Rheinland-Pfalz
Ahr-Bürgermeisterin: Flut kam wie in einem „schlechten Hollywood-Schinken“
Irgendwann, sagt Cornelia Weigand, habe sie den Pfarrer von Altenahr angerufen. Das muss zwischen 20.30 Uhr und 21 Uhr am Abend des 14. Juli 2021 gewesen sein. Zu diesem Zeitpunkt, als bereits das Wasser im Rathauskeller stand, als der Strom ausgefallen war und draußen die Wogen tosten, hatte sie vor Augen, welches Unheil über ihre Gemeinde im Ahrtal hereinbrach. Und sie wusste auch, dass keine Hilfe kommen würde. Sie habe dem Geistlichen mitgeteilt, dass die letzte Hochwasserprognose bei sieben Metern liege, schildert die heutige Landrätin des Kreises Ahrweiler am Freitag im Untersuchungsausschuss Flutkatastrophe in Mainz. „Ich bin Atheistin. Aber ich habe ihm gesagt: Das Einzige, was jetzt noch helfen kann, ist beten.“
Verzweiflung liegt in diesen Worten. Noch am Morgen des Unglückstages hatte die 50-jährige parteilose Politikerin gedacht: „Wir sind glimpflich davongekommen.“ Da hatte sie den Pegel an der Brücke in Altenahr gesehen, die die damalige Verbandsbürgermeisterin jeden Tag überquerte, um von ihrem Wohnhaus auf der anderen Seite des Flusses zum Rathaus zu kommen. Um 9 Uhr sei der Pegel bei 0,9 Metern gestanden, die vorhergesagten starken Niederschläge hatten sich an der Ahr noch kaum bemerkbar gemacht. Zwölf Stunden später war die Katastrophe da.
Keine Bange vor Hochwasser
Dabei hatten sie sich vorbereitet in der Verbandsgemeinde (VG) Altenahr, berichtet Weigand. Aufgrund der Wettervorhersage vom Vortag hatten sie mit Hochwasser gerechnet – jedoch mit einem, wie es öfter mal an der Ahr vorkommt. Es habe keinen Grund zur Beunruhigung gegeben. So schildern es auch die Wehrführer der Ortsgemeinden, von Dernau, Hönningen, Ahrbrück oder Mayschoß, die am Freitag ebenfalls aussagen. Selbst als sich im Lauf des 14. Juli die Prognosen in Richtung aufs „Jahrhunderthochwasser“ von 2016 bewegten, da lag der Pegel bei 3,71 Metern, blieben die Wehrleute wie die übrige Bevölkerung weitgehend entspannt. Denn damals sei nur wenig passiert, erinnert sich VG-Wehrleiter Frank Linnarz. Es habe ein Bewohner eines Campingplatzes per Hubschrauber gerettet werden müssen, danach habe man einen „Sonderalarmplan Hochwasser“ erarbeitet.
Der sei im Vorfeld der Flut auch abgearbeitet worden, betont Landrätin Weigand. Sandsäcke wurden besorgt, gegen 15 Uhr beorderten die Wehrführer vorsichtshalber ihre Leute in die Wachen. Erste Alarme setzen sein: nasse Keller, Campingplätze, die geräumt werden sollten. Da stand der Pegel Altenahr bei 1,60 Meter, sagt Weigand: „Noch nicht dramatisch.“
Tendenz steil ansteigend
Das änderte sich rasend schnell. Um 15.30 Uhr habe sie sich mit ihrem stellvertretenden Wehrleiter die Prognose der Pegelstände am Computer angesehen: 5,50 Meter, fast das Doppelte von 2016, Tendenz steil ansteigend. Sie habe ihren Nebenmann gefragt, was sie als Verbandsbürgermeisterin nun tun könne. Und er habe gesagt: „Den Katastrophenfall ausrufen.“ Um 16.18 Uhr habe sie deswegen die Kreisverwaltung in Ahrweiler angerufen, allerdings nicht den damaligen Landrat Jürgen Pföhler (CDU) erreicht – und zudem die Auskunft erhalten, man müsse diese Angaben erst „verifizieren“: „Das war das Zeichen für mich, dass wir nichts mehr bekommen.“
Weigand versuchte selbst auf allen möglichen Kanälen, die Stimmigkeit der Prognose zu überprüfen. Gegen 17.34 bestätigte schließlich das Landesamt für Umwelt (LfU), dass die Grafik zutreffe – nur um gegen 18.25 Uhr den Wert wieder auf vier Meter zu senken. „Das konnte nicht stimmen, unser Pegel lag da schon bei vier Meter. Es war klar, dass wir weit darüber hinausschießen“, sagt Weigand. Das habe sie dem LfU-Mitarbeiter in diesem Telefonat auch „sehr deutlich“ mitgeteilt.
Verhängnis kommt schnell
Da war es aber schon zu spät. Das Wasser sei mit unvorstellbarer Geschwindigkeit angeschwollen, wie in einem „schlechten Hollywood-Schinken“. Später kam Weigand auf einen Anstieg von zwei Metern pro Stunde. Tage danach wurden als Wasserlinie an Gebäuden in Altenahr etwa zehn Meter festgestellt, der Pegel Altenahr selbst war beim Stand von mehr als 5,50 Metern abgerissen.
In den frühen Abendstunden waren sukzessive die Netze für Strom und Kommunikation ausgefallen, die einzelnen Orte abgeschnitten. So lange die Kommunikation noch funktionierte, hätten sie Hilferufe verzweifelter Menschen erreicht, sagt Weigand. Doch sie habe ihnen nur raten können, durchzuhalten: „Das war eine spezielle Situation.“
Bewegende Berichte der Wehrführer
So war es überall in der VG Altenahr. Die bewegenden Berichte der Wehrführer zeichnen das Bild von Feuerwehren, die vom Ausmaß der Flut völlig überrascht waren, die keine Vorwarnung oder Anweisungen übergeordneter Stellen erhielten, die jede auf sich gestellt war – und die ab einem gewissen Punkt nur noch zusehen konnte. „Wir haben unterschätzt, wie schnell das Wasser kommt“, sagt VG-Wehrleiter Linnarz. Ab etwa 19 Uhr sei die Lage „nicht mehr beherrschbar“ gewesen, „auch nicht mit 1000 Helfern“. Und auch die höchste Alarmstufe hätte in Altenahr wohl nichts geändert, denn die einzige Rettungsmöglichkeit, der Luftweg, sei wegen Dunkelheit und schlechten Wetters versperrt gewesen.
Um 23.42 Uhr in der Flutnacht erreichte Cornelia Weigand endlich den Landrat. Pföhler haben „erregt“ gewirkt und erzählt, dass er Hals über Kopf sein Haus habe räumen müssen. Sie habe ihn dann unterbrochen, um die Lage in Altenahr zu schildern. Von selbst habe er nicht danach gefragt. Wie der Ausschussvorsitzende Martin Haller (SPD) mitteilte, muss Pföhler vor dem Gremium erscheinen, ebenso seine Ehefrau. Beide hatten gebeten, nicht vorstellig werden zu müssen: „Der Ausschuss hat beide Gesuche auf Abladung abgelehnt.“ Beide könnten jedoch ihre Aussagen verweigern.