Panorama
In der Hosenträger-Werkstatt
Sie heißen Josef, Sebastian, Andreas, Ludwig, Leopold, Anton, Xaver und Georg. Ihre breiten Rücken strecken die acht den Kundinnen und Kunden hoch über dem Kopf von Friederike von der Gönna entgegen. Die 59-Jährige sitzt in ihrer kleinen Werkstatt in München und lässt die Nähmaschine rattern. Unter ihrem Finger liegt Ludwig, das meistgekaufte Modell, von der Gönna hat es selbst entwickelt. Sie nimmt eine Form und zeigt, wie sie die Bänder so zuschneidet, dass die vier Teile glatt aneinanderstoßen. Diese verschwinden dann unter einem doppelten Lederläppchen. Dadurch entsteht keine Wulst. Alles liegt flach auf dem Rücken und ist angenehmer auf der Wirbelsäule als eine Metallspange.
Für Ludwig hat sich auch der Kunde aus der Nachbarschaft entschieden. Der schlanke 75-Jährige trägt Hosenträger, seit ihm aus gesundheitlichen Gründen der Gürtel unangenehm geworden ist. Er ist der erste Kunde an diesem Nachmittag. Heute möchte er seine beiden Ludwigs, die er vor Jahren bei der Maß-Hosenträgernäherin auf der Auer Dult gekauft hat, kürzen lassen. Von der Gönna ist ihres Wissens nach die Einzige in Deutschland, die diese Kunst noch in dieser Weise ausübt.
Immer mittwochs und auf der Auer Dult
Nebenberuflich macht die Diplom-Biologin und heutige selbstständige Projektmanagerin das. Immer mittwochs und außerdem dreimal jährlich auf der Auer Dult in München, einem vor Jahrhunderten gegründeten Geschirr- und Jahrmarkt. Ihre Familie unterstützt sie dabei. „Es ist immer wieder eine Bereicherung, wie dort die Familie zusammenkommt, um sich zu treffen und die ganzen Stammkunden kennenlernt“, sagt Sohn Leopold. Der 33-jährige Ingenieur wohnt in der Nähe. Er ist wie seine zwei Schwestern mit Mutters Nähkunst aufgewachsen. Der Ingenieur springt immer dann ein, wenn besonders viel zu tun ist oder schnell ein Sonderauftrag für die Mutter ansteht, wie die Hochzeitshosenträger eines jungen Mannes. Er wollte die vom Großvater geerbten tragen, doch diese waren zu kurz. Von der Gönna hält die prachtvoll verzierten Bänder hoch, die sie mit Leder verlängert hat.
Meist sind es jedoch Männer ab 50 aufwärts, die sich Hosenträger nach Maß bei ihr anfertigen lassen. Vor allem Bauchträger kämen zu ihr. Hosenträger seien für diese ideal, da sie nicht wie ein fest angezogener Gürtel unter dem Bauch die inneren Organe einklemmen, erklärt die Diplom-Biologin. Sie ließen sich gerne persönlich beraten und schätzten auch ein Schwätzchen mit ihr. Im Internet bestellen nur rund zehn Prozent ihrer Kunden. Deshalb waren Corona-Lockdowns und ausgefallene Auer Dulten eine harte Zeit für von der Gönna. Sie sei an den Sparstrumpf gegangen. Die Miete für den kleinen Laden lief weiter. Noch einmal so eine Phase ohne Umsatz über Monate würde sie sich finanziell nicht leisten können. Dabei wolle Sophia, Leopolds Zwillingsschwester, das Geschäft fortführen, wenn ihre beiden Kinder größer sind.
Ein Modell für die Frauen
„Es ist ein Handwerk, das viel Spaß macht und nicht aussterben darf“, sagt Leopold. Er hat den gleichnamigen Arbeitshosenträger entwickelt, der verhindert, dass die Träger dauernd von der Schulter rutschen. Vor allem Handwerker wie Maurer, Zimmerleute, Fliesenleger, Kaminkehrer und Installateure bevorzugen ihn. Sie bewahren in ihren Hosentaschen ihr Handwerkszeug, beispielsweise das Metermaß , auf. Dadurch werde die Hose schwer und ziehe nach unten. Hier entlasten Leopolds Hosenträger.
Seine Mutter hat dagegen das Modell für die Frauen optimiert. Von der Gönna zeigt auf seitlich angebrachte Clipse. So könnten Frauen bequem die Hosenträger öffnen, wenn sie auf die Toilette müssten, ohne sich die Arme zu verrenken. Das sei komfortabler, zumal Frauen die Hosenträger im Gegensatz zu Männern meist unter Bluse oder T-Shirt trügen. Häufig kauften Frauen sie für die ersten Monate der Schwangerschaft. Da trügen sie oft noch ihre Jeanshosen, die dann aber oben nicht mehr zu schließen seien, erklärt von der Gönna. Dann helfen die Hosenträger, damit sie nicht herunterrutschen.
Zwei Flaggen für den Franzosen
Unter 250 Bändern und zwei Breiten kann der erwachsene Kunde auswählen. Außerdem, ob er die Hosenträger mit Clips oder geknöpft haben möchte. Auch Sonderaufträge nimmt sie entgegen. Wie den eines Franzosen. Er wollte auf der einen Seite ein Band in den Farben der französischen Flagge und auf der andere die bayerischen Löwen. Als sie fragte, welche auf die Herzseite kommen sollte, zögerte er kurz. „Er hat sich dann für die französische Flagge entschieden“, sagt sie lachend. Zweifarbiges würde auch häufiger von Seglern verlangt. „Für die Backbordseite links ein rotes Band, für die Steuerbordseite rechts ein grünes“, erzählt die Hosenträgernäherin.
Der 75-jährige Kunde aus der Nachbarschaft trägt dagegen lieber graue, die zu allem passen. Von der Gönna kürzt ihm einen Hosenträger, nachdem er nach einer Operation keine unterschiedlich langen mehr braucht. Sie nimmt ein Metermaß, misst ihn auf beiden Seiten, schneidet das zu lange Band ab und kürzt es ruckzuck. Sie testet noch die Clips und stellt fest, dass einer ersetzt werden sollte. Von der Gönna greift in eine der roten Behälter hinter sich im Regal, in der sie ihr Nähzubehör aufbewahrt. Sie nimmt einen Clip heraus und ersetzt den ausgeleierten. Fürs Nähen verlangt sie nichts, nur für den Clip. Der Kunde ist überrascht. Das sei Service, entgegnet sie. Mit einem „Vergelt’s Gott“ und einem Obolus für die Kaffeekasse honoriert er ihren Service.