Panorama
Jugend in der Corona-Pandemie: „Ich war viel alleine“
März 2020. Am Anfang des Monats gibt es in Deutschland nur wenige nachgewiesene Fälle von Covid-19. Noch sind Bilder von Menschen mit Masken sehr fremd. Dann beginnen die Fastnachtsferien und Wintersportler bringen das Virus mit aus dem Urlaub. Nun handelt die Politik: Großveranstaltungen werden abgesagt, Gottesdienste verboten, alle Geschäfte geschlossen, die nicht den täglichen Bedarf decken. Schulen und Kindergärten: zu. Auch Hotels schließen, die Ländergrenzen werden dichtgemacht, die Fußball-Bundesliga stellt ihren Spielbetrieb erst mal ein. Deutschland steht still.
Linus: Wir befanden uns plötzlich im Homeschooling und das ohne irgendeine Anweisung im Vorhinein. Das Gefühl war total surreal, da wir zum Zeitpunkt der Bekanntgabe davon ausgingen, dass der Lockdown und somit auch Corona schon in einigen Wochen vorüber sein wird. Trotzdem konnte ich mich gut an den neuen Alltag gewöhnen und die Online-Aufträge bearbeiten. Ich habe auch das Gefühl, dass sich meine Familie in der Corona-Zeit näher gekommen ist, da man gar keine andere Möglichkeit hatte, als dies zu tun.
Laura: Im ersten Lockdown war ich positiv gestimmt und nahm an, die Pandemie würde bald enden. Außerdem kannte ich kaum Infizierte und die Krankheit schien weit weg.
Julius: Der erste Lockdown, besonders der Beginn, war für mich noch sehr spannend. Meine Familie rückte näher zusammen, da wir nun alle mehr Zeit hatten. Wir kochten zusammen oder sind zusammen in die Natur gegangen. Ich habe zunächst die Entschleunigung des Alltags genossen.
Im April gehen die Zahlen der Neuinfektionen zurück, es gibt erste Lockerungen. Trotzdem wird es bis zu den Sommerferien 2020 keinen normalen Schulbetrieb geben.
Linus: Niemand war es gewohnt, plötzlich Dinge nicht zu dürfen, da sonst Hygieneverordnungen verletzt werden würden. Sich mit mehreren Freunden zu treffen oder einfach in Einkaufsläden zu gehen war plötzlich nicht mehr möglich. Mir persönlich gefiel der Online-Unterricht allerdings sehr. Ich fand es sehr gut, dass wir uns die Arbeitsbelastung selbst einteilen konnten. Ich sah ihn als gute Vorbereitung für das spätere Uni-Geschehen.
Laura: Während Studenten gar nicht gesehen werden, finden Schüler wenigstens medial statt, aber allenfalls in der Rolle von Statisten.
Julius: Mit dem Start des Homeschoolings hoffte ich, dass diese Situation nicht von langer Dauer ist. Die Lehrer haben wirklich ihr Bestes gegeben, aber der Präsenzunterricht kann nicht durch eine wöchentliche Konferenz von zu Hause ersetzt werden. Was irgendwann wirklich schwer war, waren die fehlenden sozialen Kontakte. Ich war immer zu Hause, war viel alleine und die Hobbys haben gefehlt.
Im Herbst 2020 steigen die Zahlen erneut, Ende Oktober beschließen Bund und Länder neue weitreichende Einschränkungen für die Bürger – ein Teil-„Lockdown“. Nachdem die Zahlen der Neuinfektionen nicht sinken, geht Deutschland Mitte Dezember in einen zweiten harten Lockdown. Auch die Schulen werden wieder geschlossen. Hoffnung macht die Zulassung des ersten Impfstoffes. Am 27. Dezember werden die ersten Menschen geimpft. Sport- und Schwimmkurse fallen den ganzen Winter 2020/2021 komplett aus. Manche Schulen nutzen die Wintermonate, um Luftfilteranlagen einzubauen, doch längst gibt es sie nicht flächendeckend in allen Schulen in Rheinland-Pfalz.
Linus: Am Anfang der Pandemie wurden vielen Schulen beispielsweise die Luftfilter versprochen, die wir bis heute allerdings nicht bekommen haben. An unserer Schule lüften wir demnach auch im Winter, um das Virus zu bekämpfen.
Laura: Das Lüftungskonzept an Schulen heißt, in Wintermonaten weiterhin in Skikleidung bei offenen Fenstern zu lernen. Als Trainerin habe ich miterlebt, wie sich kleine Kinder die Schuld geben, wenn wegen ihrer Infektion andere in Quarantäne müssen und Training wieder nur online stattfindet. Das zerreißt mir das Herz.
Julius: Wir suchen uns jetzt Alternativen. Treffen, die sonst bei jemandem zu Hause stattfinden, verlegen wir jetzt auf Zoom. Natürlich waren die Jugendgenerationen vor uns freier, hatten es einfacher. Dafür haben sie jetzt die Einschränkungen im Studium. Es trifft uns ja alle. Alles fällt gerade weg: Schüleraustausche, Klassenfahrten, Urlaube, Trips mit Freunden, Abschlussfeiern. Das ist alles nicht ersetzbar. Aber vielleicht ist das das, was wir für den Zusammenhalt der Gesellschaft „opfern“ müssen, um für die Generation nach uns all das wieder möglich zu machen. Trotzdem denke ich, dass viel auf die Jugend abgelegt wird.
