Rheinland-Pfalz „Es war ein schöner Augenblick“

Kerstin und Stefan Traxel aus Dahn halfen einer kalifornischen Band aus der Klemme.
Kerstin und Stefan Traxel aus Dahn halfen einer kalifornischen Band aus der Klemme.

Die Nacht des 7. Oktober werden die Taxiunternehmer Stefan und Kerstin Traxel aus dem südwestpfälzischen Dahn so schnell wohl nicht vergessen. Mitten in der Nacht wurde Stefan Traxel gerufen, um eine Gruppe abzuholen, die mit ihrem Van liegengeblieben war. Es handelte sich um die kalifornische Rockband „Cadence Please“, die auf der Durchreise nach England war. Doch was tun, wenn weit und breit kein freies Hotelzimmer in Sicht ist? Stefan Traxel dachte nicht lange nach: Er nahm die Gruppe mit zu sich nach Hause. Im Gespräch mit der RHEINPFALZ erzählen Kerstin und Stefan Traxel, wie sie die folgenden ungewöhnlichen Tage erlebt haben, warum es für sie aber trotzdem das Normalste der Welt ist, neun Fremde bei sich aufzunehmen.

Fangen wir beim Ende der Geschichte an: Wie ging es nach der Verabschiedung der Band weiter?Stefan Traxel:

Wir haben den Bus aus der Werkstatt abgeholt. Der Bus ist gefahren bis nach England, ohne Probleme, von England weiter nach Amsterdam, Paris, und von Paris zurück nach Rumänien. Da kam der Bus ja auch ursprünglich her, nicht wahr? Stefan Traxel: Genau, von einem rumänischen Pfarrer. Zwei Bandmitglieder haben den Bus von Paris nach Rumänien gefahren, und die Band ist zurückgeflogen nach San Francisco. Sie scheinen ja über die Route gut Bescheid zu wissen. Gab es da also noch Kontakt? Stefan Traxel: Ja, über Facebook haben die das immer mitgeteilt, und immer noch ein paar Bilder geschickt. Kerstin Traxel: Eine der Frauen hat noch geheiratet. Da waren sie wieder in den Staaten zurück. Ging ziemlich flott. Ob das alles vorher so geplant war, haben wir gar nicht gefragt. Und davon haben Sie auch Bilder bekommen? Stefan Traxel: Über Facebook, ja. Und noch ’ne kleine Botschaft haben wir gekriegt. Da hat die Landesschau mich überrascht und ein kleines Video von der Band aufgezeichnet und das abgespielt. Also die Kinder sind alle zuhause. (lacht) Kerstin Traxel: Sie möchten wieder vorbeischauen, wenn sie wieder in Deutschland sind. Stefan Traxel: Genau, nächstes Jahr möchten sie wiederkommen. Vielleicht mit ’nem besseren Bus (lacht), das weiß ich nicht. Wenn wir nochmal zurückgehen zu der Nacht, in der Sie die Band abgeholt haben. Was ging Ihnen da durch den Kopf, als sie die da haben stehen sehen? Stefan Traxel: Als ich hochgefahren bin an die B 10 – wir waren ja mit zwei Autos dort – wusste ich eigentlich schon, dass ich kein Hotel finde, und ich wusste auch schon, dass ich sie mit nach Hause nehme. Da hatte ich sie noch gar nicht gesehen. Als ich dann sah, dass Frauen dabei sind und zwei kleine Kinder, war das eh geregelt. Was haben Sie sich gedacht, als Ihr Mann angerufen hat, um Ihnen zu sagen, dass er jetzt neun Amerikaner mit nach Hause bringt? Kerstin Traxel: Ja gut, meint er das wirklich ernst? Aber er sagte, da sind zwei kleine Kinder dabei, die kann man da jetzt nicht stehen lassen, und ich hab dann nur gedacht, ich mach die Betten und geh dann schnell wieder, damit mich keiner sieht, nachts aus dem Bett gerissen. (lacht) Stefan Traxel: Aber ich habe mir auch keine Gedanken gemacht, dass meine Frau nein sagt. Das war von vorneherein klar, man kennt sich ja. Kerstin Traxel: Und Platz war ja da. Unsere Kinder sind ja erst ausgezogen. Es war aber trotzdem eine Gruppe Fremder. Hatten Sie keine Bedenken? Kerstin Traxel: Na, das hätten auch unsere Kinder sein können. Die waren so alt wie unsere Kinder. Stefan Traxel: Ich denke, wenn man sich von der Angst prägen lässt, haben wir eh alle verloren, oder? Wenn wir jeden Fremden als Gefahr sehen oder potenzielle Bedrohung. Also in unserem Beruf haben wir eh viel mit Fremden zu tun, und wenn ich jedem dann so skeptisch gegenüber trete, dann kann er nie ein Freund werden. Kerstin Traxel: Wir haben jetzt auch schon zwei, drei Touren durch die Staaten gemacht, und da haben wir auch immer blind irgendwo geschlafen. Stefan Traxel: Wir haben noch nie schlechte Erfahrungen gemacht. Die Amerikaner sind ein sehr freundliches Volk. Es haben sich viele Leute gemeldet, die der Band helfen wollten. Eine Agentur, die das Konzert in Pirmasens organisiert hat, eine Familie , die der Gruppe kostenlos ihre Ferienwohnung in Erfweiler zur Verfügung gestellt hat. Hat Sie diese Hilfsbereitschaft überrascht? Stefan Traxel: Die ganze Resonanz hat mich schon überrascht. Es hat jemand angerufen, der sagte: „Meine Schwester bringt 50 Euro für die Band vorbei“, ein anderer wollte 20 Euro spenden. Kerstin Traxel: Nach dem Konzert – die Band war schon weg – hat noch eine Frau aus Münchweiler angerufen und wollte noch was spenden. Da haben wir gesagt, zu spät, die sind schon weg. Stefan Traxel: Also, die Resonanz war wirklich toll. Aber eigentlich ja so, wie man es von uns Pfälzern erwartet. Denn so sind wir ja. Waren Sie überrascht von dem Medienrummel? War ja schon einiges los. Stefan Traxel: Ja, wir hatten sie alle da. Fernsehsender, Radiosender, die Deutsche Presse-Agentur. Zeitungen aus Augsburg, aus München, Berlin, von überallher haben angerufen. Kerstin Traxel: Als alles vorbei war, nach dem Konzert, hab ich gesagt: Jetzt haben sie alle angerufen, nur der Taxiverband lässt nichts von sich hören. Und schwupp-di-wupp haben die sich gemeldet. (lacht) Der Taxiverband? Kerstin Traxel: Ja, die haben auch ’ne eigene Zeitschrift. Stefan Traxel: Ne christliche Zeitschrift hat auch angerufen. Also es war schon einiges. Ich habe nicht gedacht, dass das überhaupt jemanden interessiert. Kerstin Traxel: Eine ehemalige Schulfreundin hat sich ebenfalls bei uns gemeldet. Die wohnt jetzt in den USA, in Akron. Stefan Traxel: Ja, die hat gesagt, dass die Geschichte auch in den Staaten über Facebook rumgeht. Haben Sie vor, die Band mal zu besuchen? Stefan Traxel: Nein. Es war einmalig, ein schöner Augenblick, aber da muss jetzt keine Freundschaft draus werden. Da war jetzt einfach jemand, der Hilfe gebraucht hat. Und wenn sie sich nie wieder melden, ist das nicht schlimm. Dann haben wir die einfach in guter Erinnerung. Und sie hoffentlich uns – und Deutschland auch. | Interview: Anna Warczok

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