Rheinland-Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Interview: Django Reinhardt erhält rheinland-pfälzischen Kinderschutzbund Preis

„Soziale Brennpunkte ziehen alles nach unten“: In Rheinland-Pfalz leiden Kinder zum Beispiel unter einem Mangel an ordentlichen
»Soziale Brennpunkte ziehen alles nach unten«: In Rheinland-Pfalz leiden Kinder zum Beispiel unter einem Mangel an ordentlichen Wohnverhältnissen, sagt Django Rheinhardt.

Der Musiker Django Rheinhardt hat in dem gleichnamigen Wegbereiter des europäischen Jazz der 1930er-Jahre nicht nur einen berühmten Namenspatron. Der Koblenzer ist mit der Musiklegende von damals auch verwandt. Jetzt erhält der 55-Jährige für sein soziales Engagement für junge Menschen den Preis des Kinderschutzbundes Rheinland-Pfalz. Ein Gespräch mit dem Sänger.

Herr Reinhardt, Ihre Musik wurde im ZDF einmal angekündigt als eine, die „alle Küchenutensilien enthemmt mithüpfen“ lässt …

(lacht) Ja, das war einmal. Früher habe ich viel gecovert. Elvis Presley und so. Schöne Lieder, aber das habe ich hinter mir gelassen. Ich bin zurück zum Swing, mit eigenen Stücken. Karl-Heinz Herrig und Sohn komponieren sie. Das ist es, was ich wollte. Die Mutter meiner Mutter war übrigens eine Cousine von Django. Sie gehören zur Ethnie der Sinti. Sind andere Menschen Ihnen gegenüber offen? Ja, bei mir schon. Wir Musiker werden überall akzeptiert. Und ich bin Integrationsmanager für Sinti und Roma in Rheinland-Pfalz und in der Stadt Koblenz. Aber andere spüren die Hetze, die gerade durch die AfD wegen der vielen Flüchtlinge verstärkt wird, schon. Ich bin in Deutschland geboren. Oft werden wir über einen Kamm geschoren, egal wie lange wir schon hier sind. Etwa 4,4 Millionen Kinder sind in Deutschland von Armut bedroht – mehr als bisher angenommen. Dennoch, den Kindern hier geht es verglichen mit Kindern in Krisen- und Kriegsgebieten sehr gut … … Ja, dazwischen liegen Welten. Kinder hier haben eine warme Wohnung, können jeden Tag duschen, zu Weihnachten ein Geschenk. Aber ich habe das Gefühl, die Brutalität gegenüber Kindern nimmt zu. Das ist größer als Armut. Laut Kinderschutzbund in Mainz werden jede Woche vier Kinder Opfer von Missbrauch und Gewalt. Und 7074 Kinder in unserer Region leben in Armut. Was bedeutet arm sein für Sie? Armut habe ich so nicht erlebt, auch wenn wir nicht alles hatten früher. Wir waren fünf Jungs und fünf Mädchen. Mein Vater Dawelie war Berufsmusiker, meine Mutter hat sich um uns gekümmert. Wir wuchsen in Koblenz anfangs im Wohnwagen auf, um uns herum andere Sinti und Roma. Aber für Gitarrenunterricht hat das Geld nicht gereicht. Deshalb helfen Sie heute mit Ihrer sozialen Musikschule? Ja, der Verein Django Reinhardt Music Friends hat zwei Schulen gegründet, damit Kinder kostenlos Musik lernen können. Aber Musik ist nicht alles. Das Ziel unseres zweiten Vereins ist, junge Leute in Ausbildung zu bekommen, in einen Job. Bei mehr als 50 waren wir schon erfolgreich. Woran mangelt es Kindern bei uns in Rheinland-Pfalz? Es mangelt an ordentlichen Wohnverhältnissen. Guten Bildungs- und Ausbildungschancen für alle. Aber auch am Wissen der Eltern, wie wichtig Schule ist. Soziale Brennpunkte ziehen alles nach unten. Wie ist das zu ändern? Das ist schwierig. Der Staat macht schon viel, aber es ist nicht so, wie es sein sollte. Statt alle Ärmeren in Wohnblocks zu stecken, müsste man in die Superviertel auch andere stecken. Damit Kinder sehen, es funktioniert. Und die Sozialarbeiter müssen raus zu den Familien, nicht in Büros sitzen, müssen ihre Sprache sprechen. Früh aufstehen, Kita, Schule, dann Sporttraining oder Musik – das alles geht. Meine beiden Kinder haben das gemacht. Man muss es wollen und die Chancen kennen. Was machen Sie mit den 3000 Euro Preisgeld? Das Geld geht in unsere Arbeit zugunsten von Musik- und Ausbildungsförderung. Künftig will ich mich stärker beim Kinderschutzbund engagieren. Der Preis ist nicht nur eine Anerkennung, sondern auch Verantwortung. 

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