Rheinland-Pfalz
Carl F. Hutterer – der Pfälzer Kameramann im Vietnamkrieg
Mit seiner Kamera hat der Pfälzer Carl F. Hutterer ausgedrückt, was sich mit Worten nicht sagen ließ. Und das meist dort, wo die Welt aus den Fugen geraten war. Jahrzehntelang ließ er damit Fernsehzuschauern den Atem stocken.
Das Dröhnen des Hubschraubers kommt näher. Er ist im Anflug auf das Hospital in Da Nang. Jede Minute zählt. Die Frau an Bord ist schwer verletzt. Aus ihrem Kopf quillt eine helle Flüssigkeit. Die Lache wird größer, die Stimme der Frau leiser. Sie stirbt. Ihre zehnjährige Tochter kauert daneben. Entsetzt, verzweifelt, allein gelassen. Unschuldige Opfer des Vietnamkriegs. Bilder des Schreckens, 50 Jahre alt und immer noch lebendig – nachts, in den Träumen von Carl F. Hutterer. Dann suchen sie ihn heim, den Kameramann aus dem nordpfälzischen Schönborn, der so oft dort war, wo die Luft brannte. „Damals dachte ich einen Moment daran, die Kamera wegzulegen und das Mädchen zu retten. Es mitzunehmen nach Europa. Aber das war unmöglich“, erzählt er. Das Gesehene ließ ihn zweifeln an seinem Job. „Doch dann habe ich mir gesagt, wenn ich weitermache, kann ich mehr für die Menschen tun.“ Und so ist er weiter durch die Länder gereist, um Unaussprechliches mit seiner Kamera einzufangen: Leid, Kummer, Gewalt, aber auch Mut und Würde. Eindringliche Momentaufnahmen, die aufrütteln wie informieren sollten.
30 Jahre fürs ZDF um die Welt
Heute ist Carl F. Hutterer 81 Jahre alt, mit weißen Haaren und gesundheitlich etwas angeschlagen. Doch wenn er erzählt, wird eine Kraft spürbar, die nur entwickelt, wer die ganze Palette menschlicher Höhen und Abgründe erlebt hat. 30 Jahre ist er für das ZDF um die Welt geflogen, hat Geschehen und Geschichte eingefangen. Oft zusammen mit dem Schriftsteller, Regisseur und Dokumentarfilmer Georg Stefan Troller, mit dem ihn nach eigenen Aussagen eine antagonistische Beziehung verband und mit dem er einen Flugzeugabsturz in Indien überlebt hat. Immer war Hutterer mittendrin, wie er erzählt. Zum Beispiel in Caracas, Hauptstadt von Venezuela. Dort saß Hutterer im Streifenwagen von Interpol, jagte Gangstern hinterher und hielt die Kamera aus dem Fenster. Auch noch, als die Verfolgung in eine Schießerei mündete. Keine Angst gehabt? „Damit kann man fertig werden. Wenn die Angst kommen wollte, hab ich zu ihr gesagt: Hau ab!“ Das Bangen blieb seiner Ehefrau überlassen. Bei jedem gefährlichen Auftrag aufs Neue.
„Darf man das?“
Schwerer zu verdauen gewesen sei die Hilflosigkeit, sagt er. „Ich war bei den Unruhen in Panama. Da lag ein verletzter Mann auf dem Platz. Er trug einen Trenchcoat und rief um Hilfe. Aber ich konnte nichts tun. Ich blieb hinter einem Auto in Deckung, um nicht in die Schüsse der Polizei zu geraten. Doch ich wollte die Stimme des Mannes einfangen, also hat sie unser Tontechniker mit dem Richtmikrofon aufgenommen.“ Nun übertönt sie aber das bedrohliche Wummern des Helikopters, der in der Luft kreist. Doch Hutterer will auch das. Kurzerhand stellt er das Schlagen der Rotorblätter später nach, indem er sich auf die Brust klopft. „Darf man das, ist das legitim?“, fragt er sich heute. „Ich weiß es nicht“, lautet seine Antwort. Das mit dem humanistischen Gymnasium in Pirmasens, seinem Geburtsort, habe nicht geklappt, weil er zu viel hinterfragt habe, sagt Hutterer: „Die Schule, ihre fragwürdigen Moralvorstellungen und ich, wir haben einfach nicht zusammengepasst.“ Stattdessen zog es ihn zur Fotografie. „Vielleicht ein Erbe meines Großvaters. Seine Wohnung war ein einziges Fotolabor. Leider habe ich ihn nicht mehr kennengelernt. Er starb, als ich zur Welt kam. Aber ich scheine viel von ihm zu haben. “
Den Pass manipuliert
Das Fotografieren wollte er bei Otto Steinert in Saarbrücken lernen. Der Leiter der Fotoklasse an der Staatlichen Saarländischen Schule für Kunst und Handwerk hatte sich einen Namen als einer der bedeutendsten Lehrmeister der Nachkriegszeit gemacht. „Mit meinen fünfzehn oder sechzehn Jahren war ich eigentlich zu jung, um aufgenommen zu werden. Also habe ich kurzerhand das Geburtsdatum in meinem Pass manipuliert und mich ein Jahr älter gemacht.“ Von Steinert habe er das Sehen gelernt, und intuitiv an eine Sache heranzugehen. „Ich habe die Kamera oft nicht am Auge gehabt, sondern sie wie ein Implantat empfunden und sie so gehalten, wie ich die Situation gerade gefühlt habe.“
