Fragen und Antworten RHEINPFALZ Plus Artikel Der erste Schritt bei der Suche nach dem deutschen Endlager für hochradioaktivem Müll

Jahrzehntelang wurde im Salzbergwerk von Gorleben gebuddelt und geforscht – jetzt ist es bei der Endlagersuche aus dem Rennen.
Jahrzehntelang wurde im Salzbergwerk von Gorleben gebuddelt und geforscht – jetzt ist es bei der Endlagersuche aus dem Rennen.

Die Hälfte der Fläche in Deutschland käme für das Wegschließen der tödlichsten Hinterlassenschaften des Atomzeitalters in Betracht – theoretisch. Was auch daran liegt, dass es nicht mehr nur um Salzgestein geht. Die letztgültige Entscheidung fällen indes nicht Geologen.

Was genau ist die Funktion des am Montag veröffentlichten Zwischenberichts der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE)?
Man kann das Ergebnis dieses Berichts so formulieren: Anhand der vorhandenen geologischen Daten ist eine Karte Deutschlands erstellt worden, aus der ersichtlich wird, welche Gebiete nicht für ein Endlager in Frage kommen. Umgekehrt gilt natürlich: Die verbliebenen Gebiete haben dazu Potenzial, sie müssen aber erst noch intensiver untersucht werden.

Welche Kriterien liegen dem Zwischenbericht zugrunde?
Es ging den Verfassern zufolge um rein geologische Faktoren: also geeignete Gesteinsarten und deren Dicke (Mächtigkeit). Berücksichtigt wurden auch die Gefahren durch Erdbeben oder Vulkanismus. Ausgeklammert wurde zunächst, was sich über einem solchen geologisch interessanten Gebiet befindet – etwa eine Stadt. Beispiel: Bremen liegt auf einem mächtigen Salzstock. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird Bremen aber in einem der nächsten Verfahrensschritte herausgenommen, da wohl niemand ein Atommüll-Endlager unter einer Großstadt errichten will. Weil die Kriterien in diesem ersten Schritt der Endlagersuche dermaßen einseitig gefasst sind, ist in dem jetzt veröffentlichten Bericht rund die Hälfte der Landesfläche Deutschlands als potenziell geeignet ausgewiesen.

Was ist die BGE, die Bundesgesellschaft für Endlagerung, überhaupt?
Nach der Atomkatastrophe im japanischen Fukushima im Jahr 2011 beschloss die damalige schwarz-gelbe Bundesregierung unter Kanzlerin Angela Merkel (CDU) den (erneuten) Ausstieg aus der Atomkraft. Im Zuge des Prozesses wurden auch die Atombehörden neu aufgestellt. Die BGE mit Sitz in Peine ist 2016 gegründet worden. Eine ihrer gesetzlichen Aufgaben: die Suche nach einem Endlagerstandort für hochradioaktiven Atommüll und der Betrieb eines solchen Endlagers. Das vielen noch bekannte Bundesamt für Strahlenschutz zum Beispiel gibt es nicht mehr.

Im jetzt vorgelegten Bericht ist immer die Rede von Teilgebieten. Was versteht man darunter?
Teilgebiete sind Gebiete, in denen mit Blick auf die Lagerung hochradioaktiver Abfälle günstige Voraussetzungen erwartet werden. Manche Teilgebiete sind klein und umfassen nur einen Salzstock. Es gibt aber auch sehr große Teilgebiete, oft Tonformationen, die sich über Landkreise hinweg oder sogar über die Grenzen von Bundesländern hinweg erstrecken. Die Teilgebiete verteilen sich auf alle Bundesländer – mit Ausnahme des Saarlands.

Es ist die Rede von Salzstöcken, von Ton und kristallinem Gestein. Bis jetzt galt doch Salz als geeignetes Medium?
Der Fokus auf Salz ist spezifisch für Deutschland. In anderen Ländern zieht man oft ein anderes Medium vor – schon weil es vielleicht nichts anderes Geeignetes gibt. Oder man legt sich nicht von vorneherein fest.

Hat jedes Medium Vor- und Nachteile?
In Wahrheit ist es so: Es gibt nicht das beste Zwischenlager, sondern nur das bestmögliche – immer auch mit Blick auf die Rahmenbedingungen. Salz hat den Vorteil, dass es die Lagerbehälter – die irgendwann einmal verrotten – fest umschließt und Salz so das eigentliche Schutzmedium wird. Aber wehe, es gelangt Wasser in einen solchen Salzstock! Ton wiederum hält Wasser draußen, allerdings kann die Hitze des Mülls im Tongestein schlecht entweichen – und dann kann Ton porös werden. Granit wiederum, das kristalline Gestein, ist sehr fest und wenig wärmeempfindlich. Es neigt aber zu Rissbildung – und dann droht der Wassereinbruch.

