Rheinland-Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Handkäs’ und Heile Gänsje

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Vor 65 Jahren wurde zum ersten Mal die Sendung „Mainz, wie es singt und lacht“ live aus dem kurfürstlichen Schloss im Fernsehen übertragen. Herbert Bonewitz war dabei, Rolf Braun und Ernst Neger. Was einen Fachmann in Sachen Frohsinn stört und warum die Fernsehsender optimistisch sind.

Margit Sponheimer ist gerade zwölf Jahre alt, und nur wenige Jahre trennen sie von ihrer Karriere auf der närrischen Bühne. Doch andere Größen der Mainzer Fasnacht sind schon dabei, als der damalige Südwestfunk am 17. Februar 1955 zum ersten Mal die Sitzung „Mainz, wie es singt und lacht“ bundesweit ausstrahlt. Live – und schwarz-weiß.

Herbert Bonewitz, der später ins Kabarettfach wechselt, ist der Pianist der „Dippelbrüder“. Rolf Braun greift als „Campinese“ die aufkommende Reiselust der Deutschen auf und ihre Erfahrungen auf den Campingplätzen Europas. Später leitet der Mann mit der Hornbrille die Fernsehsitzung 25 Jahre lang bis 1989.

Ernst Neger trifft den Nerv der Mainzer

Ebenfalls dabei: Ernst Neger, der singende Dachdeckermeister. „Neben dem Liedche vom Lewwerwerschtche singt er nun auch das neue Mainzer Handkäs-Lied“, steht in der „Allgemeinen Zeitung“ vom 19./20. Februar 1955. Im Liedtext heißt es: „Ein altes Sprichwort sagt uns brav, was gut riecht, schmeckt aach gut.“

Ob er sein „Heile, heile Gänsje“ singt, bleibt unklar. Drei Jahre zuvor ist das Lied um eine Strophe über das im Krieg zerstörte Mainz ergänzt worden. Damit trifft Ernst Neger den Nerv der Einwohner. Die Fasnachtsstimmung in diesem ersten Jahrzehnt nach Kriegsende ist nicht nur vom Frohsinn geprägt.

Mit Bowleglas zu den Nachbarn

Immerhin: Die deutschlandweite Übertragung der Sendung macht die Mainzer unglaublich stolz, sagt Gerhard Stöver vom Fasnachtsmuseum der Stadt. „In meiner Kindheit sind wir mit einem Bowleglas zu Nachbarn gegangen, die einen Fernseher hatten“, erinnert sich der 70-Jährige an die ersten Übertragungen. Nur wenige Haushalte haben ein eigenes Gerät, das Fernsehereignis wird zum Gemeinschaftserlebnis.

Nur die besten Redner treten an

Die Premiere findet bundesweit Beachtung. Die RHEINPFALZ schreibt am 19. Februar 1955: „Närrische Feinde Arm in Arm in Mainz“. Gemeint sind der Mainzer Carneval Verein (MCV) und der Mainzer Carneval Club (MCC), die als „Erzfeinde“ im Streit für die Narretei gelten, wie es heißt. Doch für das Fernsehen bestreiten sie mit ihren besten Rednern eine „Gemeinschaftsfremdensitzung“. Dem Autor hat sie offensichtlich gefallen.

Politiker als Zielscheiben des närrischen Spotts

Die erste Übertragung füllt noch nicht das gesamte Abendprogramm. Erst um 21.20 Uhr startet sie – zwei Stunden nach Beginn der Sitzung. So beschreibt es Günter Schenk, einer der besten Kenner des Mainzer Frohsinns und Autor des Buches „Mainz, wie es singt und lacht“ (Ingelheim, 2004). Die Sendung wird zum Erfolg, den in den Folgejahren immer mehr Politiker nutzen. Im Publikum warten sie darauf, zur Zielscheibe des närrischen Spotts zu werden. Der politisch-literarische Vortrag prägt die Mainzer Fasnacht.

Fernsehsender wechseln sich ab

Schenk schildert, wie sich der Karneval Club Kastel (KCK) und der Gonsenheimer Carneval Verein (GCV) als weitere Träger der Gemeinschaftssitzung hinzugesellen, wie die „Gonsbachlerchen“ und die „Hofsänger“ zu Publikumslieblingen werden und wie sich die Fernsehsender Konkurrenz machen: 1963 nimmt das ZDF seinen Sendebetrieb auf, ein Jahr später strahlt es „Mainz bleibt Mainz“ aus. Weil zwei Sendungen weder der Fasnacht noch den Sendern bekommen, wechseln sich ARD und ZDF seit 1973 ab. Der neue Titel: „Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht“.

Zuschauer sterben aus

„Ich bin der Ansicht, dass die Fasnacht nicht fürs Fernsehen geeignet ist“, sagt Schenk. Sie brauche den Austausch unter Menschen. Die Übertragung sei eine eigene Inszenierung, manche Vorträge seien daran ausgerichtet. In der Stadt erlebt er eine Gegenbewegung: Die Kneipenfasnacht als ursprüngliche Form werde wieder mehr gepflegt, lokale Themen vermehrt aufgegriffen. Schenk, Jahrgang 1948, ist überzeugt davon, dass die Zuschauer der Fernsehfasnacht aussterben. „Die Jungen wollen das nicht sehen“, sagt er.

Einschaltquote weiterhin hoch

Die Einschaltquoten liegen seit 2016 zwischen 5,8 bis 6,8 Millionen Zuschauern. Damit ist die Sendung jeweils Tagessieger. Das Fachmagazin „Quotenmeter“ bescheinigt „Mainz bleibt Mainz...“, in den vergangenen Jahren sogar zunehmend Anteile unter den 14 bis 49-jährigen Zuschauern gewonnen zu haben.

Vielleicht ist es so auch am Freitag, 21. Februar, wenn Sitzungspräsident Andreas Schmitt alias „Obermessdiener“ die Fernsehsitzung eröffnet, seine Gäste mit „Wolle mer ’se roilosse“ begrüßt und mit dem Narhallamarsch verabschiedet. Live – und natürlich in Farbe. Die Größen der ersten Sitzung leben nicht mehr. Aber Margit Sponheimer, inzwischen 77 Jahre alt, ist regelmäßig zu Gast – und ihr Rosenmontags-Lied altert nicht.

Der Kalender

DIE RHEINPFALZ feiert in diesem Jahr ihren 75. Geburtstag. In diesem Kalender erinnern wir Sie, liebe Leserinnen und Leser, jeden Tag an ein besonderes Ereignis oder eine ungewöhnliche Geschichte aus den vergangenen 75 Jahren.
Über Jahrzehnte prägten die „Gonsbachlerchen“ als Gesangs- Satire und Akrobatikgruppe die Mainzer Fasnacht.
Über Jahrzehnte prägten die »Gonsbachlerchen« als Gesangs- Satire und Akrobatikgruppe die Mainzer Fasnacht.
Live – und zunächst schwarz-weiß: Die Fernsehfasnacht beim damaligen Südwestfunk.
Live – und zunächst schwarz-weiß: Die Fernsehfasnacht beim damaligen Südwestfunk.
Herbert Bonewitz 1955 als Pianist der „Dippelbrüder“.
Herbert Bonewitz 1955 als Pianist der »Dippelbrüder«.
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