LEO-AUSFLUGSTIPP
Limburg an der Lahn: Schönster spätromanischer Dom
Den Limburger Dom will ich sehen, seit er in den 1970er Jahren verputzt und so wunderschön in auf weißem Grund leuchtenden roten, gelben und orangen Tönen angestrichen wurde. Ein damals frappierend neuer, aber gänzlich den mittelalterlichen Gepflogenheiten entsprechender Anblick. Wie’s so geht: Ich war nie dort.
Unglaublich schöne Altstadt
An einem der letzten Tage vor dem Lockdown fuhr ich, sozusagen in letzter Minute, hin, ohne jede Vorbereitung außer einem Blick in die Karte. Um 11 Uhr fuhr ich los, um 1 Uhr war ich dort. Von der Autobahn gings in ein normales, gar nicht groß scheinendes Kreisstädtchen. Vom farbstrahlenden Dom keine Spur. Bin ich überhaupt im richtigen Limburg? Da, rechts, etwas entfernt, ragt er auf seinem Felsen über der Stadt, und bald weist ebenfalls rechter Hand ein Schild zum Parkhaus Altstadt West. Hinein! Gleich dahinter geht es über die „Rütsche“ – so heißt die Gasse – steil hinauf in eine unglaublich schöne Altstadt. Die krummen Hausmauern, die wir zuerst sehen, sind besonders alt und stammen aus dem hohen Mittelalter, die Fachwerkfassaden auf der anderen Seite sind etwas jünger. Überall enge Gassen und reiches, von Geschoss zu Geschoss vorkragendes Fachwerk. Zwischendrin auch mal ein gotisches Steinhaus. Ein geschlossenes Ensemble, zwischendrin nur weniges neu, aber ganz in die Gegenwart integriert.
Schmucke Doppelturmfassade
Zum Dom geht’s bergauf. Der Domberg war einst genauso dicht bebaut wie die Gassen, durch die wir gekommen sind. Jetzt ist er freigeräumt, und aus einer gewissen Entfernung fällt unser Blick auf seine detailreich gestaltete Doppelturmfassade. Wunderschön, wie die beiden Türme ihre Schmuckmotive geistreich variieren und lange das Auge damit beschäftigen, Links und Rechts zu vergleichen. Es nieselt.
Rheinische Spätromanik an der Lahn
Es ist erstaunlich genug, so weit im Osten reinste rheinische Spätromanik zu finden, wie sie sich zwischen Köln und Koblenz entwickelt und selbstbewusst gehalten hat, als nebenan in Frankreich längst die Kathedralgotik blühte. Vieles hat man von dort übernommen: die spitzen Bögen und Gewölbe, wo man sie brauchen konnte, und die steilen, den Blick und die Seele nach oben reißenden Proportionen. Die Mauer wollte man freilich nicht, wie die Gotiker, in riesige Buntfensterflächen auflösen – nein. Aber man nahm ihr ebenfalls ihre Massigkeit, indem man sie kunstvoll in mehrere Schichten gliederte, mit Laufgängen, Blendbogenfriesen, vor- und rückspringenden Mauerteilen verlebendigte.
Ursprünglich „nur“ Stiftskirche
Sieben Türme ragen aus dem gar nicht so großen Kirchenbau hervor, der keineswegs als Bischofskirche geplant war, sondern Jahrhunderte lang „nur“ Stifts- und Pfarrkirche St. Georg und St. Nikolaus war. 1190 bis 1295 wurde das Schiff gebaut, die Türme dürften bis 1280 fertig gewesen sein. Einen Bischof gibt es hier erst seit dem Jahr 1827. Reich ausgestaltet ist auch das Innere der Kirche, viergeschossig, mit Emporen und darüber liegendem Triforium, mit vielgestaltigem architektonischem Dekor und großen Teilen der mittelalterlichen Ausmalung des 13. Jahrhunderts. Aus derselben Zeit stammt das Hochgrab des Grafen Konrad Kurzbold, der das Stift um 910 gründete. Vielfältig und teils hervorragend: die Fenster des 20. Jahrhunderts.
Im Palast des Tebartz van Elst
Nächste Station: Das Diözesanmuseum unweit im ehemaligen Burgmannensitz. Sehr sympathisch sorgt es für Corona-Hygiene. Gedränge ist hier sowieso nicht zu erwarten. Fröhlich gemischt versammelt ist hier Erstklassiges, wie die 1204 von den Kreuzfahrern in Konstantinopel geraubte Staurothek, ein Kreuzreliquiar mit herrlichen byzantinischen Emaillearbeiten, mit Zweit- und Drittrangigem. Natürlich interessiert man sich für die teure Wohnung, deren hohe Kosten den vormaligen Bischof Tebartz van Elst um seinen Posten gebracht haben, und die zum Teil zum Museum geschlagen wurde: Die Kapelle ein dualistischer Kubus, außen düsterschwarz, innen strahlend hell, der Rest gar nicht so aufregend. In den weißen Nischen der Bibliothekswände hat man statt bischöflicher Bücher Erinnerungsstücke aus Klerikernachlässen geschmackvoll arrangiert.
Wegweiser
- Anfahrt: Sie ist ganz einfach: Über Viernheimer Kreuz und A67 zur A3 bis Limburg; abbiegen wahlweise im Darmstädter oder Frankfurter Kreuz.
- Geschichte: In fränkischer Zeit gab es eine Fliehburg; 823 wird die „Lintburk“ konradinisch, um 1180 prägt hier Territorialherr Emecho von Leiningen Münzen. Später herrschen die Isenburger, dann ist Limburg über Jahrhunderte bis zum Ende das Heiligen römischen Reiches kurtrierischer Fernbesitz. 1827 wird Limburg zum Bischofssitz des neugegründeten Herzogtums Nassau, 1866 preußisch. 1919 bis 1923 war Limburg Hauptstadt des Freistaats Flaschenhals.
- Umgebung: Wer frühzeitig unterwegs ist, sollte sich unbedingt die Zeit nehmen, die auf einem benachbarten Felsen thronende dreischiffige romanische Pfarrkirche St. Lubentius im Stadtteil Dietkirchen besuchen. Sie ist gleichsam ein kleiner Bruder des Doms.
- Die Stadt: Am schönsten ist der Domfelsen von jenseits der Lahn zu sehen. Dahin führt die auf das Jahr 1315 zurückgehende alte steinerne Bogenbrücke. Unterhalb des Dombergs finden sich die gotische Pfarrkirche St. Sebastian und in der Stadterweiterung des 19. Jahrhunderts nette Einkaufsstraßen.
- Museum: Das Diözesanmuseum im bischöflichen Bezirk ist in Normalzeiten Di-Sa 10-13 Uhr und 14-17 Uhr, So, Fei 11-17 Uhr geöffnet. www.staurothek.de
- Einkehr: In den Altstadtgassen gibt es viele Lokale. Zum Kaffee oder zum Bier ist es, wenn kein Lockdown verhängt ist, nett im jahrhundertealten Gewölbe der „Tonne“ (Fischmarkt 14). Hier gibt es kleine Snacks. Rumpsteaks werden vom gegenüberliegenden Burgkeller herübergebracht. In einem uralten Fachwerkhaus residiert unweit das Ristorante Bella Cittá Vecchia (Fischmarkt 8). Hier gelang es einem virtuosen Kellner, mich etwa doppelt so viel bestellen zu lassen, als ich vorhatte. Nur so kam ich in den Genuss eines sensationell pikanten Pizzabrots; Salat und Combinazione: unbedingt empfehlenswert.