Wie geht es jetzt weiter bei der Suche nach einem Endlager für den gefährlichsten Teil des Atommülls?
Im Prinzip läuft es so, dass die genannten Regionen genauer angeschaut werden – und kleinräumige Standorte ausgemacht werden. Der Kreis der Kandidaten soll immer weiter verkleinert werden. Bei geologisch gleichrangigen Standorten sollen in einem weiteren Schritt Kriterien wie Naturschutzgebiete, Kulturgüter oder das Vorhandensein von Wasserschutzgebieten berücksichtigt werden.

Wird die Öffentlichkeit miteinbezogen?
Ja. Dies ist die hauptsächliche Neuerung bei dieser Suche nach einem Endlager. Der Startschuss soll am 17. Oktober fallen bei einer Fachkonferenz Teilgebiete. Da können auch Kommunen ihre Fragen oder Bedenken einbringen. Unter Berücksichtigung dieser Ergebnisse soll ein Standortvorschlag für Regionen erarbeitet werden, die in Phase zwei oberirdisch erkundet werden könnten. Atomkritiker und Umweltschutzorganisationen bemängeln indes den straffen Zeitplan: Die mehrmals tagende Fachkonferenz soll sich bereits im Juni 2021 wieder auflösen, weil dann die nächsten Schritte erfolgen sollen. Bemängelt wird auch die „unzureichende“ Höhe der finanziellen Mittel, die für die Expertise unabhängiger Wissenschaftler – an die sich Bürger, Kommunalvertreter oder Umweltlobbyisten wenden können – staatlicherseits bereitgestellt wird.

Und wer entscheidet letzten Endes, wo das Endlager gebaut wird?
Letztlich wird es doch wieder politisch. Denn zum Schluss steht eine Abstimmung im Bundestag an, wo die gewählten Volksvertreter sitzen. Werden sie entlang von Parteigrenzen abstimmen – oder werden sich Abgeordnete bestimmter Regionen verbünden? Bis zum Jahr 2031, so lautet jedenfalls der Plan, soll der Auswahlprozess abgeschlossen sein. Dann könnten die Bauarbeiten beginnen. 2050 sollen die ersten Behälter im Endlager eingelagert werden.

Wo stehen die Behälter mit hochradioaktivem Atommüll jetzt?
Sie stehen in Zwischenlagern, etwa auf dem Gelände des ehemaligen Atomkraftwerks Biblis (Hessen) oder Philippsburg (Baden-Württemberg). Doch selbst wenn es bereits ein Endlager gäbe, müsste dieser Müll noch längere Zeit „abklingen“, das heißt: Hitze verlieren. Allerdings laufen die Genehmigungen für die Zwischenlagerstandorte nach 40 Jahren aus. Bedeutet: Eventuell müssen die Genehmigungen verlängert werden. Dies wirft Sicherheitsfragen auf.

Gibt es anderswo auf der Welt schon ein Endlager für hochradioaktiven Müll?
Nein. Am weitesten fortgeschritten ist die Suche in Finnland, in der benachbarten Schweiz werden drei Standorte näher untersucht. Einer davon liegt an der Grenze zu Baden-Württemberg. Finnland verfolgt – ähnlich wie Japan – das Prinzip, dass sich Regionen als Standort für ein Endlager bewerben können. Finanziell ärmere und weniger dicht besiedelte Gebiete erhoffen sich dabei staatliche Zuwendungen und Arbeitsplätze für die Einheimischen.

Wie beurteilen Gesellschaftswissenschaftler und Risikoforscher den in Deutschland eingeschlagenen Weg, mit einer (Bürger-)Beteiligung die Akzeptanz für den Endlagerbau vor Ort erhöhen zu wollen?
Manche Experten warnen vor zu hohen Erwartungen. So seien Bürgerbeteiligungen zwar durchaus geeignet, die Akzeptanz bei der Entscheidungsfindung zu erhöhen. Diese Mitrede- oder Mitbestimmungsgelegenheiten könnten aber kaum die Anerkennung für einen derart gewichtigen Entschluss erzeugen. Schließlich gehe es vielfach um Interessenskonflikte, die sich so nicht lösen ließen.

Im besten Fall, so legt es beispielsweise der Stuttgarter Technik- und Umweltsoziologe Jürgen Hampel dar, gehe es um nachvollziehbare Informationen bei der Entscheidungsfindung – aber eben nicht um die Entscheidung selbst. Die fällt im Falle Deutschlands im Bundestag.

Der Gesellschaftswissenschaftler betont: „Die Entscheidung für den Standort eines nuklearen Endlagers ist eines der am schwersten zu lösenden Probleme der Gegenwart. Dies zeigt nicht zuletzt die Liste der Länder, die dieses Problem bislang nicht haben lösen können.“

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