Porträt RHEINPFALZ Plus Artikel Kandidat für CDU-Vorsitz: Merkels Mann für alle Fälle

Die Pandemie machte Helge Braun bundesweit bekannt.
Die Pandemie machte Helge Braun bundesweit bekannt.

Kanzleramtsminister Helge Braun hat seine Kandidatur für den CDU-Vorsitz angekündigt. Bisher wurden vor allem Friedrich Merz und Norbert Röttgen als mögliche Nachfolger von Armin Laschet gehandelt.

Neulich, bei der konstituierenden Sitzung des Bundestages, hat er sich noch nicht in die Karten schauen lassen. Da saß Helge Braun auf einer Couch hinter dem Plenarsaalausgang und erzählte, das desaströse Unionswahlergebnis inzwischen verdaut zu haben. Zu seinen eigenen Plänen äußerte sich der Chef des Bundeskanzleramts nur mit einem Franz-Beckenbauer-artigen Schaun-mer-mal.

Inzwischen hat sich der 49-Jährige sortiert und geht als Überraschungskandidat ins Rennen um die Nachfolge des gescheiterten CDU-Vorsitzenden Armin Laschet. Offiziell wird Braun das diesen Freitag bestätigen, an dem Sitzungen der hessischen Landes-CDU und seines Kreisverbands in Gießen anstehen.

Bundesminister für besondere Aufgaben

Kaum jemand steht mehr für den innerparteilich umstrittenen Kurs von Langzeitkanzlerin Angela Merkel, die selbst vom Jahr 2000 bis 2018 CDU-Chefin war. Acht Jahre lang hat Braun eng an ihrer Seite gearbeitet, erst als für die Bund-Länder-Beziehungen verantwortlicher Staatsminister, dann als „Chef des Bundeskanzleramtes und Bundesminister für besondere Aufgaben“.

Unter Merkel war das wörtlich zu nehmen. Braun musste nicht nur zwischen roten und schwarzen Ministerien vermitteln, als es in der Groko bei der Grundrente, beim Klimaschutzgesetz oder dem Teilabbau des Soli zwischenzeitlich hakte. Wenn es brannte, setzte die Kanzlerin auf den ruhigen Hessen, der pausenlos koordinierte und in Krisensitzungen an seinem Laptop Kompromisse formulierte – nicht zuletzt in der Pandemie.

In der Rolle als Deutschlands Oberarzt

Corona hat ihn einem breiteren Publikum bekannt gemacht. Er war es, der mit den Staatskanzleien der Länder zahllose Ministerpräsidentenkonferenzen vorbereitete und Merkels Wünsche in den Beschlussvorlagen nicht zu kurz kommen ließ. Als am Klinikum seiner Heimatstadt Gießen ausgebildeter Intensivmediziner war er prädestiniert für die Rolle als Deutschlands Oberarzt in der Pandemie.

Während seine Expertise und politischen Managementfähigkeiten weithin anerkannt sind, ist Helge Braun bisher jedoch noch nicht als eingefleischter Parteipolitiker aufgefallen, der als Redner die christdemokratischen Massen begeistern könnte. Sein Direktmandat in Gießen hat der Basketballfan nicht verteidigen können.

Sticheleien von Friedrich Merz

Wenig überraschend kam aus dem Lager des mutmaßlichen Kontrahenten Friedrich Merz der Hinweis, dass die dahindämmernde CDU jetzt nicht auch noch einen Narkosearzt benötige. Der Hesse Braun ist dagegen der Meinung, dass es jetzt keinen konservativen 66-Jährigen Nordrhein-Westfalen zur Erneuerung der Partei braucht, die bei der ersten Bundestagswahl ohne seine Chefin seit 2005 vor allem in der Mitte verloren hat.

x