Interview
Corona in den Kliniken: „Wir werden die Regelversorgung einschränken müssen“
Herr Dr. Gaß, es gibt Mediziner, die das erneute Herunterfahren des öffentlichen Lebens für die falsche Strategie halten. Wie sehen Sie das?
Ich sehe das absolut anders als diese Kritiker, ich stehe voll hinter den Maßnahmen, die die Politik jetzt beschlossen hat und ich hoffe sehr, dass sie ausreichen, um das Infektionsgeschehen, das wir in den vergangenen drei Wochen erlebt haben, abzubremsen. Die Kanzlerin hatte bis Weihnachten 20.000 Neuinfektionen prognostiziert. Wir sind viel schneller an dem Punkt angelangt. Das hat Auswirkungen auf unser Gesundheitswesen, die wir schon jetzt nicht mehr vermeiden können.
Auf der Spitze der Corona-Welle im Frühling mussten 140 Frauen und Männer in rheinland-pfälzischen Krankenhäusern beatmet werden. Womit rechnen Sie in den nächsten Wochen?
Ich rechne damit, dass wir diese Anzahl bereits Ende nächster Woche erreichen werden und dass wir bis Mitte oder Ende November etwa 400 Covid-Patientinnen und -Patienten in den Intensivstationen der Krankenhäuser in Rheinland-Pfalz behandeln werden. Im Vergleich zum Frühjahr ist das eine nahezu dreifach so hohe Belegung.
Falls Gerichte die jüngsten Entscheidungen kippen und Gaststätten sowie Kultur- und Freizeiteinrichtungen doch offen bleiben – was droht im schlimmsten Fall?
Ich hoffe, dass das nicht passiert! Wenn doch, gilt das, was heute schon gilt: Die Gesellschaft muss selbst Verantwortung übernehmen. Wir alle sind gefragt, Kontakte zu reduzieren. Denn das ist das A und O. Darum geht es auch bei der Schließung von Freizeiteinrichtungen, die sich vielfach sehr bemüht haben, Hygienemaßnahmen einzuhalten. Aber es geht einfach darum, die Kontaktmöglichkeiten zu beschränken, die ja auch auf dem Weg zu einer Einrichtung bestehen oder im Anschluss an den Besuch. All das soll beschränkt werden. Wenn die Gerichte das tatsächlich kippen sollten, muss jeder Einzelne Verantwortung übernehmen und dennoch seine Kontakte reduzieren.
Ihr Kollege Stefan Kluge vom Klinikum Hamburg-Eppendorf sagte, 7000 Intensivbetten seien in Deutschland frei, aber nicht nutzbar, weil das Pflegepersonal fehle. Wie sieht das in Rheinland-Pfalz aus?
Wir haben in Rheinland-Pfalz 1411 Intensivbetten, von denen derzeit 486 frei sind. Zudem gibt es eine Notreserve von etwa 500 Betten. Das ist wirklich die Maximalbelastung, die wir aushalten können, das geht nur noch, wenn wir, wie im Frühjahr, die Regelversorgung drastisch nach unten fahren. Wir müssten dann Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von den normalen Stationen zusammenziehen und diese schließen. Es würde wieder zu Wartezeiten kommen und zwangsläufig zu einer deutlichen Verschiebung weniger dringlicher medizinischer Behandlungen. Wir würden dann nicht mehr genügend fachspezifisch weitergebildetes Intensivpersonal haben, um jedes Bett entsprechend der üblichen Leitlinie ausstatten zu können. Das meint sicher der Kollege aus Hamburg.
Eine Lehre der vergangenen Monate ist auch, dass Intensivpatienten mit Covid 19, insbesondere wenn sie beatmet werden, sehr viel mehr Pflegepersonal brauchen als andere, weil so viele Probleme auftreten können.
Das ist absolut richtig, die Covid-Patienten haben einen größeren Personalaufwand. Wenn sich die Situation so zuspitzen würde, muss die absolute Priorität auf die medizinisch dringlichsten Fälle gelegt werden. Aber ich muss betonen: An der Stelle sind wir noch nicht. Der politisch verordnete Lockdown gibt uns die Chance, genau dieses Szenario zu vermeiden.
Wenn Sie mit 400 Patienten auf den Intensivstationen rechnen, ist unter diesen Umständen der Normalbetrieb mit geplanten Operationen möglich?
Insgesamt werden wir es dann auch parallel dazu mit bis zu 2000 Covid-Patienten auf den Normalstationen zu tun haben. Dazu wird es zwangsläufig kommen, denn diese Infektionen sind bereits eingetreten. Jetzt geht es darum, diese Anzahl im Dezember und im Januar wieder nach unten zu bringen. Aber wir werden ab November die Regelversorgung einschränken müssen. Das werden wir anders machen als im Frühjahr, wo es einen drastischen und flächendeckenden Lockdown gegeben hat. Hier werden wir stufenweise vorgehen und uns standortbezogen die Situation ansehen.
In Nachbarländern ist die medizinische Situation zum Teil schon angespannter. Werden in rheinland-pfälzischen Krankenhäusern auch wieder Franzosen, Holländer oder Belgier behandelt?
Es ist auf jeden Fall so, dass aus Holland schon Patienten in Nordrhein-Westfalen auf Intensivstationen behandelt werden. Mir ist jetzt nicht bekannt, ob wir schon – wie im Frühjahr – Patienten aus Frankreich übernommen haben. Die Bereitschaft ist grundsätzlich da. Im Moment wären wir dazu noch in der Lage. In Frankreich sehen wir, was wir in Deutschland vermeiden wollen. Eine deutliche Belastung – in Teilen eine Überlastung des Gesundheitssystems.
Der erste Lockdown kam gerade zum Frühlingserwachen. Jetzt im November ist es dunkel und ungemütlich. Was macht das mit der psychischen Gesundheit von Menschen?
Das ist in der Tat ein Problem. Manche sprechen schon von einer dritten Welle, nämlich jene, die sich darum kümmern, die – ich nenne sie mal „Kollateralschäden“ – aus dem Lockdown zu behandeln. Ich selbst bin Geschäftsführer großer psychiatrischer Kliniken. Wir haben in der ersten Welle erlebt, dass die Situation für Menschen, die sich in psychischen Krisen befunden haben, eine zusätzliche Belastung war, dass Ängste entstanden sind. Das wird leider auch jetzt wieder der Fall sein. Wir müssen uns kümmern und versuchen Unterstützung zu organisieren. Ich glaube, es ist ein Stück weit Aufgabe der Gesellschaft insgesamt, Zusammenhalt und Solidarität zu zeigen. Das ist uns im Frühjahr ganz gut gelungen. Es kann nicht nur zum professionelle Hilfen gehen.
Zum seelischen Wohlbefinden gehören auch Besuche in Krankenhäusern. Einige Kliniken haben sie bereits ganz heruntergefahren. Ist das das Gebot der Stunde?
Ja, wir haben auch in unseren Kliniken ein grundsätzliches Besuchsverbot erlassen, das allerdings mit Ausnahmen versehen wurde. Schwerkranke und sterbende Patienten sollen Besuch erhalten, auch Kinder. Ebenso soll die Begleitung von Geburten möglich sein. Über die Schnelltests haben wir die Möglichkeit, Ausnahmen zu machen ohne den Infektionsschutz zu vernachlässigen.