Panorama Krönchen für die Kleinen
«New York.» In den USA sind Schönheitswettbewerbe für die Allerjüngsten ein lukratives und schnell wachsendes Geschäft. Schreiduelle, Strumpfbänder und Spätfolgen inklusive.
Sie tragen kurze Röcke, Strumpfbänder und viel zu viel Lippenstift. Lächeln kokett ins Publikum, versuchen, mit einem ausgestopften BH Dolly Parton möglichst ähnlich zu sehen – und sind vier, fünf oder sieben Jahre alt. Was hierzulande wohl den Kinderschutz auf den Plan rufen würde, ist in den USA normal: Schönheitswettbewerbe für kleine Mädchen – und inzwischen auch Jungen –, bei denen die Kinder ehrgeiziger Mütter mit Lockenstäben und Lidschatten um den Sieg ringen. Über 250.000 Kinder zwischen zwei und 16 kämpfen Statistiken zufolge in rund 5000 Schönheitswettbewerben – den sogenannten Beauty Pageants – jedes Jahr um Krönchen und Schärpen. Die Kategorien ähneln dabei jenen der Erwachsenen: Im Freizeitoutfit, Ballkleid und Badeanzug wird mit und ohne Windel posiert. Und das nicht nur in den Sälen sonst mäßig besuchter Landgasthäuser, sondern auch im nationalen Fernsehen: „Toddlers & Tiaras“ (etwa: „Kleinkinder & Krönchen“), eine Serie, die die Teilnehmer solcher Shows – unkritisch – begleitete, wurde zwar 2013 nach fünf erfolgreichen Jahren und heftigen Kontroversen eingestellt; im vorigen Sommer fand sich aber schon wieder ein Ableger im Programm des Reality-Senders TLC. Die Show „Dance Moms“ – bei der die minderjährigen Mädchen in Glitzerkostümen zeigen, wie schön sie tanzen, und deren Mütter, wie hässlich sich Erwachsene aufführen können –, läuft beim Sender Lifetime dagegen mit ungebrochenem Erfolg im siebten Jahr. Hier wurde lediglich diesen Sommer eine neue Trainerin und Moderatorin nötig, weil die Vorgängerin, die für ihre Schreiduelle berüchtigte Abby Lee Miller, eine mehrjährige Haftstrafe antreten musste. Was manche Kritiker als gerechte Strafe für das Ausbeuten der Mädchen empfanden – auch wenn die Verurteilung wegen Insolvenzbetrugs nichts damit zu tun hatte. Die Folgen, die dieses Leben für die Kinder haben kann, sind jedenfalls hinlänglich bekannt und reichen von Essstörungen und Drogenproblemen bis zu Minderwertigkeitsgefühlen. „Es ist für Kinder in der Pageant-Szene nicht unüblich, in ihren Teen-Jahren ,pensioniert’ zu werden“, schreibt Ernährungswissenschaftlerin Martina C. Cartwright in „Psychology Today“. „Viele haben es danach in ihrem Erwachsenenleben schwer, denn die permanente Disziplin, die Diäten und die damit verbundene Körperwahrnehmung haben ihren Preis.“ Wenn nach Jahren der Applaus plötzlich ausbleibt und die Pubertät samt Hautproblemen und Zahnspange zuschlägt, ist das für Kinder, die gelernt haben, dass Attraktivität ihre wichtigste Eigenschaft ist, oft ein Schlag, von dem sich manche nur schwer wieder erholen. Schließlich würden die Kinder das Schminken und vor allem die schönen Kostüme lieben, wie ihre Eltern und die Anhänger solcher Veranstaltungen immer wieder betonen. Veranstaltungen, für die die Pageant-Eltern viel Geld ausgeben: „Die Kleider kosten zwischen 300 und 4000 Dollar, das Startgeld bei den großen Pageants liegt bei rund 400 Dollar, und das Coaching bei 50 Dollar pro Sitzung“, berichtet Juana Myers, deren Tochter MaKenzie mit 18 Monaten ihren ersten Wettbewerb bestritt und später bei „Toddlers & Tiaras“ zu sehen war. Kosten, die irgendwie wieder hereingeholt werden müssen, was den Druck auf die Kleinen weiter erhöht. Zumal diese auch im Erfolgsfall von dem Einnahmen so gut wie nichts zu sehen bekommen, wie Paul Petersen, der sich mit seiner Stiftung „A Minor Consideration“ für die Rechte von Kindern im US-Showbusiness einsetzt, scharf kritisiert: „Ganz abgesehen von den Gefahren, die damit einhergehen, kleine Mädchen mit aufreizenden Kostümen wie 30-jährige Prostituierte auszustaffieren, geht es hier auch um eine Industrie, die rund fünf Milliarden Dollar (rund 4,25 Milliarden Euro) umsetzt und 100.000 Erwachsenen Arbeit verschafft.“ Vor allem bei den TV-Produktionen sei die Ausbeutung enorm: „Die großen Shows haben zwei bis drei Millionen Zuschauer, und die Entertainment-Industrie ist in den USA die einzige, für die die Bundesgesetze zum Schutz vor Kinderarbeit nicht zur Anwendung kommen.“ Doch für die Kinder selbst zahle sich das alles fast nie aus, sagt Petersen, der selbst ein Kinderstar war: Das Preisgeld für den Sieg bei den kleineren Veranstaltungen reiche meist nicht einmal für das Kostüm; die höchsten Summen bei den ganz großen Shows lägen auch nur zwischen 5000 und 10.000 Dollar. Warum aber investieren Eltern Zeit, Geld und Tränen in eine mehr als zweifelhafte „Karriere“ für ihre Kinder? „Die meisten Familien dieser Szene gehören der unteren Mittelklasse an und erhoffen sich für ihre Kinder, dass sie es in die Welt der TV-Stars schaffen“, sagt Petersen. „So wie andere Unsummen in die Football-Laufbahn ihrer Söhne stecken, wird hier für Kleider, Tanztrainings und Make up gezahlt.“ Eine Rechnung, die für Petersen nicht aufgeht: „Wenn diese Eltern die gleichen Mittel und den gleichen Ehrgeiz in ihr berufliches Fortkommen investieren würden, wären die Chancen, den Kindern ein besseres Leben bieten zu können, um ein Vielfaches höher.“