Rheinland-Pfalz Kommentar zu „Sabine“: Panikmechanismen oder wohin treiben uns unsere Ängste

Am Tag danach: Sonnenschein, ein umgefallener Schirm und nette Menschen, die die Straßenbahn ersetzen.
Am Tag danach: Sonnenschein, ein umgefallener Schirm und nette Menschen, die die Straßenbahn ersetzen. Foto: dpa

Eine etwas andere Betrachtung des Sturms und was wir Menschen daraus machen.

Am Ende des stürmischen Tages war alles wieder gut, und die Freude über die ein oder andere Begegnung wirkte nach. Zum Beispiel jene mit dem Autofahrer, der gestern erst zögerlich an mir und meinem Daumen vorbeifuhr, weil er spontan nicht stoppen konnte, aber umdrehte, um mich dann doch noch mitzunehmen. Danke! Was waren wir als Studenten, allen Warnungen zum Trotz, per Anhalter durch die Gegend gedüst, früher, als eh alles besser war. Heute wird der Anhalter eher verständnislos, ängstlich oder auch verschämt angestarrt.

Sonnenschein und ein umgefallener Schirm

Wie der Tag begann? Mit Sonnenschein (wirklich!) und einem leichten Wind. Auf der Terrasse in meiner Stadt am Rhein war in der (von mir komplett verschlafenen) Nacht ein Schirm umgefallen. Und um halb Zehn kam kein Bus. Mist! Aber das war halb so schlimm, denn der etwa zwölfte Autofahrer nahm mich mit zur Umsteigehaltestelle. Doch die Straßenbahn kam nicht, rund 30 ganz schön verständnislose Menschen standen da rum. So ist es halt, das Leben. Es ist kein Wunschkonzert, wahrlich nicht. Natürlich war „Sabine“ an allem schuld. Wer sonst? Ich hab’ da so eine Idee: Vielleicht wir alle? Jeder für sich und wir alle als Ganzes. Wo haben wir uns denn nur hinentwickelt mit unseren Sorgen und Ängsten?

Am Ende zu viel des Guten

Thema Klimawandel. In unserer Wahrnehmung sind wir mit Natur und Umwelt uneins geworden. Wir tragen einerseits, ob gedankenlos oder wissentlich, dazu bei, dass sie uns nicht folgt und fürchten uns zugleich vor ihr. Konkret: Wir haben die „Ruhe vor dem Sturm“ genutzt, mithilfe aller möglichen Panikmechanismen, um uns in eine Alarmbereitschaft zu versetzen, die am Ende des Guten zu viel war. Klingt besserwisserisch, doch Moment mal: Sind Stürme nun so ganz neu in unserem Alltag, oder haben wir einfach nur ein anderes Verhältnis zu ihnen entwickelt? Und wenn ja, warum? Hieß es nicht, „Sabine“ werde nicht so extrem werden wie „Lothar“ oder „Kyrill“ es waren? Und doch fanden wir uns im öffentlichen Nahverkehr lahmgelegt wieder.

Wovor wollen wir uns noch alles schützen?

Sicherheit muss sein. Keine Frage. Die Deutsche Bahn kann es keinem Recht machen, egal, ob sie fährt oder nicht. Deshalb beinhalten diese Gedanken auch nicht wirklich eine Kritik an den Verantwortlichen, sondern nur Fragen wie: Wovor wollen wir uns denn noch alles schützen? Wohin wollen wir steuern und was trauen wir uns zu, aushalten zu können? Nein, nein, wir Menschen gehören nicht in Watte gepackt. Das Leben ist und bleibt lebensgefährlich. Klar, es gibt diese Meldungen wie „S-Bahn kracht in Baum. Zwei Menschen schwer verletzt.“ Oder: „ICE von umfallenden Bäumen gestoppt. 300 Menschen verständnislos in Aufruhr.“ Es gibt sie aber auch noch, wenn Tief „Sabine“ längst nicht mehr weht.

Und die Aussichten: Schauerwetter

Nun, nicht alle Kollegen kamen gestern rechtzeitig an ihren Arbeitsplatz. Einer hing in Hannover fest, der andere in München. Ich war 60 Minuten zu spät. Nur 60 Minuten, dank der Autofahrer, die mich mitnahmen. Ach, noch eins: In den nächsten Tagen gibt’s Schauerwetter. Es wird ungemütlich. Schirm nicht vergessen!

Wenn keine Züge und Straßenbahnen fahren, ist Laufen oder Trampen eine Möglichkeit zur Arbeit zu kommen.
Wenn keine Züge und Straßenbahnen fahren, ist Laufen oder Trampen eine Möglichkeit zur Arbeit zu kommen. Foto: DPA
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