Rheinland-Pfalz „Blaues Wunder“ mit Zacken
«Mainz». Ihr leuchtendes Blau verzaubert die Besucher und taucht die Kirche in eine geradezu mystische Stimmung: Die Mainzer St. Stephans-Kirche ist die einzige Kirche in Deutschland, für die der berühmte Maler Marc Chagall die Fenster schuf. Nun ehrt das Bundesfinanzministerium den Maler und sein Werk: Die diesjährige Weihnachtsbriefmarke zeigt eine Madonna mit Kind aus den Fenstern der Mainzer St. Stephanskirche.
„Das Motiv der Briefmarke fasst das Geheimnis von Weihnachten im Bild und bringt es mit der Post zu vielen Menschen nach Hause“, sagte der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf gestern bei der Vorstellung der Marke in Mainz. Vielen Menschen sei die christliche Botschaft von Weihnachten heute gar nicht mehr vertraut, Mitmenschlichkeit aber eng mit dem Weihnachtsfest verbunden. Seit fast 50 Jahren kreiert das Bundesfinanzministerium zur Weihnachtszeit eine eigene Briefmarke, deren Erlös Wohlfahrtsverbänden zugute kommt. Die 70-Cent-Briefmarke ist dafür mit einem Zusatzerlös von 30 Cent versehen, das Geld geht in diesem Jahr an die Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege. Sechs Millionen Exemplare wurden gedruckt, als Motiv wählte der Bund in diesem Jahr das Motiv „Maria mit dem Kinde“ von Marc Chagall aus, das der Künstler Detlef Behr für die Briefmarke grafisch umsetzte. Es war vor genau 40 Jahren, als die ersten blauen Fenster Chagalls in St. Stephan eingesetzt wurden. „Das blaue Wunder von Mainz“ nannte es derjenige, der es ins Rollen brachte: Montsignore Klaus Mayer, damals Pfarrer von St. Stephan, überredete den Maler persönlich zu der Arbeit. Die kleine gotische Hallenkirche aus dem 13. Jahrhundert war im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt worden, noch in den 1960er-Jahren fehlten der Kirche schmückende Fenster. Mayer bekam zwei Bücher über Marc Chagall in die Finger und beschloss: Nur er komme für eine Gestaltung der Fenster infrage. Doch der jüdische Künstler, der in Südfrankreich lebte, hatte nach dem Holocaust geschworen, nie wieder wolle er für Deutschland arbeiten. Mayer schrieb 1973 einfach mal einen Brief, und er blieb hartnäckig: Fünfeinhalb Jahre, 54 Besuche und zahlloser Briefe bedurfte es, bis Chagall einwilligte – im Dezember 1976 meldete ein Brief nach Mainz: Der Maler arbeite am ersten Fenster für St. Stephan. Es war die Vision, ein Zeichen der deutsch-jüdischen Versöhnung zu setzen, die Chagall am Ende überzeugte. Neun Fenster schuf der Maler für St. Stephan, das erste wurde am 23. September 1978 übergeben, das letzte nur wenige Monate vor Chagalls Tod im März 1985. Es wurde Chagalls größtes zusammenhängendes Glaskunstwerk an einem Ort, fast 180 Quadratmeter groß. Bis zum Jahr 2000 schuf Chagalls Schüler Charles Marq nach den Entwürfen des Meisters 19 weitere Kirchenfester und vollendete so das Gesamtkunstwerk von 28 blauen Fenstern. „Es war ein Wunder, und ich durfte mitspielen“, sagte Mayer einmal. Dieses Wunder von Mainz mit seiner Botschaft wird nun dieses Jahr mit der Weihnachtspost in alle Welt getragen.