Rheinland-Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Love-Scamming: 26.000 Euro für Heiratsschwindler – Eine betrogene Pfälzerin erzählt

Voll in die Falle: Ein Betrüger bandelt über Facebook an, Anja* glaubt ihm und verliert alles, was sie hat.
Voll in die Falle: Ein Betrüger bandelt über Facebook an, Anja* glaubt ihm und verliert alles, was sie hat. Foto: DPA

Anja* hatte den Begriff Love-Scamming noch nie gehört. Bis sie selbst auf einen Betrüger und Heiratsschwindler hereinfiel, der ihr die große Liebe versprach. An Weihnachten wollte Jim aus Kabul kommen. Ein Jahr lang hat sie mit ihm gechattet. Und mehr als 26.000 Euro überwiesen. Die sind genauso unauffindbar wie der ominöse Amerikaner.

„Ich Depp“, sagt Anja. Die Tränen kann sie kaum zurückhalten, dann ein Lachen. „Ja, das ist special, was?“ „Typisch Anja“, meint sie. Ereignisse in ihrem Leben seien immer krass. Die Mittfünfzigerin aus der Region Kaiserslautern sitzt in der Küche ihrer Mietwohnung. Laminatboden, braune Einbauschränke. Auf dem Tisch eine Wachstischdecke. Kleine, ordentliche Stapel von Kontoauszügen. An ihnen stecken Büroklammern mit kleinen karierten Zetteln: „World Remit Geld überwiesen: 13.818“ steht auf einem.

Anja ist Opfer von Love-Scamming geworden: der modernen Form von Heiratsschwindel. Die Polizei geht davon aus, dass Anja über die Masche um mehr als 26.000 Euro betrogen wurde. Warum nur ist sie auf den Typ reingefallen? War es nicht offensichtlich, dass ein Betrüger dahinter-steckt? Heute versteht sie auch nicht mehr, warum sie ihm vertraute. „Vorwürfe kann ich jetzt nicht gebrauchen.“

Finanziell ruiniert

Alles war vorbereitet für den großen Tag, den 22. Dezember. Alles eingekauft für ein besonderes Weihnachten mit ihm. Mit einem Leihauto – ihr eigenes hatte sie schon verkauft – fuhr sie lange vor Mitternacht zum Flughafen, dann sollte die neue Flamme landen. Eine Flugnummer hatte sie nicht. Die Minuten vergingen, dann Stunden. Kein Jim. Der Schock, üble Gedanken. Irgendwann in der Nacht fährt sie heim. Ihr Darling auf der anderen Seite im Nachrichtendienst Hangouts antwortet nicht mehr. Bis dahin hatte er jeden Tag geschrieben. Manchmal stundenlang.

Anja erzählt ihre Geschichte. Sie will aufklären, aber auch verarbeiten. Nur erkennbar soll sie als Person nicht sein. Es ist ihr peinlich, was passiert ist. Finanziell sei sie ohnehin ruiniert. „Ich muss Privatinsolvenz anmelden“, meint sie. Anja hat viel zu erzählen. Lustiges und viel Trauriges. Leicht geschminkt, die langen Haare hochgesteckt – auf Fotos sieht sie eher aus wie 45. Würde sie nicht überall einen Mann finden?

Im Seelentief die Frage: „Was machst Du Schöne?“

Ihre Augen werden feucht. Im Januar letzten Jahres leidet sie wieder an Depressionen. Regelmäßig geht sie zur Psychologin. Schon lange gibt es Unstimmigkeiten, Streit in der Familie, sie fühlt sich ausgestoßen. Beruflich weiß sie gerade nicht weiter, eine Ausbildung hat sie nie beendet, mit einem kleinen Geschäft ihr Geld verdient. Der Mann ist längst weg, eine langjährige Beziehung hat sie gerade beendet. Da schreibt ihr jemand auf Facebook. „Was machst Du Schöne?“

Anja ist freudig überrascht. „Ich war erst mal reserviert, wollte nicht antworten.“ Dann aber, da schickt der andere die ersten Liebesschwüre, schreibt sie doch zurück. „Er war ein halber Psychologe, er hat meine Probleme verstanden“, sagt sie. „Er hat mich zum Schweben gebracht.“ Der Mann: Er gibt sich als Jim Roosevelt aus, als hochrangiger US-Soldat aus Los Angeles. Er sei im medizinischen Dienst, stationiert in Kabul. Seine drei Kinder seien gut versorgt in den USA, die halbe Familie sei gestorben: die Eltern bei einem Flugzeugabsturz, die Frau bei einem Autounfall. Wer recherchiert, findet diesen Jim heute im Internet mit einem „Scam-Alert“ versehen, einer Warnung vor Betrug.

