Mainz
Auf Autobahn überfahren: „Mainzer Wolf“ wird fürs Museum präpariert
Die Autobahn bei Mainz wurde ihm zum Verhängnis: Auf der Suche nach einem neuen Revier geriet ein junger Wolf Mitte Januar unter die Räder. Jetzt soll das Tier bis Ende des Jahres im Naturhistorischen Museum Mainz präpariert und dann ausgestellt werden. „Das ist unser Mainzer Wolf“, sagt Museumsdirektor Bernd Herkner. Der am 16. Januar tot aufgefundene Wolf habe eine besondere Geschichte, die das Museum authentisch vermitteln könne.
Tier kam aus dem norditalienischen Alpenraum
Für die Präparatorinnen Sylva Scheer und Bettina Henrich begann die Geschichte damit, dass sie das tote Tier Anfang Februar zu den Experten des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung nach Berlin brachten. Die Untersuchungen ergaben, dass der Wolf mit der Eingangsnummer GW1478m etwa zwei Jahre alt wurde und aus dem norditalienischen Alpenraum kam. „Er ist dunkler und weniger robust als die Wölfe aus Russland oder Polen“, erklärt Scheer. Die Untersuchung des Mageninhalts habe ergeben, dass er noch ein Rehkitz verspeist habe, bevor er überfahren worden sei.
Fell wird in Gerberei aufgearbeitet
Auf der Rückfahrt brachten die Mitarbeiterinnen des Naturhistorischen Museums das Fell zu einer Gerberei in der Nähe von Leipzig. Bis Mai soll es dort haltbar und besonders geschmeidig gemacht werden – um dann der Dermoplastik übergezogen zu werden, die Sylvia Scheer jetzt vorbereitet. Dazu werden auch hälftige Abgüsse des abgebalgten Tierkopfes angefertigt, die dann zusammengefügt und mit dem Kunststoff Polyurethan (PU) ausgeschäumt werden.
Für die weitere Formung der Plastik wurde der Körper fotografiert und vermessen. „Dann fängt es an, kreativ zu werden“, erklärt Scheer. Die hohe Kunst der Tierpräparatoren besteht darin, die Dermoplastik in einer bestimmten Haltung zu gestalten und dabei die Muskelanspannung zu simulieren: „Welcher Muskel ist fülliger, welcher gestreckter?“
Der präparierte Wolf soll freundlich ausschauen
Museumsdirektor Herkner wünscht sich den präparierten Wolf in einer möglichst freundlichen Haltung – auch um das Image vom bösen Raubtier zu revidieren. Aber entschieden ist noch nichts, und Herkner weiß: „Präparatoren sind Handwerker und Künstler, sie müssen ihren eigenen Weg entwickeln.“
Bisher 27 Wolf-Nachweise in Rheinland-Pfalz
Einen Wolf in laufender Haltung gibt es schon in einer Vitrine des Naturhistorischen Museums – dieser kommt ebenfalls aus der italienischen Alpenregion und wurde 2012 von einem Jäger im Westerwald illegal erschossen. Er war der erste Wolf, der nach mehr als 100 Jahren wieder in Rheinland-Pfalz gesichtet wurde. Mit dem „Mainzer Wolf“ stieg die Zahl der bestätigten Nachweise in diesem Bundesland auf 27, wobei es für einige Tiere mehrere Nachweise gibt.
Persönliche Beziehung zum Tier wichtig
An ihrem Arbeitsplatz in der kleinen Werkstatt des Museums beginnt Sylvia Scheer mit der Arbeit am Kopf des „Mainzer Wolfs“. Die für die Berliner Untersuchungen entfernte Kaumuskulatur hat sie mit Ton aufmodelliert und passt nun die genauen Maße sorgfältig an. Achtsam blickt sie den Schädel an. „Um das Tier möglichst natürlich darstellen zu können“, muss man eine persönliche Beziehung zu ihm entwickeln“, erklärt die 32-Jährige. Deswegen sei es für sie auch eine Überwindung, mit einer Nadel in den Augapfel zu stechen, um diesen mit Wasser aufzufüllen. Das fertige Präparat bekommt dann später Glasaugen.
In der Werkstatt riecht es unangenehm und die Arbeit ist manchmal blutig. Aber Sylvia Scheer ist mit Freude dabei: „Es macht den Reiz unseres Berufs aus, dass wir uns in dieser Arbeit die ganze Vielfalt der Tierwelt erschließen können.“ Sie misst die Kopfproportionen und studiert die Beschaffenheit der großen Fangzähne und der Backenzähne. „Wir tauchen mit unserer Arbeit tief in das Leben eines Tieres ein.“ Neben der Dermoplastik soll auch ein Skelettpräparat angefertigt werden. Wo die Wolfsknochen dafür mazeriert, das heißt von Geweberesten und Fetten befreit werden können, ist noch nicht geklärt – in der kleinen Werkstatt des Museums fehlt es dafür an der nötigen technischen Ausstattung.
Wie der Wolf in die Sackgasse geriet
Das Naturhistorische Museum der Stadt Mainz wurde lange umgebaut und ist erst seit September vergangenen Jahres wieder geöffnet. Zu seinem Bildungsauftrag gehört es, das Bewusstsein für den Wert der natürlichen Vielfalt zu fördern, ebenso wie das Verständnis für die Bedeutung des Menschen als Teil der Natur. „Beim Wolf ist es für uns wichtig, die Distanz abzubauen“, sagt Herkner. „Zu dieser Säugetierart kursieren so viele falsche Vorstellungen.“ Das fange schon mit Begriffen wie Rudel oder Leitwolf an. Der Wolf lebe ebenso wie andere Tiere oder der Mensch in Familienverbänden. „Der Mainzer Wolf musste aus dem Familienverband raus und sich ein Gebiet suchen, in dem er eine neue Familie gründen könnte. Das Rhein-Main-Gebiet wurde für ihn zur Sackgasse.“
Die Frage des Überlebens: Sind Wölfe lernfähig?
Der Biologe hält es für möglich, dass sich künftig immer mal wieder Wölfe ins dicht besiedelte Rhein-Main-Gebiet verirren könnten. In Hessen wurden in diesem Jahr bereits zwei Wölfe tot aufgefunden, in der Nähe des Wiesbadener Ostbahnhofs und in Frankfurt-Sachsenhausen. „Ich hoffe, dass sie lernfähig sind und dann solche viel befahrenen Straßen meiden.“