Panorama Rätsel um verstoßene Babys

Diesen Strampler trug das erste, am 2. September 2015 an einer Bushaltestelle in Berlin abgelegte Baby.
Diesen Strampler trug das erste, am 2. September 2015 an einer Bushaltestelle in Berlin abgelegte Baby.

«Berlin.» In drei aufeinanderfolgenden Jahren wurde jeweils ein Baby ausgesetzt. Zwei in Berlin, eines in Brandenburg. Die drei sind Geschwister. Noch gibt es keine Hinweise auf die Mutter – und wilde Spekulationen machen die Runde.

Die Neugeborenen waren erst wenige Stunden alt. Und sie hatten Glück, dass sie überlebt haben. Denn es kann schon kalt werden in den Berliner Nächten im Spätsommer und Frühherbst. Und die drei Mädchen hatten kaum etwas an, als sie im Abstand von ungefähr je einem Jahr ausgesetzt wurden: 2015, 2016 und 2017. Doch alle drei wurden rechtzeitig gefunden, versorgt und gerettet. Zwei Jahre nach dem ersten Fund stellte die Berliner Polizei jetzt fest: Die drei Babys haben dieselbe Mutter und vermutlich auch den denselben Vater. In Deutschland ist das ein einmaliger Fall. Trotzdem ist die Polizei bei der Suche nach der Mutter bis heute nicht erfolgreich – und kann nicht sicher sein, dass die Serie nicht weitergeht. Legt dieselbe Mutter in diesem Sommer ein viertes Baby ab? Oberkommissar Schwarz (40) arbeitet beim Berliner Landeskriminalamt (LKA), Dezernat 12, und ist zuständig für Misshandlung und Vernachlässigung von Schutzbefohlenen. Er gehört zu den Ermittlern in diesem Fall – und hofft, dass es nicht so kommen wird. Er zeigt sich lieber optimistisch, die Mutter zu finden. „Ich bin zuversichtlich, wir bleiben dran“, sagt er. Das erste Baby fanden Passanten am 2. September 2015 an einer Bushaltestelle im Norden der Stadt. Es lag auf einem Kopfkissen, trug einen Strampelanzug und ein Babyjäckchen. In der Nähe filmte eine Überwachungskamera, wie eine Frau etwas zur Haltestelle trug, ablegte und wieder verschwand. Es sei schon dunkel gewesen, sagt Schwarz. Das Gesicht der Frau könne man nicht erkennen. 20 bis 30 Jahre alt soll sie sein, mittelgroß und schlank, mit mindestens schulterlangen, dunklen Haaren. Elf Monate später, am 6. August 2016, entdeckten Anwohner um 6.30 Uhr ein zweites Baby auf den Stufen eines Einfamilienhauses – fünf Kilometer vom ersten Fundort entfernt. „Der Säugling hatte bereits eine leicht abgesenkte Temperatur, war aber noch nicht in einem bedrohlichen Zustand“, sagt Schwarz. Ein gutes Jahr später das dritte Baby. Es lag am 27. August 2017 vor einem Haus in Brandenburg, weniger als zwei Kilometer vom ersten Fundort entfernt. Emma, Lilo und Hanna wurden die drei Mädchen genannt. Sie leben bei Pflegeeltern, sagt Schwarz. Es gehe ihnen gut. Die Handtücher, die beim zweiten und dritten Baby gefunden wurden, sind voller Blutspuren von der Mutter. Allerdings dauerte die erste DNA-Analyse mehr als ein Jahr – auch wegen der Überlastung des LKA nach dem islamistischen Terroranschlag im Dezember 2016. Erst im Herbst 2017 lag das Ergebnis vor. Damals war bereits das dritte Kind gefunden worden. Eine weitere Analyse folgte, beide Spuren zeigen eine Übereinstimmung. Es handelte sich um dieselbe Mutter. Leider gebe es aber bis auf das DNA-Muster keine Anhaltspunkte, wer sie ist, wo sie sich aufhält, unter welchen Umständen sie lebt und unter welchen Zwängen sie agiert, so der Kommissar. Die Polizei wisse auch nicht, ob die Mutter die Babys aussetzte oder jemand anderes. Seine Kollegen und er hätten alles daran gesetzt, die Eltern zu finden, sagt Schwarz. Die Kripo habe im Umfeld der Fundorte ermittelt, Nachbarn und Ärzte befragt, es habe sich aber nichts ergeben. Spekulationen, es könne sich um Flüchtlinge handeln, weist die Polizei zurück. Die Kinder hätten alle mitteleuropäisches Aussehen. Die Beamten wollen die Mutter nicht nur wegen eines Strafverfahrens finden. Es gehe auch um die Zukunft der drei Mädchen. „Psychisch ist das für die Kinder später mit Sicherheit eine Belastung“, sagt Schwarz. „Wenn die Frage kommt, wo komme ich denn her, wer sind meine Eltern?“

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