Chiemsee
Brotzeitbank, Fassbank und Kuh(r)bank: Da setz di nieda!
Sie sind mit Obst, Radieschen, Brezeln, Pralinen oder Kleeblättern verziert, aber auch mit Konterfeis von Politikern: die Bankerln in Aschau im Chiemgau. Dem Ehepaar vom Niederrhein, das seinen Urlaub in der Gegend verbringt und soeben seine Brotzeit in einer Metzgerei eingenommen hat, sind sie noch nicht aufgefallen, obgleich just dort, wo sie aßen, mit der Nummer 72 die Brotzeit-Bank steht: ein Rindvieh, auf dem sich ein Tourist aus München häuslich niederlässt, um seine Leberkässemmel zu essen. Es ist eines von mehr als 200 Bankerln, für das die 6000-Seelen-Gemeinde zum Weltrekordhalter gekürt wurde. Das Rekordinstitut Deutschland befand, dass in keinem anderen Ort weltweit mehr Bänke pro Quadratmeter zu finden seien.
Die Idee, sich nicht nur als Luftkurort zu präsentieren, sondern etwas ganz Besonderes vorzuweisen, hatte Tourismuschef Herbert Reiter. Als die Bänke im Ort marode zu werden begannen und ersetzt werden mussten, dachte der Tourismusbetriebswirt zunächst an braune Parkbänke, doch erschien ihm das zu langweilig. Themenbänke sollten her, 20 Stück. Sie sollten den knapp zwei Kilometer langen Höhenweg – heute heißt er „Boarischer Entschleunigungsweg“ – von Aschau zum Ortsteil Pölching aufwerten. Im Herbst 2012 begann die Aktion.
Wer will noch mal, wer hat noch nicht?
Ein „regelrechtes Bankerlfieber“, sei seitdem ausgebrochen, erinnert sich Reiter. 200 Themenbänke, von Vereinen, Privatpersonen, Gewerbebetrieben, Institutionen und Kirchen gestiftet, gibt es mittlerweile. Weitere stehen auf der Warteliste. „Wir haben uns eine Obermarke gesetzt. Das Individuelle, das Besondere und Ausgefallene soll bleiben“, erklärt Reiter. Da die Bänke meist aus Naturmaterialien wie Holz oder Stein bestehen, müssen sie im Laufe der Jahre durch neue ersetzt werden. Gemeinsam mit den Stiftern werden die Themen entwickelt. 300 Euro bis zu mehreren Tausend lassen sie sich eine Bank kosten.
Der Münchner Tourist bestaunt nach seiner Leberkässemmel erst einmal eine Bank in Form eines Fasses, die unweit des Rathauses steht. Direkt vor dem Sitz von Bürgermeister Simon Frank befindet sich eine weitere Kuriosität: die „Miss Kampenwand“-Bank. Wieder ein Rindvieh. Diesmal eine Kuh, die zum Ku(h)rpark weist. Auf dem Weg in den Park, vor der Tourist-Information, lächelt dem Münchner Ilse Aigner entgegen. Auf dem Schoß der Bayerischen Landtagspräsidentin lässt er sich nieder, umrahmt von zwei Lausdirndln. Schließlich ist Aigner für Emanzipation. Als sie im Jahr 2014 nach Aschau kam, vermisste sie zum Lausbuambankerl vor der Grundschule das weibliche Pendant und stiftete eines.
Sie ist nicht die einzige Prominente geblieben, die sich vom Bankerl-Fieber anstecken ließ. Moderatorin Carolin Reiber, durch Dreharbeiten im Ort bekannt, stand auf der Ehrenliste und wurde zur Stifterin. Da sei ihm „ein Missgeschick passiert“, gesteht Reiter. Als er alle Bankerl-Inhaber angeschrieben habe, um darum zu bitten, ihre Themenbänke zu renovieren, sei aus Versehen Carolin Reiber mit angeschrieben worden. Sie habe angerufen, ob das ein Wink mit dem Zaunpfahl sei, wo sie doch noch keine Bank habe. „Ich habe mich aufrichtig entschuldigt“, sagt Reiter, doch Reiber sei eine herzliche Frau und habe geantwortet, was nicht ist, könne noch werden. Bank Nummer 160 ward geboren. Sie befindet sich an der Prien, einem der längsten Wildbäche Bayerns, der sich durch den Kurpark schlängelt und im Chiemsee mündet. Gleich gegenüber von Reibers steht nun auch die jüngste von einer Prominenten gestiftete Bank. Sängerin Stefanie Hertels Bank ist aus hellem Holz mit dem Schriftzug „Über jedes Bacherl geht ein Brückerl“ , dem Titel ihres Liedes, mit dem sie 1992 den Grand Prix der Volksmusik gewonnen hatte. Hertel sei zur Einweihung stilecht mit dem Trabant, ihrem Vater sowie Ehemann Leopold Lanner angerollt gekommen, erzählt Reiter. Sie lebt in der Gegend am Chiemsee.
Eine Pumuckl-Bank für Hans Clarin
Doch auch Promis, die Aschau zu ihrer Wahlheimat gemacht haben, stifteten Themenbänke oder erhielten sie von der Gemeinde als Geschenk. Schauspieler Christian Wolff, der ursprünglich aus Berlin stammt. bekam zum 75. Geburtstag eine Bank. Sie steht unweit seines Wohnhauses. An Pumuckl-Stimme Hans Clarin, 2005 in Aschau verstorben, erinnert vor dem Kindergarten eine rot- gelb-grüne Bank mit braunem Fußteil und der bekannten Figur mit dem feuerroten Schopf dahinter. Die Olympia-Silbermedaillen-Gewinnerin von Nagano im Freestyle, Tatjana Mittermayer, stiftete ein aus Skiern bestehendes Bankerl und Sternekoch Heinz Winkler eines aus Stein mit einem Bacchus drauf.
Zum 40. Geburtstag vor zwei Jahren bekam auch Tourismuschef Herbert Reiter von Gästen seine eigene Bank geschenkt. Von Herberts Schlossblick aus sieht er auf Schloss Hohenaschau, wo sich der Münchner Tourist auf dem Schloss-Ratsch-Bankerl gerade mit seiner Bekannten aus Leipzig gut unterhält. Bekäme er hier einen Herzinfarkt, könnte er gleich geortet werden. Wer den Notruf wählt, müsse nicht mühsam erklären, wo er sich befindet, erklärt Reiter. Die Banknummer genüge, und die Leitstelle wisse, wohin sie kommen müsse. „Mehrere Beinbrüche bis zur Bewusstlosigkeit“, erzählt Reiter, sind schon gemeldet worden. Das könnte im Notfall gerade für Ortsunkundige hilfreich sein – ob vom Niederrhein, aus München oder Leipzig.