Im Frühsommer 2021 gehen die Zahlen der Neuinfektionen langsam zurück. Deutschland erlebt einen relativ entspannten Sommer – unter den Bedingungen einer Pandemie. Mitte August empfiehlt dann die Ständige Impfkommission die Covid-19-Impfung für alle Kinder und Jugendliche zwischen zwölf und 17 Jahren.
Linus: Ich selbst bin geimpft und vertraue allgemein auf die Wissenschaft und bin froh, wenn andere das auch tun. Die Impfung ist meiner Meinung nach die aktuell beste Option bei der Corona-Bekämpfung.
Laura: Viele meiner Freunde sind geimpft. Daher frage ich mich, warum es für Erwachsene, die ihre Jugend ohne Pandemie ausleben konnten, so leicht ist, sich mit „Bedenken“ der Verantwortung zu entziehen.
Julius: Heute sind immer die Infektionszahlen im Hinterkopf, die Angst, die Maske wieder vergessen zu haben. Das Handy ist leer? Dann kommst du jetzt halt nirgends mehr rein – ohne Impfzertifikat. Ich hatte das Glück, mich bis jetzt noch nie mit dem Coronavirus zu infizieren, und als es die Möglichkeit gab, sich impfen zu lassen, habe ich mich so schnell wie möglich impfen lassen. Nicht nur um mich zu schützen und um meine Freiheit wieder zu bekommen, sondern auch, um meine Großeltern zu schützen.
Am 26. September 2021 sind Bundestagswahlen und Deutschland wählt die Ampel: Rot-Gelb-Grün. Überraschend sind die vielen Stimmen für die Grünen und die FDP bei den Erstwählern.
Linus: Die Politiker reden zwar oft über die sogenannte ,,Generation Corona“, helfen dann aber in vielerlei Hinsicht nicht. Ich bin zuversichtlich, dass die neue Ampel-Regierung den Schülern Abhilfe leisten wird. Ich denke, die neuen Ideen der Parteien könnten die Pandemiebekämpfung voranbringen und somit auch den Schülern helfen. Ich würde mir vor allem wünschen, dass hinsichtlich Corona mehr und strenger durchgegriffen wird. Gefälschte Impfpässe und Testzertifikate helfen bei der Pandemiebekämpfung nicht weiter.
Laura: Lernrückstände bei den diesjährigen Abiturienten? Fehlanzeige im politischen Diskurs. Von der neuen Ampel-Regierung verspreche ich mir nicht viel, da habe ich keine Hoffnung für uns Schüler. Schulpolitik ist Ländersache. Rheinland-Pfalz steht nicht erst seit der Bundestagswahl im Ampellicht.
Julius: Ich glaube, die Ampelregierung ist eine Regierung, die mehr auf eine Zukunft, geprägt von der Jugend, ausgerichtet ist. Man sieht es ja auch an den Wahlergebnissen der Juniorwahlen, diese untermauern die neue Ampel. Themen wie Klima, Zukunft und Bildung werden eine höhere Relevanz zugeschrieben bekommen als bisher.
Januar 2022. Immer noch hat die Pandemie Deutschland fest im Griff. Ein Ende? Nicht absehbar. Im Gegenteil, die Experten warnen vor einer weiteren Welle – die Omikron-Variante breitet sich überall auf der Welt aus und die Zahlen der Neuinfektionen steigen in vielen Ländern auf Rekordniveau an. Ab morgen sind die Weihnachtsferien in Rheinland-Pfalz vorbei und der Pandemie-Schulalltag geht weiter – wie lange die Schulen offen bleiben, ist ungewiss.
Linus: Ich vermisse die Unbeschwertheit. Keinem von uns war klar, dass ein Land wie Deutschland so schwierige und belastende Zeiten durchmachen würde, da wir von bisherigen Katastrophen und Misslagen meist nicht betroffen waren. Allerdings bin ich nicht wütend. Ich verstehe die Situation und bin froh darüber, dass wir die Lage ernst nehmen. Trotzdem ist es schade, nicht auf Kursfahrt gehen zu können. Ich bin aber zuversichtlich, dass sich die Lage bessern wird, und freue mich für spätere Jahrgänge, die dann wieder alle Ausflüge und Fahrten in Anspruch nehmen können.
Laura: Mittlerweile vermisse ich Unbeschwertheit und Spontaneität und ich bin enttäuscht, dass unsere Generation oft als verantwortungslos beschuldigt wird, obwohl wir uns aus Solidarität eingeschränkt haben und noch immer einschränken. Für die Zukunft wünsche ich mir keine Dauerschleife der Pandemie. Dafür eine hohe Impfquote, um der Ausbreitung weiterer Varianten Vorschub zu leisten.
Julius: Ich wünsche mir wirklich, dass sich alle eine Impfung holen. Wer sich nicht impft, es aber könnte, handelt aus meiner Sicht rein egoistisch und nur auf sich selbst bedacht.