Rheinland-Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Kolumne: Klack-Klack an Mutters Gutselstand

RHEINPFALZ-Redakteur Rolf Schlicher.
RHEINPFALZ-Redakteur Rolf Schlicher. Foto: Himmer

Wie ein Stück rätselhafte Pfälzer Volkspoesie jeden Geburtstag bereichern kann

Alles „Steinböcke“ oder „Wassermänner“. Im Freundes- und Bekanntenkreis reiht sich in den ersten Wochen des Jahres Geburtstag an Geburtstag. Ab und an sind auch ein paar „Runde“ dabei: 50ste, 60ste und diesmal sogar der erste 70ste. Statistisch gesehen überrascht das nicht. Denn bis Mitte der 1970er-Jahre kamen in Deutschland die meisten Babys zu Beginn des Jahres zur Welt – vor allem im Februar und März.

Winterkinder, Sommerkinder

Mit dem Übergang von den 1970er- zu den 1980-er-Jahren verschob sich das Geburtenhoch dann um etwa sechs Monate nach hinten. Die meisten Kinder erblickten jetzt im September das erste Licht. Aktuell verlagert sich der Trend wieder etwas nach vorne – Geburtenspitzenmonat ist inzwischen der Juli. Sommerkinder sind jetzt angesagt.

Warum es zu solchen Verschiebungen kommt, kann die Wissenschaft bisher nicht wirklich plausibel erklären. Als Einflussfaktoren wurde schon alles mögliche untersucht: Wetter, Klima, Sonnenscheindauer, Nahrungsmittelangebot, Ferientage, das Zusammenrücken an den Weihnachtsfeiertagen, neue gesetzliche Vorschriften.

Kann man Rosen umtauschen?

Meine liebe Frau und ich gehören zur Generation der Winterkinder. Unser Küchentisch liegt in diesen Tagen voll mit Papierblättern: Liedtexte, Spottverse, Selbstgereimtes mit an den Rand gekritzelten Gitarrenakkorden. Zu den runden Geburtstagen gibt es vom Chor der Freunde jeweils ein Ständchen, mitunter wächst es sich auch zu einem Potpourri oder kleinem Theaterstück aus. Da werden dann frech Marotten ausgeleuchtet und liebevoll Stärken gepriesen.

„Willst Du die Rose behalten oder umtauschen“, fragt mich meine Frau an diesem Morgen. Natürlich wieder ein Morgen, an dem sie bereits eine Stunde auf und hellwach ist, ich mich aber gerade erst an den Küchentisch gesetzt habe. „Welche Rose“, frage ich irritiert. Und überhaupt: „Kann man Rosen denn umtauschen?“

Meine Frau deutet auf den Kassenbon des Gartencenters, der zwischen all den Textblättern liegt. Ein Geburtstagsgeschenk. Ach so. Praktischerweise hatte sie gleich zwei Rosenstöcke gekauft: Einen zum Verschenken und einen, der ein kümmerliches Exemplar bei uns im Vorgarten ersetzen könnte. Ich entscheide mich fürs Behalten.

Drafi Deutschers „Dam Dam“

Und schaue mir dann den Text an, den unser Freund Gerd gerade per Mail geschickt hat. Das nächste Geburtstagskind ist begeisterte Boulespielerin. Gerd hat auf die Melodie von „Marmor, Stein und Eisen bricht“ gedichtet – statt „dam-dam“ wie im Original-Gassenhauer von Drafi Deutscher heißt es bei ihm boulekugelmäßig „klack-klack“.

Das kann nicht schiefgehen, denke ich. Tut es auch nicht, beim Fest wird das „Klack-Klack“ von den rund 70 Gästen fröhlich mitgesungen. Und wie bei jedem Geburtstag, rund oder unrund, ertönt auch diesmal der „Gutselstand“. Das allseits bekannte Lied hat sich bei uns zur Happy Birthday-Hymne entwickelt. Vor Jahren hatte ich versucht, mit einem Aufruf an die RHEINPFALZ-Leser dem Geheimnis dieses seltsamen Textes auf die Spur zu kommen:

Mei Mudder hot en Gutselstand,

do drowwe uff de Dannstadter Höh.

Do kummt en Borsch mit em Stecke in de Hand

und haat meiner Mudder uff de Gutselstand.

Hallihallo, Hallihallo s’isch traurich awwer wohr:

Im gaanze Land kän Gutselstand,

wie meiner Mudder ihrer änner war.

Als erstes erntete ich damals die Zurechtweisung, dass es richtig „Do kummt en Hewwel mit em Knewwel in de Hand“ heißen muss. Zu den Hintergründen des Tathergangs gab es die unterschiedlichsten Deutungen: Sie reichten von Kerweschlägereien rivalisierender Dörfer bis zu Anilinern, die in den 1950er- und 1960er-Jahren am Dannstadter Bahnhof von der Lokalbahn „Feuriger Elias“ kurz abgesprungen seien, um einen Schnaps zu kippen.

Wer hat eine Erklärung?

Eine richtig stichhaltige Erklärung für die Attacke auf Mutters Gutselstand gibt es aber bis heute nicht. Dieses Stück Pfälzer Volkspoesie bleibt ein Rätsel – wie das Phänomen, dass statt Winter- jetzt mehr Sommerkinder geboren werden. Zu welcher Jahreszeit man am besten einen Rosenstock pflanzt? Im Herbst, hat mein Opa früher gesagt. Aber vielleicht hat sich da ja auch inzwischen etwas verschoben ...

In der Kolumne „Am Küchentisch“ schreiben Redakteure des Südwest-Ressorts über die Pfalz, ihr Familienleben und den Redaktionsalltag.

Szenische Umsetzung des Liedes: Schläge auf Mutters Gutselstand.
Szenische Umsetzung des Liedes: Schläge auf Mutters Gutselstand. Foto: W. Müller
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