Mode
Wohl behütet: Kehrt der Hut in die Männermode zurück?
Thomas Mann lieferte eine der schönsten Begründungen, warum man einen Hut tragen soll. Im „Zauberberg“ lässt er Hans Castorp sagen: „Man sollte einen Hut aufhaben, damit man ihn abnehmen kann, bei Gelegenheiten, wo es sich schickt.“ Diese Gelegenheiten scheint es kaum noch zu geben, der Hut jedenfalls erleidet einen Bedeutungsverlust wie Weste und Krawatte. Im 19. Jahrhundert war er unbedingter Bestandteil der männlichen Garderobe, noch auf Fotos aus den 1950er- und 60er-Jahren tragen die meisten Herren einen. Heute gilt er nur noch Individualisten, Künstlern und Dandys als annehmbar. Wie konnte es so weit kommen?
Stilberater erklären es mit der Dominanz der Frisuren. Gab es in den guten alten Zeiten den Einheitsschnitt für Männer, kam in den 1970er-Jahren die Haar-Emanzipation: erst Löwenmähne, später das fußballerische Vokuhila oder gar der Pferdeschwanz. Alles mit einem Hut vollkommen unvereinbar. So begann der Niedergang der mittelständischen Hutindustrie mit Marken wie Mayser, Faustmann oder Zechbauer. In vielen deutschen Städten sucht man einen Hutladen vergeblich.
Nicht mehr Funktionskleidung, sondern Mode
Klar, seine Bestimmung, den Kopf vor Nässe und Staub, Kälte und Sonne zu schützen, hat der Hut längst verloren. Er ist heute in erster Linie nicht zweckgebundenes Kleidungsstück, sondern modisches Accessoire. Als solches aber wieder im Kommen.
Diefenthal 1905 ist eine Manufaktur, wie sie im Buche steht, 1905 in Köln gegründet vom Urgroßvater der heutigen Betreiberin Pia Diefenthal. So altertümlich Inneneinrichtung und Außenauftritt heute noch wirken, mit zwei Geschäften in bester Innenstadtlage, einem Online-Shop und vielfältigem Service haben die Inhaber die Zeichen der Zeit erkannt, bieten Hüte für Damen wie Herren, Maßanfertigung, Reparatur und auch so aus der Zeit gefallene Modelle wie den klassischen Bowler.
Nicht weit entfernt, in der Marienstraße im früheren Arbeiterstadtteil Ehrenfeld, betreibt Ute Flemming ihre Hutfabrik, ein Erbe ihres Vaters Jochen. Sie hat sich auf Karneval, Reiter und Jäger als Kunden spezialisiert und bietet neben Hüten aller Art Führungen, Workshops und sogar ein Dinner in der Hutfabrik. Der Hut allein macht eben nicht satt.
Deutschlands bekannteste Hutmarke: Mayser
Das war nicht immer so. Deutschlands bekannteste Hutmarke gründete Leonhard Mayser im Jahr 1800 in Ulm. Aus der Hutmacherey Mayser wurde im Lauf des 19. Jahrhunderts die größte Hutfabrik und war doch nur eine von 34 allein in Süddeutschland. Mayser-Hüte wurden in 44 Länder exportiert, seit 1924 wurden auch Damenhüte gefertigt. Nach dem Zweiten Weltkrieg prägte Mayser den Slogan „Man trägt wieder Hut“ – die letzte Renaissance der Kopfbedeckung. 2011 verlagerte Mayser die Produktion in die Slowakei, baute dort eine neue Fabrik, schulte junges Personal, sparte Kosten.
Zwei weitere Hut-Pioniere schickten sich im 19. Jahrhundert an, den Weltmarkt für Kopfbedeckungen zu erobern. In Alessandria in Norditalien gründete Giuseppe Borsalino 1857 seine erstklassige Hutmanufaktur. Hollywood machte die Marke bekannt, die Melonen von Laurel & Hardy stammten ebenso von Borsalino wie die Fedora-Hüte von Humphrey Bogart und Ingrid Bergman in „Casablanca“. Im Jahr 1970 trug sogar ein Thriller mit Alain Delon und Jean-Paul Belmondo den Namen als Titel: „Borsalino“. 2017 widmete die italienische Post dem Hut eine 95-Cent Marke. Die günstigste Form, an einen Borsalino zu kommen, denn das aktuelle Modell Georgio ist mit 1899 Euro schon eine Anschaffung fürs Leben.
Stetson erfindet sich neu
Die Erfolgsgeschichte von John B. Stetson begann trist. Der Goldgräber in Kalifornien scheiterte wie Tausende andere, erkannte aber, was Digger und Cowboys brauchten: wetterfeste, derbe Hüte mit großer Krempe gegen die Sonne. Der Stetson war geboren. In Philadelphia beschäftigte der Firmengründer bis zu 5000 Arbeiter.
Heute versucht Stetson in aller Welt, auch in Deutschland, dem Markt ein neues Gesicht zu geben. Mit den Gründern Andre Beelmann und Thomas Klatt hat Stetson in Münster das Unternehmen Hut.de aus der Taufe gehoben, einen Online-Shop mit mittlerweile acht Präsenzgeschäften in Deutschland. Das Rezept ist einfach: Massenfertigung im Ausland, moderate Preise sowie Ideen, wie man jüngere Kunden anspricht. Der letzte Schrei: Kaffeesäcke aus Jute werden upgecycelt zu Hüten und Kappen. Aus wiederverwertbarem Material entstehen individuelle Stücke, keines gleicht dem anderen. Die Idee hatte der Berliner Kult-Gastronom Friedel Drautzburg, unter dem Markennamen ReHats werden die guten Stücke von Hut.de vermarktet.
Mützen von Bullmann? Nein, von Bullani!
An einer Ausfallstraße nach Bamberg hat die Kappenmanufaktur Bullani des Ehepaars Bullmann ihren Sitz. Erste Frage: Wie wurde aus Bullmann Bullani? Der Mützenmacher klärt auf: Bei Gründung hätten Auguren prophezeit: Bullmann-Mützen, unter diesem Namen würde man nichts verkaufen. Also folgte der Franke dem Meister des Schwungs, dem verstorbenen und zuletzt in Karlsruhe lebenden Designer Luigi Colani – die neue Marke war geboren.
Heute beschäftigt die Manufaktur elf Mitarbeiter, rund 10.000 Bullani-Kappen finden jährlich einen neuen Kopf. Für jede Einzelne braucht eine erfahrene Näherin zweieinhalb Stunden für Zuschnitt, Nähen, Füttern, Schirmbesatz. Die Materialien sind reines Leinen, beste Baumwolle, und geliefert wird weltweit.
Pfaff-Maschinen: So unverwüstlich wie die Mützen
Bullmann sieht als den wesentlichen Unterschied zu Hut.de & Co. das Made in Germany, für ihn als Manufakturchef mit künstlerischen Genen ein Alleinstellungsmerkmal. Seine Angestellten arbeiten noch mit alten Pfaff-Nähmaschinen, der Meister sieht den Betrieb gut aufgestellt, Tochter Eva wird ihn bald übernehmen. Sie wird dann auch die Entscheidung treffen, ob ein Online-Shop eine gute Ergänzung ist oder den Argwohn der Vertragshändler auslösen würde.
Wer jetzt seinen Mut zum Hut gefunden hat, der oder die hat auf der gleichnamigen Messe vom 24. bis 26. September im Neuen Schloss in Ingolstadt Gelegenheit, die neuesten Trends für sich zu entdecken.