„Wie eine Droge“

Anja hat Jims Nachrichten auf ihrem Handy einen bestimmten Ton zugeordnet. Auf das Geräusch wartet sie morgens, mittags, nachts – und auf die Herzchen und Küsse. „My Darling, my love of my life.“ „Es war wie eine Droge.“ Er schreibt auf Englisch, sie lässt es sich online übersetzen. Sein Englisch ist gut – aber nicht gut genug für einen gebildeten Amerikaner. Das fällt ihr nicht auf. Nach vier Wochen fragt Jim das erste Mal nach Geld, per E-Mail. Bis dahin haben sie nicht telefoniert. Videoanrufe, um die Karin später inständig bittet, lehnt er mit der Begründung ab, als Soldat sei ihm das nicht erlaubt. Es bleibt während ihres Kontakts über zwölf Monate lang bei wenigen Anrufen und den täglichen Nachrichten.

Millionen als Dank für eine Militäraktion?

Durch einen vereitelten Anschlag auf den afghanischen Präsidenten sei er, Jim, mit seinen Kameraden an 70 Millionen Dollar gelangt, sein Anteil: 10,5 Millionen Dollar. Die Summe habe er in einem spanischen Fonds angelegt. Es soll ein Geheimnis zwischen ihnen beiden bleiben. Anja hält sich daran. Dass es bei ihrer neuen Bekanntschaft auch um Geld geht, erfährt keiner in der Familie. Als seine zukünftige Frau solle sie Zugriff bekommen auf den Fonds. Eine Transfergebühr von 1500 Euro sei dafür fällig. Ein 30-Prozent-Anteil wird ihr in einem Zertifikat bescheinigt. Das angebliche Bankschreiben trägt ein Securus-Logo. Die Adresse in Barcelona ist real, aber das Löwen-Logo gehört zu einem Finanzdienstleister und Tresoranbieter in London. Fonds verwaltet Securus laut eigener Webseite nicht. Anja überweist.

Hausbank schöpft wohl Verdacht

„Ich habe immer wieder recherchiert“, so Anja. „Manches kam mir schon komisch vor.“ Sie findet reale Bruchstücke. Sie erhält echt wirkende Dokumente, hat Ansprechpartner im Ausland für die Bankgeschäfte, das ganze betrügerische Spiel erschließt sich ihr nicht. Die angeblichen Millionen sind allzu verlockend. Anja überweist die ersten 1500 Euro. Allein im Februar 2019 gehen drei Mal vierstellige Beträge nach Spanien. Geld an jemanden, den sie nicht kennt. Die Namen und Beträge ändern sich. Kein einziger Empfänger heißt Jim. Einmal, sagt sie, bestellt ihr Kreditinstitut sie ein wegen einer Auslandsüberweisung. Der Berater war wohl stutzig geworden, rät ihr, kein Geld an „Bekannte“ zu überweisen.

Echter Banker angeblich Kontaktmann

Kurz danach sollen die 10,5 Millionen auf ein neues Konto: die Ecobank in Ghana. Auch sie existiert. Anjas Kontaktmann ist namentlich identisch mit einem echten Banker. Keinem geringeren als dem einstigen Vizepräsidenten der Bank. Auch hier werden horrende Gebühren verlangt. Sie zahlt weiter, auch Jim trage seinen Teil, versichert er ihr. Später, überweist sie nur noch maximal 400 Euro pro Tag, gestückelt und per Handy-Anweisung. Bis Ende 2019 werden es über 26.000 Euro sein. Geld, das sie zusammenkratzt. Auch einen Kredit nimmt sie auf. Sie lebt weiter von Hartz IV. Im Januar 2020 geht sie endlich zur Polizei und erstattet Anzeige. Die macht ihr wenig Hoffnung, dass der Betrüger – vermutlich im Ausland – jemals geschnappt wird und sie ihr Geld wiedersieht. Laut Polizei prüft die Staatsanwaltschaft den Fall.

Als Anja ihre Geschichte erzählt, schreibt ihr jemand auf Facebook: eine Ruth Andreassen. Sie sei krank und brauche 350.000 Euro. „Neeeiiiin“, schreit Anja. „Aber jetzt bin ich ja schlauer.“

* Name von der Redaktion geändert

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