Rheinland-Pfalz
5. Januar 1985: Landespolitiker als Juwelenräuber verhaftet
Skandal um einen Juwelenraub: Am 5. Januar 1985 beginnt der tiefe Fall eines rheinland-pfälzischen Politikers. Von Komplott-Theorien, teuren Teppichen und zwei Ringen in einem Schweizer Banksafe.
Die Story könnte einen abendfüllenden Krimi abgeben: Ehemals führender rheinland-pfälzischer Landespolitiker und ehemals einflussreicher Wirtschaftslobbyist überfällt mit vorgehaltener Waffe ein Juweliergeschäft – so jedenfalls urteilt später ein Gericht. Der Mann, dessen Namen wir hier aus presserechtlichen Gründen nicht nennen, hat immer seine Unschuld beteuert. Sein tiefer Fall begann am 5. Januar 1985.
Verhaftung in der Vorderpfalz
An dem Tag wurde er in seinem Haus in der Vorderpfalz verhaftet. Der Vorwurf: Er habe wenige Tage zuvor in den Baden-Badener Kurhaus-Kolonnaden ein Juweliergeschäft überfallen und Schmuck und Uhren im Verkaufswert von rund 2,6 Millionen Mark erbeutet. Ein vornehmer Herr sei schon einige Male vorher im Geschäft aufgetaucht und habe nach Schmuck gefragt, sagte der Sohn des Juweliers. Am Tag des Überfalls aber zog der Vornehme einen Revolver, fesselte den Juwelierssohn und dessen Freundin, schlug beide mit dem Revolverknauf auf den Hinterkopf und schrie: „Eigentlich müsste ich euch umbringen!“ Wenn sie aber zehn Minuten lang ruhig blieben, passiere ihnen nichts. Dann fiel noch ein Schuss, die Kugel ging in die Wand.
Herr mit Brille und honorigem Ruf
Räuber stellt man sich gemeinhin in Skimaske und mit einschlägiger Knasterfahrung vor – nicht als gut gewandete bebrillte Herren von honorigem Ruf mit Kunstverstand und edlen Teppichen daheim. „Unmöglich“, meinten denn auch viele, als der vornehme Herr verhaftet wurde. Sie hatten ihn als rheinland-pfälzischen Landtagsabgeordneten gekannt, der sogar zum FDP-Landesparteichef aufstieg – und auch als über viele Jahre angesehenen Vertreter eines Wirtschaftsverbands.
Hohe Schulden drückten
Das Gericht, das ihn am Ende eines monatelangen Indizienprozesses zu acht Jahren Haft verurteilte, hatte sich von etwas Anderem überzeugen lassen. Der Juwelierssohn hatte den Herrn wiedererkannt, zwei Ringe aus der Beute waren in einem Schweizer Banksafe des Herrn aufgetaucht und überdies besaß er einen Revolver wie den, aus dem geschossen wurde. Zum Zeitpunkt des Überfalls hatte der vornehme Herr, der gern auf großem Fuß lebte, auch keine hohen Ämter mehr, sondern hohe Schulden. Der Wirtschaftsverband hatte sich schon geraume Zeit zuvor von ihm getrennt, den Vorsitz seiner Partei hatte er wenig später niedergelegt und im Landtag saß er auch nicht mehr.
Unschuld stets beteuert
Bis zuletzt hat der Herr seine Unschuld beteuert. Ein sich erst als Kaufinteressent für edle Teppiche ausgebender mysteriöser Mann habe versucht, brisante Verbandsinterna aus ihm herauszupressen, die der Herr sorgsam in einem roten Schnellhefter in einem Banksafe aufbewahrte. Der Erpresser habe einen Doppelgänger auf Raubzug geschickt, um dem Herrn zu schaden. Die Ringe aus der Beute: ahnungslos von jemandem angekauft, der sich als Verwandter eines Bekannten ausgab ... Der Prozess war voller spannender Volten, mit unauffindbaren Zeugen und anderen, die plötzlich aus dem Nichts auftauchten. Der vornehme Herr ließ nichts unversucht, bis hin zu einem – gescheiterten – Antrag auf ein Wiederaufnahmeverfahren Jahre später. „Ich will meine weiße Weste wiederhaben“, sagte er damals. Er hat sie nicht bekommen.