Rheinland-Pfalz
Ahrflut: Land schlug Hilfe aus
Die Rettung von Menschenleben war weitgehend abgeschlossen, als der Einsatz von Alexandra Römer von der Berufsfeuerwehr München im Ahrtal begann. Vier Tage nach der Flutkatastrophe waren keine Hubschrauber mit Seilwinden mehr nötig, aber Toiletten und Duschcontainer für die Bevölkerung und die vielen Helfer. Über ihren Einsatz sagte die 38-Jährige am Freitag als Zeugin vor dem Untersuchungsausschuss „Flutkatastrophe“ aus.
Sie und ihre bayerischen Kameradinnen und Kameraden kamen am späten Samstagabend, es war der 19. Juli, auf dem Gelände der Bundesakademie für Bevölkerungsschutz und Zivile Verteidigung in Bad Neuenahr-Ahrweiler an. Die Akademie liegt etwas höher und blieb deshalb vom Hochwasser verschont. In ihre Räume war bereits die Technische Einsatzleitung des Kreises Ahrweiler ausgewichen, von dort aus versuchte auch die Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion des Landes (ADD) die Folgen der Katastrophe zu bewältigen. Die Trierer Behörde, die dem rheinland-pfälzischen Innenministerium unterstellt ist, hatte die Verantwortung für den Einsatz vom Landkreis Ahrweiler am 17. Juli übernommen.
Geschulte Katastrophenschützer kennen die „S-Funktionen“
Alexandra Römer war im Stab der rheinland-pfälzischen Einsatzleitung den Kräften für die Position „S3 - Einsatz“ zugeordnet. Zu ihrer Aufgabe gehörte es – grob gesagt – zu identifizieren, welche Hilfe wo nötig ist. Es gibt im Katastrophenschutz sechs S-Funktionen, S2-Kräfte beispielsweise erstellen Lagebilder, S5-Kräfte informieren die Öffentlichkeit. In einem Leitungsstab wird auf diese Art und Weise die Arbeit sinnvoll und effizient verteilt. Geschulte Katastrophenschützer wissen auf Anhieb, was welche S-Funktion bedeutet.
In München habe sie das Glück, mit einem ebenfalls geschulten Verwaltungsstab zusammenzuarbeiten, sagte die Feuerwehrfrau. Die Mitglieder des Verwaltungsstabs leisten die politisch-administrative Unterstützung in einem Katastrophenfall. Sie sind gefordert, wenn es ums Geld geht. Zum Beispiel um die Bestellung von Toiletten, Duschkabinen oder auch Baumaschinen. Von all dem wurde viel gebraucht im Sommer 2021 im Ahrtal. Doch die Feuerwehrfrau und ihre Kollegen wunderten sich über die Organisation in Rheinland-Pfalz. Zum Beispiel darüber, dass in ihrem Postfach eine Fülle an Informationen ankam, die ihre Arbeit gar nicht betrafen. Bis Römer feststellte, dass „einzelnen Mitgliedern des Verwaltungsstabes“ eine entsprechende Schulung fehlte. „Sie wussten gar nicht, was S1 bis S6 bedeutete“, sagte die Feuerwehrfrau.
Mentalität doch sehr von der Verwaltung geprägt
Ihr Kamerad berichtete vor dem Ausschuss, der Verwaltungsstab sei zunächst nur mit zwei bis drei Personen besetzt gewesen sei. „Die Mentalität und Vorbildung war eher vom Bereich Verwaltung geprägt.“ Statt rund um die Uhr habe der Stab bis zum frühen Nachmittag gearbeitet. Bei Bestellungen habe das Bewusstsein gefehlt, dass es in Krisen schnell gehen müsse. „Wir haben versucht, deren Mindset (Denkweise) an unseres anzupassen. Das ist nicht ganz gelungen“, sagte der Helfer aus Bayern.
Defizite stellte auch Markus Hauser von der Branddirektion Stuttgart fest. Er war am 18. Juli mit der mobilen Führungsunterstützung des Landes Baden-Württemberg ins Ahrtal gekommen und sollte als Verbindungsbeamter für die mitgereisten Erkundungsteams eingesetzt werden. Doch er habe festgestellt, dass die S2-Position für die Lage „nicht adäquat besetzt“ war. Also habe er ausgeholfen – Tagebuch geführt, Lagebilder erstellt. Sein Fazit: „Wir haben beim Einsatz immer eine Chaosphase. Normalerweise dauert sie Minuten, hier waren schon Tage vergangen.“
Bundesakademie wollte helfen
Das Chaos bei der ADD wurde schon mehrfach in Sitzungen des U-Ausschusses angedeutet. Vor allem von ehrenamtlichen Katastrophenschützern aus dem Ahrtal. Ironisch bezeichneten sie den Sitz der Einsatzleitung bei der Bundesakademie für Bevölkerungsschutz als „Heiligen Berg“. Die Akademie als Gastgeber, deren tägliches Geschäft die Schulung und Ausbildung von Katastrophenstäben ist, hätte gerne geholfen. Das sagte Akademieleiter Thomas Mitschke. Die Antwort der ADD auf das Angebot beschrieb er am Freitag sehr diplomatisch: „Im Ergebnis hat man Führungsunterstützung im Sinne von Übernahme einzelner S-Funktionen nicht angenommen. Man hat sich auf ein Coaching geeinigt.“
Das Coachen, das begleitende Beraten, geriet aber schnell an seine Grenzen, wie ein Mitarbeiter Mitschkes, der Referent und Dozent Ulf Krüger, erfahren musste. Er hat seine Erfahrung mit dem ADD-Verwaltungsstab in einem Protokoll festgehalten, das der CDU-Obmann im Ausschuss, Dirk Herber, in der Sitzung vorlas. Darin heißt es, eine Aufgabenliste sei unstrukturiert und ohne Priorisierung der Aufgaben an eine Tafel geschrieben worden. „Es entstand der Eindruck, dass die Personen im Raum Bravo ungeschult sind und nicht wissen, wie die Arbeit in einem Verwaltungsstab funktioniert.“ Die Akademie habe keine Möglichkeit gehabt, die Strukturen im Stab zu verändern. Das Coaching sei deshalb beendet worden.
Opposition fordert Rücktritt
Die Oppositionsparteien CDU und Freie Wähler bekräftigten nach den Zeugenaussagen die von ihnen und der AfD bereits früher erhobene Forderung, ADD-Präsident Thomas Linnertz, der die Gesamtverantwortung des Einsatzes hatte, abzuberufen.