Grünstadt / Kaiserslautern / Zweibrücken RHEINPFALZ Plus Artikel Lernen in Corona-Zeiten: Was digital funktioniert und was nicht

Die Klassenzimmer bleiben leer, aber die Schüler des Leininger-Gymnasiums in Grünstadt lernen trotzdem: mit einer kommerziellen
Die Klassenzimmer bleiben leer, aber die Schüler des Leininger-Gymnasiums in Grünstadt lernen trotzdem: mit einer kommerziellen Online-Plattform. Ein Lehrer sagt: Sie ist besser als das vom Land bereitgestellte System.

Jetzt rächt sich, dass die wenigsten Schulen fit sind für das Lernen übers Internet. Von Live-Video-Unterricht ist man weit entfernt. Bei manchen bricht das Lernsystem zusammen. Aber es gibt positive Ausnahmen, viel Flexibilität. Und Lob: für Kollegen und Schüler, aber auch von Eltern.

Digital vernetzt unter Lehrern und mit den Schülern wollte man am Leininger-Gymnasium (LG) in Grünstadt (Kreis Bad Dürkheim) erst so richtig im Sommer sein. Eigentlich. Gekommen ist es anders. „Alles hat uns im Sturm ereilt“, sagt Peter Graff. Er unterrichtet Naturwissenschaften, ist Teil der Schulleitung und für die Digitalisierung zuständig. Das Gymnasium habe „etwas Besonderes“, sagt er stolz, „das sich von der Standardlösung unterscheidet“.

Hausaufgaben machen mit dem Handy

Seit vergangenem Montag ist am LG erlaubt, was sonst verpönt ist: Hausaufgaben machen mit dem Handy. Wer einmal über seinen Rechner zu Hause oder per Mobiltelefon eingeloggt ist, kann Englischblätter online ausfüllen, die beste Laut-Lese-Version des Französischtexts an die Lehrerin schicken. Oder das ins Heft Geschriebene über das Leben der Römer abfotografieren und als erledigten Arbeitsauftrag zurückschicken ins virtuelle Klassenzimmer. Doch Video-Unterricht ist auch hier Fehlanzeige. Daran ist laut Graff auch nicht gedacht. Seiner Meinung nach hätte Live-Unterricht wenig Sinn. Das würde „noch unruhiger“ als sonst.

Seit Anfang Dezember nutzt das Grünstadter Gymnasium wie 83 weitere Schulen in Rheinland-Pfalz das kommerzielle „IServ“-System, um sich intern und mit den Schülern vernetzen zu können. Binnen einer Woche seien im Handumdrehen von 78 Lehrern bis auf zwei alle Teil des Systems geworden. „Eine tolle Sache“, sagt er. Auch die meisten der etwa 1000 Schüler seien angeschlossen. Laut Graff läuft alles „flüssig“, während er von anderen Schulen wisse, dass vieles „zusammenbricht“ für ein Lernen in Krisenzeiten.

Die Lernplattform kostet den Kreis extra Geld

Früher habe auch seine Schule „Moodle“ benutzt, die vom rheinland-pfälzischen Bildungsministerium bereitgestellte Lernplattform. Doch die habe sich als zu kompliziert erwiesen, sagt Graff. Während „Moodle“ für die Schulen im Land kostenlos ist, fallen für den kommerziellen Anbieter „IServ“ mit Sitz in Braunschweig für weiterführende Schulen pro Jahr und Schüler vier Euro an.

Für das Grünstadter Gymnasium beziehungsweise für den Schulträger, den Kreis Bad Dürkheim, rund 4000 Euro. Für Grundschulen ist es laut Unternehmen einen Euro günstiger pro Schüler, für Berufsbildende Schulen einen Euro teurer. Geld, das sich laut Graff aber lohnt. Auch die Daten seien sicher: auf schulinternen Rechnern. Das Bildungsministerium in Mainz konnte auf RHEINPFALZ-Anfrage nicht sagen, welche vergleichbaren Kosten für den Steuerzahler durch „Moodle“ entstehen.

Landes-System in Teilen zusammengebrochen

In Rheinland-Pfalz sind laut Ministerium vor allem weiterführende Bildungseinrichtungen an „Moodle“ angeschlossen: von den 1600 Schulen im Land gebe es 475 „Moodleschulen“. Bis zur Schulschließung vor einer Woche habe nur die Hälfte davon tatsächlich Gebrauch gemacht. Seit Mitte vergangener Woche seien es nun 70 Prozent Nutzer. Das hat Vieles zusammenbrechen lassen. In Ministeriumssprache heißt das: „Bei den aktuellen Lastspitzen gibt es natürlich Momente, in denen die Verbindung schlecht wird.“ Neue Serverkapazitäten seien aber jetzt hinzugekommen. Auch Schulungen für die Lehrer wurden eilig eingerichtet.

Am Hohenstaufen-Gymnasium in Kaiserslautern etwa war man trotz „Moodle“-Schwäche nicht eingeschränkt, wie Schulleiter Roland Frölich auf Anfrage erklärt. Denn für Meldeketten und per E-Mail verschickte Lernaufträge sei seine Schule an einen Server der Uni Kaiserslautern angeschlossen. Von technischer Überlastung also keine Spur. Lediglich einzelne Lerngruppen von Klassenstufe sieben an seien in „Moodle“ interaktiv. Und als eine von nur 19 Schulen landesweit sei man über das bundesweite mathematisch-naturwissenschaftliche Exzellenz-Programm und das Hasso-Plattner-Institut in Potsdam an eine „Cloud“, eine Internet-Datenwolke, angeschlossen. Auch dort habe man technisch aufgerüstet.

Manche Schulen setzen auf „Insellösungen“

Die Bandbreite an Unterrichtsformen ist laut Ministerium groß. Viele Grundschulen verteilten Wochenpläne per E-Mail oder die App „Anton“. Wer weder „Moodle“ noch „Anton“ nutze, dem empfiehlt Mainz jetzt die „Schul.box“. Damit können offenbar einfacher Lerngruppen angelegt und Arbeiten verteilt werden.

Andere wiederum setzen auf „Insellösungen“. So wie die Herzog-Wolfgang-Realschule Plus in Zweibrücken. Aufgaben werden klassenweise auf der Schul-Homepage veröffentlicht. Interaktiv ist das nicht. „Aber“, sagt Konrektorin Sarina Wolf, „wir machen keinen Stress“. Sie seien telefonisch erreichbar, hätten einem Schüler, der in Frankreich wohnt, die Bücher geschickt. „Auch die Kinder sind sehr kreativ.“ Sie vernetzten sich untereinander. Direktor Frölich in Kaiserslautern betont: „Wir erfahren viel Wertschätzung von den Eltern für unseren erhöhten Arbeitseinsatz.“ Und in Grünstadt sieht Studiendirektor Graff genau, wie viele Schüler gerade online sind. Um acht Uhr ist es noch mau, aber ab 9 oder 10 Uhr steigt die Kurve seiner Grafik – und halte sich bis in den Abend. Ausschlafen ja, aber nicht faul: Die meisten schickten pünktlich ihre Aufgaben zurück.

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