Sein Durchbruch: Die Tänzer in Kamerun
Auch in Kamerun, wohin Steinert seinen Schüler mit einem Team schickte, um Einheimische bei ihren Tänzen zu filmen. Anders als der Kameramann montierte Hutterer seine Kamera nicht auf dem Stativ, sondern ging mit ihr unter die Menschen. Die Aufnahmen seien unmittelbar gwesen, kraftvoll und hätten den Chefkameramann staunen lassen. „Er meinte anschließend, solche Bilder habe er noch nie gesehen. Das war mein Durchbruch.“ Dieser führte ihn kurz ans Institut für Bildjournalismus nach München, dann zu einer Agentur in Paris. Dort lernte er einen Mann kennen, der ihn als PR-Fotografen zur Firma AEG brachte. Hutterer bewarb die erste beheizte Straße Deutschlands, die Zufahrt zum Landtag in Stuttgart, mit einem Koch, der einem Mädchen ein Spiegelei serviert. Aber er blieb nicht lange. „Es war nicht in meinem Sinn, das Geld eines Großkonzerns zu vermehren.“ Nach einem kurzen Abstecher zum Adenauer-Fernsehen, einer Art staatsgelenktem Fernsehen, das der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer 1961einführen wollte, aus dem aber nichts wurde, kam Hutterer 1962 zum ZDF. Der Sender war damals ein Jahr alt. Es wehte Pioniergeist, wie Hutterer erzählt: „Das war eine schöne Zeit, gute Arbeit wurde damals noch anerkannt.“ Doch die Zeit brachte auch viel Schwerverdauliches mit sich.
Spuren des Krieges
Die wohl größten Spuren bei dem Kameramann hinterließ der Vietnamkrieg. Drei Dokumentationen führten Hutterer an den Brennpunkt der Weltpolitik. In einem Wald bei Da Nang geriet er 1970 mit drei anderen Kriegsberichterstattern zwischen die Fronten. Mitten in der Nacht vom Vietkong überrascht, flogen Raketen über die Männer hinweg: „Ich höre noch heute ihr Zischen. Es war das erste Mal, dass ich Krieg so hautnah erlebt habe.“ Eine andere Schreckensseite des Krieges wird ihm in Da Nang vor Augen geführt. Ein Mädchen sucht alle Krankenhäuser nach seinem Bruder ab und findet ihn schließlich auf der „Helgoland“, dem deutschen Hospital-Schiff,. „Der Junge war blind, hatte beide Beine verloren, seine Hoden waren zerrissen – alles durch Minen“, erzählt Hutterer. Er nimmt Verbindung mit dem Mädchen auf, versucht sein Vertrauen zu gewinnen, um die Begegnung der beiden dezent filmen zu können.
Aufwallende Emotionen
Was die Geschwister miteinander reden, erfuhr er erst später in Saigon, als die Aufnahme übersetzt wurde. Und es nahm ihn schwer mit, wie er sagt. „Der Junge bat seine Schwester, ihm noch mal ein Stück von dem Kuchen mitzubringen, der ihm so gut geschmeckt hat. Aber das Mädchen hatte kein Geld mehr. Ihm fehlten läppische fünf Piaster, während wir abends an der Bar für einen Longdrink das Zwanzigfache ausgaben. Am liebsten wäre ich zurückgefahren, um dem Mädchen Geld zu geben. Aber das ließ sich nicht machen.“ Beim Erzählen bricht sich das Erlebte Bahn. Der 81-Jährige muss schlucken, eine kurze Pause machen, die aufwallenden Emotionen verdauen. „Manchmal kochen die Erinnerungen so stark hoch, dass ich weinen muss. Einfach so, mitten beim Mittagessen. Meine Familie kennt das schon.“
Begegnungen mit einer Ikone
Zu seinen Einsätzen flog Hutterer seit Anfang der 1970er-Jahre meist von Kalifornien aus. Dorthin hatte er seinen Zweitwohnsitz verlegt, sein Auch-Zuhause, wie er es nennt. „Ich mag die Mentalität und die weniger bürokratische Arbeitsweise der Amerikaner. Außerdem herrschte dort damals noch ein Pionierdenken, das in Deutschland langsam verloren ging.“ In Saigon waren Hotels sein Zuhause. Hier trafen sich die Presseleute. Sie saßen auf der Terrasse des „Majestic“ oder des „Continental“, wo Graham Greene sein Buch „Der stille Amerikaner“ schrieb, und hämmerten ihre Frontberichte in die Schreibmaschine. „Dabei waren die wenigsten je an der Front gewesen. Viele fuhren abends an die Stadtgrenze und filmten die Konvois. Ein deutscher Korrespondent zog sich dafür extra eine blutbefleckte Weste an.“ Im Jahr 1972 geht ein Foto des vietnamesisch-amerikanischen Fotografen Nic Ut um die Welt. Es zeigt Menschen, die panisch aus Trang Bàng fliehen, nachdem südvietnamesische Truppen aus US-Skyraidern Napalmbomben über dem Dorf abgeworfen hatten. Unter den Flüchtenden ist ein Mädchen. Es schreit, ist nackt, seine Kleider und sein Arm sind von dem flüssigen Brennstoff verbrannt. Das Mädchen ist neun Jahre alt und heißt Kim Phúc.
