Mainz
Ahrtal-Wehrleiter: „Ich habe Rotz und Wasser geheult“
Sie war gerade 19 Jahre alt, die junge Feuerwehrfrau, die am Nachmittag des 14. Juli 2021 auf dem Campingplatz Stahlhütte in Dorsel an der Ahr zu einer älteren Frau in den Wohnwagen stieg, um bei ihr zu bleiben, bis weitere Helfer kamen. Die Frau war bettlägerig und konnte sich selbst nicht mehr retten, während sich andere Camper angeleitet von der Feuerwehr in Sicherheit brachten. Aber dann flog die Tür zu, vor den Augen der Feuerwehrkameraden riss das Wasser den Wohnwagen fort.
Sechs Kilometer flussabwärts ist später die Leiche der bettlägerigen Frau geborgen worden – und auch jene der Feuerwehrfrau. Dieter Merten stockt die Stimme, als er das schildert. Der ehrenamtliche Wehrleiter der Verbandsgemeinde Adenau ist am Freitag Zeuge in der Sitzung des Untersuchungsausschusses Flutkatastrophe des Landtags in Mainz. Die elf Abgeordneten versuchen seit Januar, die Ereignisse rund um den 14. und 15. Juli zu einem Bild zusammenzufügen, und sie fragen nach der politischen Verantwortung.
Falscher Campingplatz
Der Campingplatz Stahlhütte war zuletzt im April Thema im Untersuchungsausschuss, als unter anderem der Landes-Innenminister Roger Lewentz, Innenstaatssekretär Randolf Stich (beide SPD) und der Präsident der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) Trier als Zeugen aussagten. Damals entstand der Eindruck, dass auf jenem Campingplatz auch schon 2016 beim sogenannten Jahrhunderthochwasser an der Ahr Einsätze der Luftrettung nötig gewesen seien. Deshalb sei die Nachricht eines Helikoptereinsatzes alleine kein Grund gewesen, um von einer Katastrophe ungeahnten Ausmaßes auszugehen, hieß es.
Nach einigen Aussagen am Freitag, unter anderem der des Campingplatzbetreibers selbst, handelte es sich fünf Jahre zuvor aber wohl um eine andere Anlage ihm Ahrtal. Doch vergangenes Jahr war es in Dorsel, wo die ersten Menschen am 14. Juli gegen 17 Uhr auf dem Campingplatz vom Wasser so eingeschlossen waren, dass für sie eine Bergung nur aus der Luft möglich war. Eindrücklich schilderte Tobias Michels, Notfallsanitäter der Air Rescue Nürburgring, wie es gelungen ist, fünf Menschen und einen Hund auf eine äußerst unkonventionelle Art aus dem Wasser zu bergen. Denn ohne Seilwinde ist der Hubschrauber dafür eigentlich ungeeignet.
An Gurten durchs Wasser gezogen
Doch gemeinsam mit den Feuerwehrkräften vor Ort fand die Helikopterbesatzung eine Möglichkeit. „Der Notarzt und ich haben uns in den Sitzen festgeschnallt, haben noch einmal Feuerwehrgurte angelegt und diese untereinander verbunden. Dann haben wir die Feuerwehrleinen und Gurte nach unten gegeben und die Menschen durch das Wasser an einen sicheren Ort gezogen. Wir hatten jeder ein Messer dabei.“ Denn wenn sich etwas verhakt hätte, hätten sie die Verbindung zerschnitten. Aber das war nicht nötig.
Nur die junge Feuerwehrfrau, deren Vater ebenfalls mit im Einsatz war und noch einmal gebeten hatte, nach ihr zu suchen, konnte nicht mehr ausfindig gemacht werden. Am Rand der U-Ausschusssitzung auf seinen Einsatz angesprochen, sagte Michels: „Ich habe nur meinen Job gemacht.“ Nach dem Einsatz entdecken die zuvor alarmierten Höhenretter aus Hessen noch einen Mann auf dem Campingplatz, den sie aufnahmen, bevor sie weitere Menschen im Ahrtal bargen.
Hauptwohnsitz Campingplatz
Was sich zuvor abgespielt hatte, schilderte Melanie Ulrich, die Wehrführerin der Feuerwehr Antweiler, vor dem U-Ausschuss. Auf dem Campingplatz sei ihr eine Frau mit Taschen entgegengekommen, die gesagt habe, dass der Betreiber das Hochwasser nicht ernst nehme. Diesen Eindruck hatte Melanie Ulrich nach ihren Worten auch selbst gewonnen. Er sei mit einem Baum beschäftigt gewesen, der an einer Brücke gehangen habe. „Aber der Baum war gerade so unwichtig, die Leute mussten raus“, sagte sie. Den weiteren Verlauf verfolgte sie nicht mehr, weil sie von der Feuerwehr Barweiler abgelöst wurde und zurück nach Antweiler fuhr, wo sie mit ihren Kameraden nach der Rückkehr Menschen evakuiert habe.
Als Campingplatzbetreiber Mario Frings gegen 17 Uhr auf dem Zeugenstuhl Platz nimmt, hören die Mitglieder des Untersuchungsausschusses eine ganz andere Geschichte. Der 47-Jährige sagt, er habe außer jener, die ums Leben gekommen sei, gar keine Feuerwehrfrau auf dem Campingplatz gesehen. Er selbst sei wegen des Wassers an dem Tag der Flut gegen halb vier auf die Anlage Stahlhütte gerufen worden, wo 41 Personen ihren Erstwohnsitz gehabt hätten. „Sie wohnten in Mobilheimen, heute sagt man Tiny Houses“, sagte Frings.
Keine Hilfe vom Land
Er sei eine erste Runde über den Campingplatz gegangen, habe geschaut, welche Leute noch in den Objekten gewesen seien, und er habe sie aufgefordert, den Campingplatz zu verlassen. „Aber das haben nicht alle gemacht.“ Bei seiner zweiten Runde sei das Wasser von zunächst zwei Zentimetern bereits auf 25 Zentimeter angestiegen. „Als ich von dieser Runde kam, nahm der Wahnsinn schon seinen Lauf.“ Die Feuerwehr sei da gewesen und habe die Lage übernommen. Schnell sei auf den Wegen und auf der Straße das Wasser in 40 bis 50 Zentimetern Höhe ein reißender Strom gewesen.
Die Feuerwehr im oberen Ahrtal war an diesem Tag schon seit etwa 13 Uhr im Einsatz. Eine Warnung vor der Katastrophe hatte niemanden erreicht. „Um 15.25 Uhr kam die erste Pegelprognose. Da waren wir schon zwei Stunden im Einsatz“, sagte Merten. Der 59-Jährige arbeitet als gelernter Straßenwärter beim Landesbetrieb Mobilität (LBM), Wehrleiter ist sein Ehrenamt. Nach der Flutnacht vom 14. auf den 15. ist er erstmals am 16. Juli um vier Uhr nach Hause gegangen. Doch schlafen habe er nicht können. „Ich habe um halb sechs auf dem Bett gesessen und Rotz und Wasser geheult.“
Es habe ihn beschäftigt, wie die Menschen an Frischwasser kommen, wie sie versorgt werden. Keine Hilfe habe er vom „Heiligen Berg“ erhalten. So wurde die vom Land eingerichtete Einsatzzentrale genannt.
Zur kompletten Berichterstattung über die Flut in ihre Folgen geht es hier. Vorgestellt wird zum Beispiel der Pfälzer Chefaufklärer der Katatstrophe.