HASSLOCH / LEMBERG
Mauereidechsen: Die Geheimnisse der Mini-Drachen
Mauereidechsen halten es mit dem griechischen Philosophen Diogenes. Sie sind mit sich und der Welt im Reinen, solange niemand in die Sonne tritt und so einen Schatten auf sie wirft. Denn erst Wärme bringt ihren Organismus auf jene Touren, die sie für die Jagd auf Schnecken, Insekten und Spinnen brauchen. Passen doch solche wechselwarmen Lebewesen – anders als Säugetiere und Vögel – ihre Körpertemperatur der Umgebung an. Nur die pralle Mittagssonne im Sommer schätzen diese Mini-Drachen nicht. Dann suchen sie in Mauerspalten oder Steinhaufen Abkühlung.
Ihre Vorliebe fürs Sonnenbaden machen die Reptilien denn auch zu einem vergleichsweise leicht zu entdeckenden Fotomotiv. Anne Wiese aus dem südwestpfälzischen Lemberg hat seit dem Jahr 2012 über 800 Fotos von Mauereidechsen auf der Internet-Meldeplattform „Artenfinder“ eingestellt. „Bei gutem Wetter bin ich oft draußen unterwegs“, sagt die Rentnerin. Und dabei hat sie meist ihren Fotoapparat dabei. Wer wie Anne Wiese mit offenen Augen spazieren geht, dem gelingen Schnappschüsse schon vor der Haustür. „Wenn ich die Hauptstraße runterlaufe, dann komme ich an einer Mauer vorbei. Da sind Ritzen drin, da verstecken sich die Mauereidechsen.“
Ein Klimagewinner
Auch Oliver Röller haben es die über Stock und Stein wuselnden Winzlinge angetan: „Die Mauereidechse gilt als Klimagewinner.“ In Rheinland-Pfalz breitet sie sich nach den Worten des Biologen, der in Haßloch das private Institut für Naturkunde in Südwestdeutschland leitet, seit drei Jahrzehnten aus. Noch habe sie nicht alle Landesteile erreicht. Auffällig sei, dass sich ihre lehrbuchmäßig von Oktober bis März reichende Winterruhe stetig verkürze. „Aus den Daten des 2011 gestarteten Artenfinders lässt sich ablesen, dass es nur noch von Mitte November bis Mitte Februar eine Phase mit wenigen bis gar keinen Meldungen gibt.“
Dies deckt sich auch mit Röllers eigener Erfahrung. Vor allem an milden Wintertagen hält es so manche Mauereidechse nicht mehr in ihrem Unterschlupf. Kurz bevor das Sturmtief „Sabine“ auch über die Pfalz fegte, konnte der Biologe am 9. Februar an der Bahnstrecke bei Haßloch gleich an mehreren Stellen die Eidechsen beim Sonnenbaden beobachten. Darunter waren auch recht gut genährte Exemplare. „In einem Winter wie diesem müssen sich die Mauereidechsen nur kurzzeitig verkriechen. An sonnigen Tagen in den milden Wintern finden sie schnell was zu futtern.“ Und sei es auch „nur“ eine Spinne. „Viele Spinnenarten leben mehrere Jahre“, erläutert Röller. Das heißt, sie sind – im Unterschied zu vielen einjährigen Insektenarten – auch im Winter zu erbeuten.
Lücken bei Artenfinder-Meldungen
Auffällig ist, dass es im ganzen Dezember 2019 keine Artenfinder-Meldungen zu den Mauereidechsen gab. Dabei war dieser Monat extrem mild. Sichtungen aus dem Dezember 2015 – dem wärmsten seit Beginn der Wetteraufzeichnung – sind dagegen durchaus in der Meldeplattform vorhanden. Die aktuelle Meldelücke könnte darauf zurückzuführen sein, dass niemand im Dienste des Artenfinders nach den Eidechsen Ausschau gehalten hat, vermutet Röller. Eine weitere Lücke: Entlang des pfälzischen Rheinufers liegen ebenfalls fast keine Eidechsen-Daten im Artenfinder vor. Dabei sind sie gegenüber in Baden durchaus im Ufergeröll anzutreffen. Es ist kaum zu glauben, dass auf der Pfälzer Seite Fehlanzeige in Sachen Mini-Drachen herrschen sollte – oder etwa doch?
Spannende Beobachtungen
Röller appelliert an RHEINPFALZ-Leser, die sich für die Natur interessieren, ähnlich wie Anne Wiese regelmäßig nach Mauereidechsen und anderen gut zu erkennenden Arten Ausschau zu halten und sie an den Artenfinder zu melden. Sei es im eigenen Garten, bei Spaziergängen durch eine Dorfstraße oder bei Wanderungen zu einer Burgruine, einem Felsen, zu Weinbergmauern am Haardtrand oder eben zum Rheinufer. Wer ein Mauereidechsen-Biotop findet – zum Beispiel an einem alten Gemäuer, auf einem Friedhof oder auf einer Weinbergsmauer – und dort regelmäßig nachschaut, wird allerhand Spannendes entdecken. Nicht nur, was ihre Wintergewohnheiten anbelangt, sondern beispielsweise auch wie die Männchen in der Paarungszeit im Frühjahr ihre Reviere verteidigen. Oder wann die ersten Jungtiere aus den Eiern schlüpfen.
Röller garantiert: „Sie werden die Mauereidechsen bald mit anderen Augen sehen.“ Wenn die Beobachtungen samt Fotos dann auch noch im Artenfinder eingestellt werden, wird sich das eine oder andere Geheimnis dieser Reptilien lüften lassen.
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