifer Reckow, Gründerin und Geschäftsführerin der Beraterfirma Processline.
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