Rheinland-Pfalz Hinter dem Mond
“ Und weiter? Kennen Sie alle sieben Strophen dieses 1790 von Matthias Claudius gedichteten Liedes? Wenn nicht, könnten Sie sich vielleicht für ein Schulfach „Volksmusik“ erwärmen. Genau das hat vor Jahren schon Heino gefordert: Kein Kind habe heutzutage noch die gängigen Volkslieder parat, geschweige denn alle Strophen von „Der Mond ist aufgegangen“, beklagte Deutschlands oberster Volksmusiker („Blau, blau, blau blüht der Enzian“). Doch der inzwischen 80-jährige Heino ist nicht der einzige, der den Stundenplan der Schüler tüchtig reformieren möchte. Immer wieder mischen sich Prominente, Politiker oder Lobbyisten ins Klassenzimmer-Geschehen ein. Die rheinland-pfälzische CDU-Landesvorsitzende Julia Klöckner (46) hat so für ein Schulfach „Alltagswissen“ plädiert: Das Leben sei inzwischen so komplex, dass es einer Reihe von Alltagskompetenzen bedürfe, um sich gerade auch als Heranwachsender zurechtzufinden, meint sie. Schauspieler Uwe Ochsenknecht (63) wünscht sich ein Schulfach „Emotionen“; denn besonders Jungs müssten lernen, Gefühle zu zeigen und mit ihnen umzugehen. Für die CSU-Politikerin Dorothee Bär (40) gehört dagegen dringend „Facebook und Medienkunde“ auf den Stundenplan, für die inzwischen fast von der Bildfläche verschwundene Piratenpartei war es „Drogenkunde“ und der Hamburger Innensenator hat mit seinem Vorschlag, das Unterrichtsfach „Feuerwehr“ einzuführen, im Nachhinein tatsächlich Schule gemacht. Etliche Pennäler pauken inzwischen den feurigen Stoff – in Rheinland-Pfalz beispielsweise an der Berufsschule in Neuwied. Der altgediente Bildungsforscher Professor Klaus Hurrelmann, Mitglied vieler Expertenrunden, weiß um die Einmischungen der Lobbygruppen und Verbände in den Schulalltag. Mal wird „Wirtschaft“ oder „Gesundheit“, mitunter auch „Golfspielen“ oder „Yoga“ eingefordert. Hurrelmann sieht dies als Risiko und Chance. Die Schulen dürften sich durch solche Angebote nicht überrumpeln lassen und glauben, sie stünden dann im Leben, wenn sie modisch hinter diesen Themen herrennen, warnt Hurrelmann. Sein Vorschlag: „Die Schule muss ihr eigenes Ordnungsprinzip und ihre eigenen Arbeitsweisen in den Vordergrund stellen und dann die verschiedenen Impulse aufnehmen.“ Inzwischen hat die Flut der Schulfach-Verbesserungsvorschläge auch die Kabarettisten und Comedians erreicht. Christian Ehring beispielsweise, der zum Team der „ZDF-heute- show“ gehört und das TV-Satiremagazin „ExtraDrei“ moderiert, macht sich in seinem aktuellen Soloprogramm „Keine weiteren Fragen“ über die Einflüsterer lustig: „Kein Witz, es ist wirklich unglaublich, wer da was alles fordert.“ Die künftigen abendlichen Dialoge zwischen Eltern und Kindern stellt sich Ehring so vor: „Haste deine Hausaufgaben in Emotionen schon gemacht?“ – „Nee, ich habe ja Drogen-Leistungskurs.“ Und Ehring, der im März in Mainz vom Theater „Unterhaus“ den renommierten Deutschen Kleinkunstpreis erhält, hat bei diesem Thema ausnahmsweise doch eine ganz ernste Frage: „Gestrichen würde dann was? Mathe, Bio, Physik, Deutsch, Erdkunde? Für jedes neue Schulfach muss ein altes wegfallen, der Stundenplan ist voll; anders geht das nicht.“ Es ist Ehring deshalb hoch anzurechnen, dass er selbst nicht auch noch ein Schulfach „Kabarett“ vorschlägt. Wie die letzte Strophe von „Der Mond ist aufgegangen“ endet, verrät der 46-Jährige in seinem zweistündigen Soloprogramm übrigens nicht. Aber wir: „... und laß uns ruhig schlafen und unsern kranken Nachbarn auch.“ | Rolf Schlicher