Rheinland-Pfalz
Interview: Was kann man bei der Stadtplanung falsch machen?
Am 8. November ist World Town Planning Day, ein internationaler Tag, der auf die Wichtigkeit von Stadtplanung aufmerksam machen soll. Detlef Kurth, Professor für Stadtplanung an der Technischen Universität Kaiserslautern, erklärt, vor welchen Herausforderungen ein Stadtplaner in Städten wie Ludwigshafen, Kaiserslautern, Pirmasens und Mainz steht.
Herr Kurth, als Stadtplaner planen Sie ja nicht jeden Tag eine neue Stadt, oder?
Ja, das Berufsfeld hat sich sehr geändert. Im 19. Jahrhundert wurden neue Städte im Zuge der Industrialisierung geplant oder es gab große Stadterweiterungsgebiete – die sogenannten Gründerzeitviertel. Oder in der Nachkriegszeit wurden Großsiedlungen am Stadtrand errichtet. Aber neue Stadtgründungen sind sehr selten geworden in Europa. Wir kümmern uns hauptsächlich um Stadtarrondierung und Innenentwicklung. Dabei die Stadtentwicklung immer mehr zu einem Instrument geworden, das nicht nur Pläne zeichnet, sondern mit Bürgern gemeinsam Prozesse entwickelt und moderiert.
Sie sind demokratischer geworden.
Ja, die Planung ist sehr viel demokratischer geworden. Früher, in der Zeit der Industrialisierung, im Deutschen Kaiserreich, gab es Stadtbaumeister, die durchregieren konnten. Seit der Weimarer Republik, spätestens aber seit der Bundesrepublik ist die Planung viel partizipativer geworden. Wir müssen immer eine Abwägung vornehmen zwischen verschiedenen Interessen, dem Gemeinwohl dienen und letztlich eine Zustimmung vom Stadtrat erhalten. Kein Plan wird heute mehr so umgesetzt, wie er einmal gezeichnet wurde. Das macht zwar einige Planer „unglücklich“, ist aber Ausdruck unserer pluralistischen Gesellschaft.
Was kann man denn so alles falsch machen?
Fehler sind sehr schwer zu beurteilen, weil auch immer die Rahmenbedingungen berücksichtigt werden müssen. Es gibt Planungen, die fand man anfangs gut und später schlecht. Oder auch umgekehrt: Ein sehr prominentes Beispiel ist die sogenannte Gründerzeitstadt. Die wurde in den 20er-Jahren als Fehler bezeichnet. Zu dicht, zu eng und nicht bewohnbar. Heute gehört sie zu den beliebtesten Wohnquartieren.
Was haben Planer daraus gelernt?
Planung sollte immer mehrere Optionen enthalten – mit Szenarien arbeiten. Diese sollten mit der Bürgerschaft diskutiert werden. Und die Planung sollte reversibel sein, also in der Lage sein, im weiteren Prozess Fehler zu korrigieren. Wir sind heute offener und flexibler. Es gibt nicht mehr die sogenannte „Gottvaterplanung“, wo der Planer als Alleinwissender auftrat. Trotzdem sollten wir Ziele für die Zukunft formulieren.
Wenn Menschen aus dem Land in die Stadt ziehen und die Dörfer leerer werden, muss man dann aktiv Rückbau betreiben?
Auch das ist sehr zeitabhängig. Wir hatten in den 2000er-Jahren eine starke Stagnation und Schrumpfung von Städten. Sogar Berlin hat stagniert. Damals gab es auch Stadtumbauprogramme mit Abrissmaßnahmen. Erst seit zehn Jahren haben wir wieder eine starke Wachstumstendenz. Wir beobachten wieder eine Reurbanisierung und eine Entleerung des ländlichen Raums. Zum einen versucht man, den ländlichen Raum mit Infrastruktur zu stärken, um den Trend etwas umzukehren. In manchen Regionen kann partiell zurückgebaut werden, etwa Nachkriegssiedlungen. Aber letztlich ist es besser, erstmal die Gebäude zu erhalten und Zwischennutzungen zu finden.
Es scheint, als wiederholt sich alles. Was macht denn der Städtebau genauso wie vor 2500 Jahren?
Es ist tatsächlich so, dass bestimmte Grundmuster aus der Antike eine hohe Kontinuität haben. Etwa das Blockraster, die Ausbildung eines Forums oder eines religiösen Ortes. Dieses Grundmuster kommt wieder in der Renaissance, in der Gründerzeit, aber teils auch in modernen Stadtmodellen. Aber natürlich haben wir heute andere technische Voraussetzungen, eine andere Mobilität durch das Auto, und es wohnen heute viel mehr Menschen in den Städten.
Und was wird in der Zukunft wichtig?
Das kommt ganz darauf an, wo.
Nehmen wir Rheinland-Pfalz als Beispiel.
Grundsätzlich wird in der Leipzig Charta der Europäischen Union die europäische Stadt als Leitbild formuliert. Sie soll kompakt sein, urban und nutzungsgemischt, aber auch grün und nachhaltig. Zukunftsthemen werden Klimaschutz, Klimaanpassung und die digitale Stadt. Für Rheinland-Pfalz gibt es nochmal spezifische Anforderungen. Da gibt es ja nicht so viele Großstädte. Und hier müssen viele Städte weiterhin den Strukturwandel bewältigen und leiden unter schlechter Finanzausstattung, etwa Kaiserslautern oder Pirmasens. Die Städte attraktiver zu machen, gehört zu den zukünftigen Herausforderungen.
Eine Musterlösung gibt es also nicht?
Nein, die gibt es nicht. Und in Rheinland-Pfalz haben wir auch noch die Sondersituation, dass wir starke Städte wie Mainz haben, die von der Nähe zum Frankfurter Flughafen profitiert. Selbst Ludwigshafen wächst, obwohl wir dort das Sonderproblem einer sehr autogerechten Stadt haben. Auch Landau wächst. Aber wir haben auch Städte, die abgelegen sind wie Pirmasens und Kaiserslautern, die immer noch nicht den Strukturwandel ganz überwunden haben und jetzt nach neuen Entwicklungsfaktoren suchen müssen. Etwa Digitalisierung, künstliche Intelligenz oder neue Mobilität, auch in Kooperation mit der TU Kaiserslautern.