„Wir haben uns langsam angenähert“
„Ich war damals nicht dabei, aber ich habe Kim Phúc 1988 bei einer Veranstaltung im Stadion von Havanna getroffen. Wir haben uns langsam angenähert. Als ich ihr erzählte, dass ich zwei Jahre vor dem Angriff auf ihr Dorf ebenfalls in Skyraidern mitgeflogen bin, habe ich damit gerechnet, dass sie mich bespuckt. Aber sie hat es nicht getan. Sie hat ihre Vergangenheit bewältigt, empfindet keinen Hass. Wir haben lange miteinander geredet, uns gedrückt und noch nebeneinander gesessen, als die Lichter im Stadion längst gelöscht waren.“ Später haben sich beide noch einmal in Kanada getroffen, erzählt Hutterer, wo Kim Phúc mit ihrem Mann seit 1992 lebt. Von dem eigenen Schicksal dazu angetrieben, hat sie die Kim Phúc Foundation gegründet.
Erst viel erzählt, dann nichts mehr
Wenn ich zurückkam, habe ich zuerst viel erzählt, dann nichts mehr. Man muss das mit sich selbst abmachen“, berichtet Hutterer von seiner Strategie der Verarbeitung, an der er bis heute zu knabbern hat. Das gilt auch für den Tag in Nordirland, wo in Hutterers Hotel eine Bombe explodierte, die seine Kameraausrüstung zerstörte. „Zum Glück waren die Aufnahmen schon auf dem Weg nach Deutschland“, erzählt er. Und es gilt für die Unruhen auf Haiti, als eine Bombe Kinder zerfetzte, sich Mütter darüber warfen, Menschen vor den Schusssalven panisch davonrannten und die Menge sich von hinten auf den Kameramann drückte. All das bannte Hutterer auf Zelluloid, auf seine ganz eigene Art, mit der er die Zuschauer ins Geschehen mit einbeziehen will: „Wenn das Bier schal und die Brezel trocken wird, habe ich mein Ziel erreicht.“
Mehrere Grimme-Preise
Für seine Filme erntete er Anerkennung, auch mehrere Grimme- und Deutsche-Kamera-Preise. So schrieb die „New York Times“: „Es fällt schwer, angesichts solcher Aufnahmen den Glauben an die Menschheit nicht zu verlieren.“ Die „Süddeutsche Zeitung“ schwärmte: „eindrucksvoller als alle Anti-Kriegsfilme zusammen.“ 2012 bekam Hutterer seinen Stern auf dem Boulevard der Stars in Berlin. All das habe ihm nicht wirklich behagt, wie er sagt, vor den Preisverleihungen habe er sich gern gedrückt. „Weil Lobreden, von denen man nicht weiß, was davon ehrlich gemeint ist, Smalltalk und das ganze Drum und Dran nicht mein Ding sind. Außerdem war ich ja nie alleine unterwegs, sondern mit Regisseur, Kameraassistent und Tontechniker. Ich mag kein großes Aufhebens um meine Person.“
Abschied vom ZDF
1992 verabschiedet er sich vom ZDF: „Weil es nicht ungestraft bleibt, wenn man immer wieder mit dem Kopf gegen dieselbe Wand rennt.“ Vom Zweitwohnsitz in Kalifornien ins nordpfälzische Schönborn umgesiedelt, verläuft sein Leben in ruhigeren Bahnen. Mitgebracht hat er seine US-Oldtimer-Sammlung, die sich kürzlich nach dem Verkauf eines 46er Nash Ambassador auf vier schnittige Karossen reduziert hat. Ist er stolz darauf? „Nein“, Carl F. Hutterer schüttelt energisch den Kopf. „Stolz bin ich nur auf eine Tat, dass ich einem Mann am Mount Aso in Japan das Leben gerettet habe“, sagt er, und sein Ton macht deutlich, dass Nachfragen in diesem Fall überflüssig ist.